State of East

Regisseur Dennis Gansel hat mit Moritz Bleibtreu als Zugpferd den internationalen Ost-Thriller „Die vierte Macht“ gefertigt. Passt gerade recht zu den aktuellen Moskauer Zuständen wie die Bombe zum inszenierten Terrorismus. Allerdings besser im orginal gedrehten Englisch zu geniessen.

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Der in Deutschland erfolgreiche Journalist Paul Jensen (Moritz Bleibtreu) lässt sich nach privaten Troubles gen Moskau holen, um dort das bekannteste Society-Magazin aufzupolieren. Dort, wo schon sein Vater ebenso schreibend werkte wie zu Tode kam. Eine Art Heimkommen. Über Nacht wird er Liebling der Szene, mittendrin in den Macht-Spielchen und der Anziehungskraft einer Redakteurin erlegen, reisst es den Guten in den Strudel der politischen Wirren. Getreu dem Motto „Der Morgen kommt nach jeder Nacht, es kommt das Glück, hättest du es gedacht?“ (Julio Iglesias, 1977) wird Jensen nach einem Bomben-Anschlag als Terrorverdächtiger vom Regime-artig agierenden Apparat in ein Gefägnis verfrachtet und sitzt ein inmitten von – erfasst – tschetschenischen Untergrund-Kämpfern. Auch Terroristen genannt. Die Handlung nimmt ihren dunklen Lauf … im Kino unter dem Code "Die vierte Macht".

Sichtweise Osten

Thriller ist Königsklasse im Kino. Die aufgedrehte Version der Suspense ist nunmal auch schwerer zu fertigen, als die vermeintlich Lo-Fi gefertigten Horror-Schinken des letzten Jahrzehnts. Das war auch für Dennis Gansel klar, der nach Erfolgen wie „Die Welle“ oder „Napola“ seinen ersten Film nach internationalem Gardemass abliefert. Ein bisserl ein Wunschkonzert durfte es da schon sein. Angefangen vom Etat und Team bis zu den erstrangigen Gesichtern in tragenden Rollen. Der seit Jahren auf höchstem Level funktionierende Moritz Bleibtreu als Zugpferd mit Max Riemelt anbei für lokale Begierden, klasse Persönlichkeiten wie Rade Serbedzija und Stipe Erceg und als New Face die ebenso breit aufgestellte wie bezaubernde Kasia Smutnia ergeben insgesamt ein feines Fundament als Charakteren.

Der politisch basierende Stoff um die Mechanismen der Macht und Manipulation wird mit enormen Tempo – geradezu hastig a la Snapshots – vorangetrieben. Da stellt man sich mitunter die Frage, ob es ursprünglich eine längere Fassung gab. Und ob und wann denn der gute wie nötige Directors Cut kommt. Ebenso ursprünglich war die allererste Fassung des Stoffes von Gansel übrigens nicht ganz unpassend in Süditalien angelegt, wo sich manche Parallelen zum neuen Spielort Osteuropa finden. Der im Rahmen der Recherche auch gründlich bereist wurde.

Über der vordergründigen Handlung steht im Endeffekt die Grundfrage nach den Mechanismen der Macht, der (auch schon mal nachvollziehbaren) Natur des medial verbratenen Terrors sowie die aus dem Effeff beherschte Manipulation der Massen. Passend wortwörtlich brandaktuell in Russland und manchen seiner ehemaligen Partnern wie der Ukraine.

Fallnetz Sprache

Der deutsche Sprachraum ist seit Jahrzehnten einer der wenigen internationalen Märkte, der noch immer von der Synchronisation dominiert wird. Um nicht entstellt zu schreiben. Das macht auch „Die vierte Macht“ zu schaffen, da viele Handlungsstränge durch die glattgestrichene Synchro irritierend verlaufen. Gedreht wurde nämlich in Englisch, was dem Film auch deutlich besser bekommt, nicht derartig zerreisst und die Continuity bewahrt.

Im Interview vertritt Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu – selbst ebenso sattelfest in Italienisch, Französisch und Englisch – dementsprechend auch die Meinung, dass man generell auf die Übersetzungen verzichten sollte, um die guten Filme nicht zu beschädigen. Gegenbeispiele wie genannter Keanu Reeves oder Siebziger-Serien wie „Die Zwei“ oder „Jason King“ von der grandiosen DEFA und Deutschen Synchron sind rarer gesäht. Mal das beiseite gelassen wandelt „Die vierte Macht“ auf dem schmalen Grat zwischen Überraschung und Absehbarkeit, wobei man durchaus zur positiven Sichtweise des Gesamten tendieren kann. Die farblich stringente Codierung von kühl und grobkörnig bis flashy macht einen schlanken Fuss. Moskau als Location wurde der einfacheren Abwicklung halber im ehemaligen Ost-Berlin und Kiew gefunden, durchaus ansehnlich übrigens.


Der im Original als „The Fourth State“ laufende Film bleibt im Fazit nach Abzügen in der B-Note nicht der erhoffte Meisterwurf von Dennis Gansel. Ohne die teilweise starken Leistungen der Charakter-Darsteller wäre es enger geworden, ein Bleibtreu patzt sich ebensowenig an. Die internationale Vermarktung läuft überraschend gut von den USA über Japan bis zu England oder Skandinavien. Spannend bleiben natürlich die Reaktionen aus Russland und dem Umfeld. Ebenso allerweil ein weit über dem Level hochangepriesener Hauptabend-Programm-Epen angesiedelter Thriller.

Interview mit Moritz Bleibtreu

Der Film ist fertig und die internationale Lizensierung läuft allerorts gut. Wie ist deine persönliche Erwartungshaltung für die Rezeption in Russland?

Den Leuten auf der Straße wird der Film hoffentlich gefallen. Da geh ich jedenfalls von aus aus. Es gibt ja auch nicht wirklich so viele andere Filme direkt zu dem Thema. Wobei man sagen muss, dass wir nie vorhatten, einen Film über russische Politik und die dortigen Zustände zu machen. Es ist ein Film, der sich hauptsächlich damit beschäftigt, wie funktioniert und was bedeutet Terrorismus? Wie wird er wann von wem instrumentalisiert, wie wird Leuten Angst gemacht? Darum ging es viel mehr. Dass es so eine Aktualität bekommt, weil der verrückte Putin wieder antritt, das konnten wir beim Dreh gar nicht wissen. Quasi eine feine Werbekampagne für unseren Film, die der gute Mann da gemacht hat. Wenn der Film in Russland läuft, gehe ich davon aus, dass die Leute ihn feiern. Und dass er von offizieller oder staatlicher Seite zugelassen wird. Russland ist ja kein in sich abgeschottetes diktatorisches System wie Nordkorea oder Burma, sondern eine Demokratie. Zumindest nennt man das so, man nähert sich an. Und da müssen sie Demokratie zulassen. Teilweise wird das ganz klar gewünscht, alleine schon um sich den Anschein der Weltoffenheit zu geben. I’m looking forward, würde der Ami sagen. Ich freu mich darauf, den Film samt den Reaktionen dort zu sehen.

Wie man hört, war dein Englisch zu gut, dass die Regie von dir mehr deutschen Akzent wollte.

Ach nein, nach vier Drehtagen war das passé. Warum sollte der nicht gut Englisch sprechen. Er ist Journalist, kommt aus Berlin und der Level dort ist hoch.

Gefilmt wurde in Englisch, wo es möglich war. Wie fühlst du dich mit der Synchronisation? Die macht ja im Flow mitunter Probleme.

Das ist die Geißel der Synchronisation. Wenn es nach mir ginge, würde es keine Synchronisation geben. Überhaupt bei mehrsprachigen Filmen, da schleichen sich ganz schnell mal Fehler ein. Natürlich ist es auch für deutsche Augen ungewohnt, mich oder Max (Max Riemelt als Fotoreporter) entgegen der Gewohnheit synchronisiert zu sehen. Auch wenn wir es auf Deutsch selbst machen konnten. Es ist eben wirklich ein großer Unterschied, ob man einen Film im Original sieht oder nicht. Wobei man auch bedenken muss, dass es auch den umgekehrten Weg gibt. Speziell bei Klamauk-Filmen oder einzelnen Schauspielern, denk an Keanu Reeves als durchaus fähigen Schauspieler mit einer nicht so gesegneten Stimme. Der gewinnt in der Synchro und kommt besser auf Deutsch.

Du sprichst auch Italienisch und Französisch, gibst du da ebenso deine Stimme her?

Nein, das sollen die machen, die darin wirklich gut sind. Zudem ist die Arbeit mühsam und lausig bezahlt. In Italien ist es ähnlich wie bei uns. Wenn du sonst in der Welt herumschaust, gibt es meist die originalen Filme zu sehen. Selbst in Albanien, wo du es nicht so annehmen würdest.

Du bist gerade in der wunderbaren Situation, dir deine Rollen aussuchen zu können.

Sehe ich gar nicht so. In den zwanzig Jahren hatte ich noch nie drei unfassbar gute Stücke gleichzeitig vor mir liegen. Es gab maximal Überschneidungen wie bei „Inglourious Basterds“, was ich auslassen musste, weil ich gerade mit Fatih (Akin. „Soul Kitchen“) drehte. Ärgerlich, klar. Ich bin natürlich froh, wenn ich sehe, dass ich als bei einem guten Projekt dabei sein darf. Ganz so rosig ist die Lage des deutschen Filmmarkts ja auch nicht.


Bekommen internationale Produktionen eher den Vorzug? Es ist ja ein Buy Out zu bemerken.

Für mich zählt die Vision, mein Interesse. Es sind hier viele gute Filme gemacht worden, es ist gewachsen. Woran der deutsche Film leidet ist, dass die etablierten Genre-Regisseure nach Hollywood abwandern. Was ja auch vollkommen klar ist. Die Amerikaner sind die letzten Großen, die den Weltmarkt beobachten. Wenn die dann sehen, dass einer einen kleinen Film wie „Lola rennt“ macht und zwei Millionen Leute in Deutschland reingehen, international gut verkauft und auch in den USA Erfolg hat, dann fragen die mal schnell „Wer sind Sie denn junger Mann?“ Das passiert laufend, auch bei noch nicht so etablierten Regisseuren.

Robert Schwentke ist da ein gutes Beispiel. "Tattoo" oder "Eierdiebe" haben an der Kassa nicht so gut funktioniert, waren aber handwerklich feine Arbeit. In Deutschland neigt man dazu, nicht zu differenzieren. Entweder alles super oder schlecht. Kein Abwägen, ob es mit der Presse nicht funkte, der Verleih nicht dahinter stand, oder schlechte Schauspieler am Werk waren. Dann sieht ein Ami „Tattoo“, hört das Budget, fragt nochmals und schon hört man „Komm mal rüber“. (Nachher machte Schwentke Blockbuster wie "Flightplan", "Die Frau des Zeitreisenden" oder "R.E.D. – Älter, Härter, Besser"). Das wird euch Österreichern auch bald noch mehr blühen, bei dem guten Zeug, was da in den letzten Jahren entstanden ist.

Interview mit Dennis Gansel

Von der Idee über das Buch bis zur Regie war alles in deiner Hand. Wie hast du die Recherche angelegt? Siehst du Russland anders als zuvor?

Ja. Definitiv. Ich war viel in Moskau und Petersburg, hatte viele Gespräche und Recherchen. Da ist man klar sensibilisiert gegenüber dem Thema. Was mich besonders erstaunt hat ist, dass die Theorie, die im Film vertreten wird, dort als offenes Geheimnis behandelt wird. Am Anfang dachte ich, dass es ein Riesen-Skandal wäre wie bei uns in Deutschland. Ist es nicht. Oft ist die Andeutung besser als die explizit ausgesprochene Deutung. Was ich auch gespürt habe ist das Brodeln in der Gesellschaft. Der Druck nach Offenheit, der starke Drang nach einer liberalen Öffnung. Ich überlegte noch, ob wir die Demonstration mit 350 Komparsen oder nur mit 80 drehen sollten. Ich nahm 350 weil es das spannendere Bild gab. Was sich logischer anfühlte. Nun siehst du schon Fernseh-Bilder mit 80.000 Leuten auf einer Demonstration. Wir wurden mit unserem Film von der Realität eingeholt. Nun bin ich natürlich gespannt, wie die Wahlen verlaufen, was sie verändern.

Eine andere Farbe der Realität dort, nicht?

Klar. Ich habe versucht, vor allem in den von Kasia Smutniak und Rade Serbedzija gespielten Figuren die aktuelle russische Sicht zu zeichnen. Ich habe sehr oft vor Ort gehört, dass man den Verlauf der Dinge verstehen muss. Wissen warum Russland im Kern so ist wie es ist. Dass sich in den letzten Jahren auch in der Mittelschicht ein gewisser Wohlstand gebildet hat, die Erfahrungen mit der Demokratie für einen Grossteil der Bevölkerung katastrophal waren. Zum Beispiel gibt es da eine sehr junge Chefredakteurin von Russia Today CNN Russia, von Putin finanziert. Die sind nicht blauäugig und verstehen wie die Administration mit Dingen umgeht. Durchaus klare Sicht, was da abgeht. Da kommen Leute auf die zu und erzählen dir von den Anschlägen, plötzlich möchte ein alter KGB-Oberst mit dir sprechen. Man läuft offene Türen ein. Ein Land, wo man sicher noch mehr Zeit braucht um durchzusteigen.

Wie hast du das Farbspektrum angelegt, das sich sanft verändert?

Wir hatten ein Farbkonzept, das sich mit dem Zustand von Moritz verändert. Geht es ihm gut, ist es wärmer. Dann kommt die körnige Kälte. Es war uns wichtig die emotionale Reise des Helden mit den dementsprechenden Bildern zu untermalen.

"Die vierte Macht" lääuft bereits im Kino.

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