Symptome des Systems – Vier Filme über Krankheit und ihre Auswirkungen

Krankheit im Film ist meist mehr als eine reine Opferdarstellung. Sie kann erzählerisches Mittel sein, um gesellschaftliche Missstände oder Familiendynamiken aufzuzeigen. »Baba, What’s Your Plan?«, »Die noch unbekannten Tage«, »Teresas Körper« und »Mein halber Vater« verknüpfen individuelle Erfahrungen mit sozialen Zusammenhängen.

© Sixpackfilm

Wenn in einer Familie einer krank ist, dann sind alle krank, erklärt Tolga Karaaslans Vater Celal zu Beginn des Dokumentarfilms »Baba, What’s Your Plan?«. Krank ist auch Celal, er leidet seit einigen Jahren an Krebs. Dieser lässt sich zwar mit Krankenhausbesuchen im Zaum halten, beeinflusst aber seine Lebensqualität und Erwerbstätigkeit sowie das Leben seiner Familie erheblich.

Dennoch: »Der Film soll zeigen«, so der Regisseur, »dass mein Vater kein Opfer einer Krankheit oder eines Systems ist, sondern dass er selbst über sein Leben bestimmt. Auch wenn es Unsicherheiten über seine Gesundheit und berufliche Situation gibt.« Die Krankheit mag eine körperliche Last sein, worin aber die wahren Herausforderungen stecken, zeigt die Dokumentation deutlich: in der harten Arbeit, die Celal alltäglich schupfen musste; im Staat, der ihm seine Invaliditätspension nach wie vor nicht zugesteht. Dass Symptome systemische Makel repräsentieren können, beschrieb auch schon die US-amerikanische Autorin Susan Sontag in ihrem Essay »Krankheit als Metapher«. Laut ihr würde diese nie neutral abgebildet, sondern als bedrohliche Kraft fungieren, die Menschen überfällt und Leben zerstört. Sie werde als Symbol für emotionale Unterdrückung, soziale Degeneration oder kulturelle Dekadenz genutzt.

Krankheiten ergeben in dieser Lesart das Sinnbild einer »kranken Gesellschaft«, die von innen zerfressen wird. Sie stehen nicht für individuelle Biografien, sondern für eine allgemeine innere Leere, für Identitäts- und Kontrollverlust sowie für moralischen Verfall. Celal nimmt in seiner Erzählung nicht nur die Rolle des Kranken ein. Er ist gleichzeitig ein türkischer Immigrant, der in den dreißig Jahren, die er in Österreich lebt, erst lange auf eine Arbeitserlaubnis warten und dann schwer im Schichtdienst schuften musste; der die Jobs, die weniger physische Erschöpfung bedeutet hätten, schlichtweg nicht bekommen konnte. Menschen wie sein Vater, befindet Tolga Karaaslan, hätten nicht die Möglichkeit, »als Individuum gesehen zu werden. Sie kämpfen sich durch Barrieren wie die Sprache, Bürokratie oder das Gesundheitssystem und haben dabei ihre eigenen Verantwortungen, Träume und Ängste.«

Eine migrantische Biografie findet sich auch in der Doku »Die noch unbekannten Tage« von Jola Wieczorek. Die Regisseurin wollte mehr über die Beweggründe ihrer Mutter Wiesława wissen, aus denen diese Ende der Achtziger mit der Familie aus Polen geflohen war. Wie viele Zeitzeug*innen, die Tragisches erleben, weigerte sie sich jahrzehntelang, darüber zu sprechen. Nun hat Wiesława bald keine Gelegenheit mehr dazu. Denn sie beginnt nach und nach »zu vergessen«. Die Erkrankung ihrer Mutter habe, so Jola Wieczorek, schleichend Eingang in den Film gefunden. »Zu Beginn wollte ich das gar nicht thematisieren.« Schließlich wurde klar, dass »ihre Krankheit einen kleinen, aber notwendigen Platz in der filmischen Erzählung einnehmen muss«. So ergibt sich mit der sich anbahnenden Demenz auch hier eine Krankheit, die von Flucht und schwierigen Jahren in Österreich gerahmt ist.

Jola Wieczorek versucht die verblassenden Erinnerungen ihrer Mutter Wlesława in »Die noch unbekannten Tage« einzufangen. (Bild: Fahrenheit Films)

Patriarchale Unterdrückung

Der Spielfilm »Teresas Körper« von Magdalena Chmielewska dreht sich ebenfalls um die Mutter der Filmemacherin, allerdings um eine fiktionalisierte Version von ihr. Teresa lebt nach wie vor in Polen und leidet an chronischen Rückenschmerzen – eine Folge harter Arbeit, aber auch patriarchaler Unterdrückung. »Schütze Mama vor Papa«, beten zwei kleine Mädchen in einer Traumsequenz immer wieder. »Mein Körper ist in dieser Verfassung, weil mein Leben nicht gut war«, meint Teresa selbst. Dennoch beschwert sich diese selten und macht niemanden für ihren »kaputten« Körper verantwortlich. »Ihre Strategie war immer: weitermachen trotz des Schmerzes«, erzählt die Tochter über die reale Teresa. »Diese Ambivalenz – Schmerz und Funktionieren – hat mich stark geprägt.«

»Teresas Körper« erzählt die fiktionalisierte Geschichte der Mutter von Regisseurin Magdalena Chmielewska. (Bild: Sixpackfilm)

Keine Standesdünkel

Dass Krankheit vor keinem sozialen Hintergrund halt macht, zeigt der nächste Film. Viki Kühns Vater Herbert mag zwar aus einer gut situierten Wiener Familie kommen, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich nach einem Schlaganfall und einseitiger Lähmung allerdings zunehmend. »Mein halber Vater« dokumentiert diesen Prozess. Auch hier werden wieder patriarchale Strukturen aufgegriffen: Wenn das traditionell männliche Haupt der Familie nicht mehr kann, was passiert, was verändert sich dann?

Die vier Filmemacher*innen holen neben den kranken Protagonist*innen auch den Rest ihrer Familien vor die Kamera. So entstehen Dynamiken, die zeigen, wie unterschiedlich jede*r einzelne mit einer derartigen Situation umgeht. Während Tolga Karaaslan in »Baba, What’s Your Plan?« immer hinter der Kamera beobachtet, die Monologe und direkte Anrede seines Vaters oft nur mit einem »Hm« quittiert, rücken »Mein halber Vater«, »Die noch unbekannten Tage« und »Teresas Körper« die Eltern-Kind-Beziehungen deutlicher ins Zentrum. Wieczorek, Kühn und die Töchter bei Chmielewska werden hierbei zu Gegenpolen der Kranken. »Am ersten Drehtag wurde mir klar«, erinnert sich Jola Wieczorek, »dass ich diesen Schritt vor die Kamera wagen musste. Ich bin ebenso Teil dieser Geschichte. Wenn ich meine Familie bitte, sich zu zeigen, dann muss auch ich mich zeigen.«

Alltägliches Leiden

Allen Filmen gemein ist, wie Leiden als Teil des Alltags dargestellt wird. Die Krankheit wird weder als Katalysator für Tränen, Schock und Mitgefühl missbraucht, noch wird sie rein auf Extremzustände reduziert. Die Figuren hingegen werden pointiert gezeichnet. Tolga Karaaslan unterbricht an einem Punkt den Dreh, weil Celal abermals ins Krankenhaus muss und weil er selbst eine psychische Auszeit braucht. Wenn Celal über die Schmerzen spricht, dann wandert der Kamerablick, zeigt nur seinen Schatten. Manchmal ist nur seine Stimme aus dem Off zu hören.

Auch Herbert rückt mit fortschreitender Verschlechterung immer weiter aus dem Blickfeld. Zu Beginn sieht man ihn, einigermaßen kommunikativ, wie er versucht mit seiner mobilen linken Seite ein Handtuch aufzuheben. Gegen Ende des Films scheint er nur mehr ans Bett gefesselt, die Sprache wird immer undeutlicher. Kühns Handkamera hat ihn immer weniger im Fokus, man erhascht seinen von Krankheit geplagten Körper nur noch in Ansätzen oder aus schiefen Winkeln. »Mir war wichtig, die Fragilität meines Vaters sichtbar zu machen, ohne sie auszubeuten oder ihn auf seine Krankheit zu reduzieren«, erläutert die Regisseurin. »Ich wollte keine entblößenden oder rein körperlich drastischen Bilder zeigen, sondern eher Zustände andeuten – das Nachlassen, die Verschiebung von Rollen, die körperliche Veränderung.« Mit diesen filmischen Kniffen entziehen sich die beiden Filmemacher*innen dem inszenierten leidvollen Ausnahmezustand und konzentrieren sich auf die langfristige Lebensrealität mit all ihren Veränderungen und neuen Routinen.

Viki Kühn dokumentiert in »Mein halber Vater« den immer schlechter werdenden Gesundheitszustand ihres Vaters. (Bild: KGP Filmproduktion)

Was ist normal?

Um auf Sontag zurückzukommen: Diese beschreibt Krankheit als Eintritt in ein anderes gesellschaftliches Reich, das getrennt von der Welt der Gesunden existiert. Betroffene werden ausgegrenzt, gemieden, weggeschoben. Im Film zeigt sich das häufig durch Settings wie Krankenhäuser, Sanatorien oder psychiatrische Kliniken. Diese Darstellung verstärkt das Bild von Krankheit als Fremdzustand sowie die Vorstellung, dass Kranke außerhalb des normalen sozialen Lebens stehen.

Herbert liegt zumeist in seinem Zimmer im Krankenbett. Jenes Bett, in das sich seine Tochter gerne mit der Videokamera legt, um etwa darüber zu sinnieren, wie ihr Vater durch das Fenster die Welt sieht. Celal wandert einsam durch die Wohnung, fährt mit seinem Auto im anonymen Straßenverkehr oder besucht die oft desolaten, weitläufigen Orte seiner Kindheit in der Türkei, in denen er, der Langzeitemigrant, nun fremd und einsam ist. Teresa existiert an einem Nicht-Ort. In Berlin kann sie nicht als Pflegerin arbeiten, weil ihr kaputter Rücken keine schwere Last zulässt. In Polen muss sie aus ihrer Wohnung ausziehen, weil der Sohn ihres Expartners diese zurückfordert. Im Leben ihrer Töchter bleibt sie Beobachterin, während diese sich beim tranceartigen Tanz austoben. Krankheit ist hier mehr als ein körperlicher oder psychischer Zustand. Sie steht für gesellschaftliche Missstände, Entfremdung, Identitätskrisen. Sie bietet Raum für Kritik an Leistungsdruck, der Konsumgesellschaft und sozialer Isolation.

»Mein halber Vater« und »Baba, What’s Your Plan?« nutzen diese Kritik auch, um etwas über die oft unsichtbare Last der Mütter zu erzählen. Angehörige übernehmen darin die Betreuung Kranker. Dabei wird Familie zur emotionalen Stütze, moralischen Instanz und Pflegekraft zugleich, während das professionelle Hilfesystem anonym und distanziert erscheint. Viki Kühn filmt ihre Mutter Anna bei alltäglichen Prozeduren wie Saugen, Kochen, Christbaum-Schmücken, aber auch bei den Versuchen, mit einem gereizten Herbert zu kommunizieren oder ihn zu waschen: »Sie ist diejenige, die bleibt, trägt, organisiert und aushält – in gewisser Weise ist sie die Heldin dieser Geschichte.« Celals Frau Bilgi ist selten zu sehen. Ihre Abwesenheit erklärt sich aus der Notwendigkeit, Geld zu verdienen und die Familie zu erhalten. »Sie sieht mich die ganze Woche, das ganze Jahr«, erkennt Celal ihre Leistung an. »Ich lebe mit ihm«, schneidet Kühns Mutter der Tochter einmal das Wort ab, als diese scheinbar naiv suggeriert, man müsste dem Vater doch besser helfen können.

Öfters wird in den besprochenen Filmen suggeriert, dass Krankheit nicht nur durch Zufall oder individuellen Lebensstil bedingt ist, sondern durch gesellschaftliche Strukturen hervorgerufen oder zumindest verstärkt wird. Arbeitsdruck, Konsumzwang, soziale Isolation oder fehlende Sinnstiftung erscheinen als krankmachende Faktoren. Magdalena Chmielewska veredelt den realen Schmerz ihrer Mutter zu einem fiktionalisierten Kunstprojekt, in dem Knochen knirschen und Sauerkirschen wie Blutflecken an den Mündern leidender Frauen hängen bleiben. »Meine Wirbelsäule wird jeden Moment brechen«, stöhnt Teresa einmal. Die patriarchale Erniedrigung hat sie gebeugt. Nur der flache Boden, auf dem sie sich ausstrecken kann, bietet eine Kraft- und Ruhequelle.

In »Baba, What’s Your Plan?« zeigt Tolga Karaaslan den langjährigen Kampf seines Vaters Celal gegen Krebs. (Bild: Sixpackfilm)

Fragliche Realität

Gerade psychische Krankheiten wie die Demenz von Wiesława können eine starke Symbolik aufweisen. Sie machen innere Konflikte und subjektive Wahrnehmungen sichtbar, stellen die Realität infrage. Filme können solche Erkrankungen nutzen, um Identität, Schuld, Angst oder Orientierungslosigkeit zu thematisieren. In »Die noch unbekannten Tage« stehen alte Briefe und Tonaufnahmen als Zeug*innen für Wiesławas verblassende Erinnerung. »Ich weiß nicht mehr«, tönt es einmal, beim Besuch in Polen sowie von Stationen der Flucht, aus ihrem Mund. »Ich kann solch kleine Details nicht mehr sehen.« In anderen Momenten blitzt so ein scheinbar längst vergessenes Detail dann plötzlich wieder bei ihr auf.

Der Mut der Protagonist*innen, sich ihrer Situation und der Vergangenheit zu stellen, leitet zur letzten Funktion über, die Krankheit in diesen Filmen erfüllt: Man kann sie nämlich auch als eine Form des Widerstands gegen gesellschaftliche Zwänge lesen. Als Ausbruch aus normierten Lebensläufen und der Befreiung von Leistungsanforderungen. Die Figuren entziehen sich durch ihre Erkrankungen den Erwartungen der Gesellschaft. »Normalität« wird dadurch nicht als Maßstab für Gesundheit präsentiert, sondern als potenziell problematisches Ideal.

Am Ende steht dann so etwas wie Versöhnung mit der Realität und der Verschmelzung der unterschiedlichen Erfahrungen im Raum. »Mir war wichtig, meinen Vater als Persönlichkeit mit Humor, Eigenwilligkeit und Geschichte zu zeigen«, betont Viki Kühn. »Deshalb finden sich auch Erinnerungen, Widersprüche und Fragmente seiner früheren Stärke im Film.« In »Die noch unbekannten Tage« wiederum meint Jola Wieczorek tröstend zu ihrer Mutter: »Ich kenne jetzt deine Perspektive.« Die Dokumentation wurde zu einem Akt gegen das Verschwinden, erklärt die Filmemacherin im Gespräch. Magdalena Chmielewska andererseits rühmt ihre Mutter, die sich nie als Opfer verstanden habe. »Ich wollte, dass sie in meinem filmischen System das ganze Bild für sich einnimmt, nach all den Jahren, in denen sie neben den Männern in diesem patriarchalen System leben musste, die das ganze Bild für sich eingenommen hatten.« Und dann ist da noch Celal, der betont, die Diskussion über seine Invaliditätspension sei zweitrangig und wertlos, wenn er letzten Endes tot sei: »Zuerst einmal muss ich am Leben bleiben.« Ein gewisser Pragmatismus stellt sich ein, der in unserer »gesunden« Leistungsgesellschaft bei der Suche nach dem Immer-Besseren gerne auf der Strecke bleibt. Die Ängste, so Celal, würden irgendwann einmal verschwinden. Denn: »Was passiert, passiert.«

»Baba, What’s Your Plan?« von Tolga Karaaslan läuft am 19. März um 17:15 Uhr im Annenhof Kino 6 und am 20. März um 17 Uhr im Schubertkino 2. »Die noch unbekannten Tage« von Jola Wieczorek ist am 21. März um 20:30 Uhr im Annenhof Kino 2 sowie am 22. März um 17 Uhr im Schubertkino 1 zu sehen. »Teresas Körper« von Magdalena Chmielewska wird am 19. März um 19:45 Uhr im Kiz Royal 1 und am 20. März um 11 Uhr im Annenhof Kino 6 gezeigt. Und wer »Mein halber Vater« von Viki Kühn sehen möchte, hat am 20. März um 17:45 Uhr im Schubertkino 1 sowie am 21. März um 20 Uhr im Rechbauerkino die Gelegenheit dazu.

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...