Stilbruch im Kollektiv

Es gibt kaum etwas, das die Atzgerei nicht macht. Die Mitglieder illustrieren, designen, filmen, animieren und machen Poster für Sonic Youth oder über Nazar. Ein einheitliches ästhetisches Konzept steckt ebenso wenig dahinter wie eine feste Struktur. Was also ist die Atzgerei?

Grenzen überschreiten und Teamwork schreiben sich in der Kunst und im Design viele auf die Fahnen. Oft bleiben es aber einfache Lippenbekenntnisse. Wenn man es tut, dann bitte konsequent. Wie die Atzgerei. Das Wiener Kollektiv hat in den vergangenen Jahren oft genug für Staunen gesorgt. Es greift auf ein Arsenal an Ausdrucksformen zurück, die man aus der Subkultur kennt: Comic, Street Art, Trash und Do-it-Yourself ergeben einen subversiven Mix, der sowohl bei Auftragsarbeiten als auch bei freien Kunstprojekten ausgelebt wird – mal mehr, mal weniger intensiv. Damit sticht die Atzgerei heraus, erntet Beifall wie Kopfschütteln, wird bewundert, aber auch skeptisch beäugt.

In der Musikszene wurden die Künstler mit limitierten Konzertplakaten für Bands wie Sonic Youth, Melvins, Deichkind oder Xiu Xiu bekannt, die anfangs einfach persönlich kontaktiert wurden. Man muss sich eben nur trauen. Damit eroberte sich die Atzgerei einen Bereich, der zwar in den USA durchaus üblich ist, hierzulande aber Neuland war. Versteht sich von selbst, dass man sich nur an solche Bands wandte, die man auch selber gerne höre. Der erste und wichtigste Schritt in Richtung Professionalität war der Auftrag, eine visuelle Sprache für das Brut im Wiener Künstlerhaus zu entwickeln. »Die hatten damals zwei neue junge Chefs, die gerade nach Wien gekommen waren und sich für alles offen gezeigt haben«, so Michael Tripolt, ein Gründungsmitglied der Atzgerei. »Wenn dein Plakat plötzlich in der ganzen Stadt hängt, schafft das natürlich eine ungeheure Aufmerksamkeit.« Das bildete die Grundlage für neue Aufträge. Wie jenem vom Donaufestival, dessen Flyer und Plakate die Atzgerei vergangenes Jahr einem Redesign unterzog.

Gegründet wurde das Kollektiv 2005 von Michael Hacker, Tobias Held, Franz Nikolaus Scheichenost, Christopher Sturmer und Michael Tripolt. Ein Großteil von ihnen studierte Grafik und Werbung an der Angewandten und genoß die Möglichkeit, sich in den diversen Werkstätten auszutoben. Die Gründungsmitglieder verbanden vor allem zwei Dinge: Das Unbehagen, die künstlerische Freiheit des Studiums aufzugeben und die Liebe zum Siebdruck. Man fand ein Atelier in Atzgersdorf (im 23. Bezirk in Wien), das auch als Namensgeber fungierte. Seit 2005 hat sich manches geändert – der Kern ist aber der gleiche geblieben. Heute teilen sie sich mit anderen Kreativen zu neunt eine ehemalige Tischlerei in Ottakring, in der es nach Farbe riecht und in der man Apple-Laptops ebenso sieht wie eine bunt bemalte Waschmaschine. Wie viele Personen nun definitiv zur Atzgerei zählen, ist nicht ganz so klar und im Grunde auch egal. Kurt Prinz, Fotograf: »Ich arbeite gemeinsam mit Christopher Sturmer, der als Maler Autodidakt ist, im Künstlerkollektiv Stirn Prumzer, zähle mich aber selbst mittlerweile auch zur Atzgerei.«

Leidenschaft für Analoges

Die freie Vernetzung mit anderen Künstlern und Kreativen aus allen Bereichen – von Musik bis egal was – ist eines der zentralen Wesensmerkmale der Atzgerei. Berührungsängste gibt es nicht, aber auch keine gegenseitige Verpflichtung, Projekte immer zwingend gemeinsam durchzuziehen. Auch formal ist die Atzgerei kein Verein oder Firma, sondern jeder arbeitet als Einzelunternehmer. Ohne jeweils eigenes finanzielles Standbein würde das ganze vermutlich nicht funktionieren. Ob ein Auftrag in der Gruppe (und in welcher jeweiligen Zusammensetzung!) durchgeführt werde, ergebe sich so oder so. Dadurch entstehe ein beständiger Austausch zwischen der Gruppe und ihren Mitgliedern – in beide Richtungen.

Ja, die Atzgerei sei eigentlich hauptsächlich eine Marke, und das, »obwohl wir das ganze Studium lang gekämpft haben, keinen Markenkern haben zu müssen, wozu uns unsere Professoren an der Angewandten immer gedrängt haben«, so Tripolt, der es als gelernter Werbegrafiker wissen muss. Nur wofür die Marke Atzgerei denn stehe, das können oder wollen die Beteiligten nicht sagen. Antiästhetik? Trash? Hemdsärmeligkeit? Punk-Attitude? Angeblich alles eher Habwahrheiten.


Auch gegen die Unterstellung, das Kollektiv würde ein gemeinsamer ästhetischer Entwurf vereinen, wehrt man sich vehement. »Ein ästhetisches Konzept verbindet unsere Arbeiten sicher nicht«, stellt Tripolt klar. Am ehesten noch die Leidenschaft für Analoges. »Es ist sympathisch und angenehm, ohne Computer zu arbeiten.« Das fällt natürlich besonders in einer Zeit auf, in der die slicke Ästhetik allgegenwärtig ist. Einen weiteren Vorteil der interdisziplinären Herangehensweise nennt Tripolt auch noch: »Nach dem Studium kannst du dich in eine Agentur setzen und als Grafiker oder Texter oder sonst was arbeiten. Ich wollte aber diese Spezialisierung gar nicht, sondern ich wollte Verschiedenes machen und eine Werkstatt haben.«

Trash muss nicht trashig sein

Mit ihrem subversiven Anti-Stil läuft die Atzgerei freilich Gefahr, den Stempel des stets Alternativen aufgedrückt zu bekommen und womöglich in einigen Jahren als »Berufsjugendliche« zu gelten. Dagegen wehrt man sich selbstbewusst: »Auch Trashiges muss professionell gemacht werden. Oder wer glaubt ernsthaft, dass uns jemand ein Kampagnenbudget anvertrauen würde, nur weil wir so coole Jungs sind?« In solchen Fällen verweist man gerne auf potente Kunden wie Red Bull, die die Atzgerei schon mal mit dem kompletten Branding beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel beauftragt hat.

Einen Widerspruch zwischen freien Arbeiten und kommerziellen Aufträgen sieht das Kollektiv nicht: »Jede kommerzielle Problemstellung ist eine Herausforderung, die absolut Spaß macht. Das Gute ist ja, dass die Kunden zu uns kommen, weil sie etwas Bestimmtes wollen, und nicht umgekehrt«, so Tripolt. Und Kurt Prinz ergänzt: »Was heißt schon alternativ oder trashig? Was früher trashig war, ist heute Mainstream. Wer sagt, dass das nicht auch bei ›unserem‹ Stil der Fall sein wird?« Ein Ablaufdatum der Atzgerei sei daher ebenso wenig abzusehen wie eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung –Kommerz oder Kunst.

Mit dem Geldverdienen für große Namen spielt sich die Atzgerei jedenfalls wieder ein Stück frei für Projekte wie »Blut und Loden«, einem satirischen Low-Budget-Anti-Heimatfilm, der in den Kärntner Bergen spielt und kein Klischee auslässt: Da fließt Herzblut hinein, das sieht man bei jeder Szene. Ob die Arbeit im Kollektiv nicht auch seine negativen Seiten habe? Zweifelsohne gebe es Reibungsverluste, so Tripolt. »Man könnte vieles alleine schneller machen, Organisatorisches zum Beispiel. Die Kommunikation ist nicht immer einfach. Aber dafür trifft die eine Idee auf die andere, es wird auch viel gestritten, aber am Ende ist jeder fähig, runterzusteigen und sich auf den anderen einzulassen. Das ist schon eine ungeheure Bereicherung.«

Die Atzgerei nimmt nicht für sich in Anspruch, in Österreich einzigartig zu sein. »Wir waren nicht die ersten und werden nicht die letzten sein. Wir haben auch keine Vormachtstellung«, so Kurt Prinz. „»Es gibt jüngere, aber auch ältere, die ähnlich arbeiten, zum Beispiel das Designkollektiv Zwupp in Graz. Wir haben eine aktive, gute Szene in Österreich.« Die Arbeit in der Menschentraube sehen die Atzgerei-Kreativen jedenfalls als Zukunftsmodell, allein schon deshalb, weil die technischen Mittel – von Grafik über Musik bis Film – heute für jeden verfügbar seien und dem Kollektiv alle Möglichkeiten zur Verfügung stünden. Diese Revolution sei nicht aufzuhalten, selbst wenn es erst seit ein paar Jahren interdisziplinäre Klassen an den Kunstuniversitäten gebe.

Im Klartext heißt das aber auch: Wenn das Kollektiv zum Modell und der einzelne Kreative zum eigenverantwortlichen Mitspieler wird, dann sind die Arbeitswelten von früher endgültig Geschichte. Die vielfach prophezeite Welt der vernetzten Freelancer wird Realität. Das scheint die Jungs von der Atzgerei nicht zu stören. Man kann sich eh nur schwer vorstellen, wie sie als Grafiker oder Texter nine-to-five in einer Agentur arbeiten und an ihre Pension denken. Da bleiben sie lieber Handarbeiter.

Die Atzgerei hat die Sammel-Ausstellung "Arche 2012 – Die letzte Weltausstellung", die von 19. bis 28. Oktober im Wiener Gschwandner zu sehen ist, wesentlich mitkuratiert. Zum Artikel geht es hier.

Sie hat auch das Nazar-Cover der Oktober-Ausgabe von The Gap illustriert. Dafür auch an dieser Stelle noch einmal ein großes Danke.

Bild(er) © Atzgerei
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