Vienna Roller Derby: Vom Blocken & Jammen  

Rollerderby ist ein Vollkontakt-Sport aus den USA, in Österreich (noch) ein Nischensport. Wir waren bei einem Fundraiser-Scrimmage des Vienna Roller Derby A-Teams dabei.

© Nadine Poncioni

Die Spielerinnen tragen Knieschützer, fingerlose, gepolsterte Handschuhe, Ellbogenschützer, Helm und Zahnschutz. Die meist ärmellosen, weißen oder schwarzen Trikots verraten ihre Nummer und ihren Roller Derby-Namen: Lottabotta, Betty Boom, Honey Badger, Italian Stallion, Wonderzebra. Diese Kunstnamen haben ganz unterschiedliche Bedeutungen: Manchmal sind es Abwandlungen des Geburtsnamens, manchmal passt der Name zum Verhalten auf dem Spielfeld, oft ist es ein Wortspiel oder gefällt einfach nur lautmalerisch. Sucht sich die Spielerin selbst keinen Namen aus, wird ihr vom Team einer gegeben.

Ursprünglich war Rollerderby kein frauendominierter Sport. 1935 ging es noch einfach nur darum, auf einer Bahn Runden auf Rollschuhen zu fahren – für weibliche und männliche FahrerInnen gleichermaßen. Bald langweilig geworden, machte Rollerderby durch brutale Rempeleien und eine hohe Verletzungsgefahr auf sich aufmerksam. 1999 wurde der Sport in den USA von größtenteils weiblichen Punks und diversen feministischen Bewegungen wieder aufgegriffen und neu entdeckt. In den nächsten Jahren fand Rollerderby den Weg nach Europa – nicht zuletzt durch die 2009 erschienene Rollerderby-Liebeserklärung „Whip it“ von und mit Drew Barrymore.

Beim Training, auch Scrimmage genannt, darf an diesem Tag auch zugesehen werden – die Spielerinnen trainieren gerade für die Teilnahme am Roller Derby World Cup 2018 in Manchester. Erstmals soll dort auch ein österreichisches Team vertreten sein, wer hinfahren darf, wird Ende Juni bei Try-Outs entschieden.

Die schwarzgewandeten Spielerinnen haben sich am Tag dieses Trainings vor Publikum schwarze Vollbärte aufgemalt, frei nach Conchita Wurst, der Kunstfigur, mit der Tom Neuwirth 2014 den Eurovision-Songcontest gewann. Sie sind Team Conchita. Die Spielerinnen des weißen Teams „Sisi“ haben vereinzelt lange weiße Ball-Handschuhe an. Sie winken verheißungsvoll mit gekrümmter Hand, ganz wie die Kaiserin. Die Roller Girls des A-Team der Vienna Roller Derby trainieren mehrmals wöchentlich –„Off Skates“-Krafttraining und Kondition, zwei 60-minütige Trainingsspiele und sechs Stunden Techniktraining stehen am Programm. Wir haben sie besucht:

Das Spiel

Vier Blocker pro Team sind das Pack, das nahe zusammenbleiben muss. Sind sie zu weit auseinander, hagelt es Penalty-Zeit. Eine Spielerin pro Team ist die Jammerin. Über ihrem Helm trägt sie eine enge Haube mit einem Stern darauf, damit sie für jeden als solche erkennbar ist. Die beiden Jammerinnen stehen etwas weiter hinter dem Pack, sie haben eine eigene Startlinie. Je fünf Spielerinnen jedes Teams sind auf dem Spielfeld, auf den Bänken warten beim einen Team zwei und beim andern drei darauf, dass gewechselt wird. Viele Spielerinnen sind krank oder fehlen. Normalerweise besteht ein Rollerderby-Team aus 12 bis 14 Spielern.
Anpfiff erfolg durch eine Non-Skating-Official,  welche mit den Schiedsrichtern in der Mitte des Spielfeldes steht. Die beiden Jammerinnen, Lottabotta im weißen Team Sisi und Italian Stallion im schwarzen Team Conchita, drängen sich gegen ihre Gegenspielerinnen, und versuchen, an ihnen vorbei zu kommen. Die Blocker-Teams halten sich gegenseitig an den Ellbogen. Sie fahren in einer engen Kreis-Formation und versuchen, eine möglichst starke Mauer zu bilden, um die jeweils gegnerische Jammerin nicht durchzulassen. Die Jammerin, die es als erste durch die gegnerische Defensive schafft, hat den Initial Pass gemacht, und ist damit Lead-Jammerin – sobald sie es das zweite Mal ins Pack schafft, bekommt sie einen Punkt pro überholter Gengerin. Pro Umrundung kann sie so vier Punkte machen, unter Umständen sogar fünf, sollte sie an der gegnerischen Jammerin auch noch einmal vorbeifahren.

Furchtlose Chearleader

Der Kampf um die Punkte ist kraft- und ausdauerintensiv. In der Pause dürfen auch Männer aufs Spielfeld: Die Fearleader sollen das Publikum mit ihrer Euphorie für den Sport anstecken. Mit Rollenklischees spielend, tragen die männlichen Cheerleader kurze, enge Hosen und tanzen klassische Cheerleader-Choreografien. Beim Training sind leider nur zwei von ihnen anwesend und mimen – unverkleidet – die DJs: Es läuft „Run the world (Girls)“ von Beyoncé, „Rise like a phoenix“ und „Ich gehör nur mir“ aus dem Musical Elisabeth.

In Action kann man sie beispielsweise hier sehen:

Lust bekommen?

Einige Spielerinnen sind vor Beginn ihrer Rollschuh-Karriere zuletzt als Kinder auf Rollen gestanden. Sie haben ihre Routinen im Laufe des Trainings perfektioniert. Als Newbie lernt jede neue Fahrerin die richtige Technik und die Regeln des Rollerderby kennen. Besteht sie den Minimum Skills Test, wird sie Intermediate. Profiliert sie sich auch dort, darf sie offiziell an den Bouts, den Spielen gegen andere Teams, teilnehmen. Einmal im Jahr startet eine neue Newbie-Klasse, wer Lust hat, kann bei den Recruiting-Days vorbeischauen.

Mehr Informationen gibt’s auf viennarollerderby.org

 

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