Worte trennen, Bilder verbinden

Otto Neurath, wissenschaftlicher Tausendsassa aus Wien, wollte in den 20er Jahren Wissen durch die Kombination von unverwechselbaren Bildsymbolen demokratisieren. Sie sind uns heute noch als Piktogramme im öffentlichen Raum vertraut. Porträt eines Visionärs und „Gesellschaftstechnikers“.

Wir finden am Flughafen von Doha den Weg zur Gepäckaufbewahrung, verstehen auch ohne Worte, dass in Singapur Spucken verboten ist und können uns selbst in der U-Bahn von Tokio orientieren: Weil Piktogramme uns den Weg weisen. Was soll daran bemerkenswert sein? Sie waren nicht immer da, die Piktogramme. Entwickelt wurden sie im Wien der zwanziger Jahre. Von einem groß gewachsenen bulligen Mann, der seine Briefe statt mit seinem Namen stets mit einem gezeichneten Elefanten signierte.

Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, Sozialreformer und Ökonom – das alles ist Otto Neurath. Er erkennt als einer der ersten, dass das 20. Jahrhundert ein Zeitalter des Auges ist, dass der moderne Mensch Information am besten über Bilder aufnimmt. „Worte trennen, Bilder verbinden“ – diesem Motto folgend macht sich Otto Neurath daran, ein Lexikon von schematisierten und für die damalige Zeit völlig neue Zeichen zu entwickeln. Von einer „Renaissance der Hieroglyphen“ ist in einer schwedischen Zeitung die Rede. Spielendes Kind, Bauarbeiter, Kaffeebohnen, Geldstücke: Otto Neuraths „sprechende Symbole“ beeinflussen heute noch unseren Alltag, so wie auch die Entdeckung des Unbewussten oder der Libido. Sigmund Freud: Diesen Namen kennt jede und jeder. Auch wenn der Vater der Psychoanalyse erst spät Anerkennung fand. Otto Neurath: Wie? Noch nie gehört. Dieser Name ist nur Experten bekannt.

Die Zeitgeschichtsschreibung sollte Otto Neurath als einem der bedeutendsten Österreicher des 20. Jahrhunderts endlich Gerechtigkeit, Sachlichkeit und Gründlichkeit zuteil werden lassen, schrieb Viktor Matejka, ehemaliger Wiener Kulturstadtrat, im Jahr 1982. Passiert ist das bis heute nicht. Immer noch findet Otto Neurath mehr Anerkennung im Ausland als im Inland, noch immer wird er nicht in einem Atemzug mit Freud, Wittgenstein, Loos oder Kokoschka genannt. Dabei ist Neuraths Visualisierung der Kommunikation, die sich nachhaltig als System von Piktogrammen verankert hat, nur der sichtbarste Teil seiner Arbeit.

Neurath kombiniert seine Bildsymbole zu aussagekräftigen Tafeln im Dienste einer Demokratisierung des Wissens. Sein Publikum ist der ermüdete Proletarier der 20er und 30er Jahre.

Soziologische Grafik

„Die moderne Demokratie verlangt“, schreibt Neurath, „dass breite Massen der Bevölkerung sachlich über Produktion, Auswanderung, Säuglingssterblichkeit, Warenhandel, Arbeitslosigkeit, Bekämpfung der Tuberkulose und des Alkoholismus, Ernährungsweisen, Bedeutung des Sportes, körperliche und seelische Erziehung, Schulformen, Verteilung der Schulen auf die Bewohner, Volkswohnungsbau, Gartenstädte, Kleingarten- und Siedlungsanlagen, Standorte der Industrien unterrichtet werden.“ Das Wissen um die Ressourcen ist für Neurath Bedingung für deren Umverteilung. Abstrakte Tatsachen wie die sozialen und ökonomischen Verhältnisse will er einer sinnlichen Wahrnehmung zugänglich machen. Er holt dazu den Kölner Grafiker Gerd Arntz nach Wien, der wesentlich für die reduzierte Gestalt der Piktogramme verantwortlich zeichnet, und er beschäftigt so genannte Transformatoren: Wissenschaftler, die statistisches Zahlenmaterial für die Darstellung in der Bildersprache aufbereiteten.

„Solange die Statistik in den Händen der Gegner liegt“, so Neurath damals, „fehlt der Arbeiterbewegung ein wichtiges Mittel des Neubaus“. Auf Tortengrafiken und Balken verzichtet er konsequent, er will Relationen, Größenordnungen greifbar machen. Und zwar nicht durch größere und kleiner Symbole, die vom Gehirn schwer zu verarbeiten sind, sondern durch Wiederholung von gleichen Symbolen: Fünf Scherenschnittmännchen mit hängendem Kopf stehen für fünf Millionen Arbeitslose, drei geballte Fäuste für 30 Millionen Streiktage. Diese Bilder bleiben hängen. Sofort erkennbar sind auch die Auswirkungen der Rationalisierung in einem österreichischen Steinkohlenbergwerk: deutlich weniger Arbeiter fördern mehr Kohle. „Vereinfachte Mengenbilder sich merken, ist besser als genaue Zahlen vergessen“. Auch dass die Höhe des durchschnittlichen Einkommens in einem Land eine direkte Auswirkung auf die Höhe der Kindersterblichkeit hat, bleibt jedem haften. Ein über einen stilisierten Säugling gedruckter schwarzer Kindersarg sorgt für die emotionale Ergriffenheit, die uns Fakten besser erinnern lässt.

Internationale Bildersprache

Seine Arbeitsweise nennt Neurath zuerst „Wiener Methode der Bildstatistik“, später dann, nach seiner Emigration nach Holland, ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education). Um soziale Aufklärung, um Erziehung geht es ihm mit seiner Bildstatistik.

Kein Fernsehen, kein Internet: Neurath sah in den 20er Jahren im Medium „Ausstellung“ die Möglichkeit zur Vermittlung komplexer wissenschaftlicher Inhalte an große Bevölkerungsgruppen. Nicht ein herkömmliches Museum, in dem Objekte mit ein paar beschreibenden Worten ausgestellt werden, hat Neurath im Sinn, sondern ein noch zu schaffendes Sozialmuseum, in dem Sachverhalte durch die Anordnung von Bildsymbolen dargestellt werden. Er begründet in Wien das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, gestaltet für die Volkshalle im Wiener Rathaus große Ausstellungen und schickt sie auch in Form von Wanderausstellungen durch die Bezirke, schließlich sollte das Museum auch die Unterprivilegierten erreichen. Bald kommen Niederlassungen in Berlin, Amsterdam, Den Haag, New York und London hinzu. Volksbildung ist für Neurath aber nicht bloß die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Bildungsarbeit bedeutet für ihn umfassende Aufklärung mit dem erklärten Ziel, zu einer Verbesserung der Lebenslage beizutragen.

Gesellschaftstechniker

1918 ist Otto Neurath 36 Jahre alt und Privatdozent für Nationalökonomie und Spezialist für Fragen der Kriegswirtschaft. In der Umbruchsphase nach dem Ende der Monarchie kommt er zur Überzeugung, dass nun der Zeitpunkt gekommen wäre, die kapitalistische „Wildwirtschaft“ durch eine „beglückende Verwaltungswirtschaft“ abzulösen. Er entwickelt ein Konzept der Vollsozialisierung, scheitert damit aber beim ersten Umsetzungsversuch Anfang 1919 in Sachsen. Erfolgreicher ist Neurath dann in Bayern, wo er Ende März 1919 zum Präsidenten des neu geschaffenen bayerischen Zentralwirtschaftsamtes ernannt wurde. Nur drei Wochen später, nach Ausrufung der Münchner Räterepublik, wird er abgesetzt. Nach dem Sieg der „weißen Armee“ sieht er sich dennoch mit einem Hochverratsprozess konfrontiert, wird auch verurteilt, aber zuvor nach Österreich ausgewiesen. In einem Verteidigungsgutachten schrieb Otto Bauer, stellvertretender Parteivorsitzender der österreichischen Sozialdemokraten, dass Neurath kein Politiker, sondern ein Gesellschaftstechniker sei. Bei der Erstellung seiner gesellschaftstechnischen Gutachten nimmt Neurath aber auch in Österreich wenig Rücksicht auf die augenblickliche politische Machtverteilung.

Gypsy Urbanism

In Wien kommt Neurath in Kontakt mit der proletarischen Massenbewegung der Siedler, die sich „nach Zigeunerart“ öffentliche Grundstücke aneignen und darauf Häuser und Gärten errichteten. Diesen „Gypsy Urbanism“ sieht Neurath als Chance für eine Wohnbaureform, die auf genossenschaftlicher Organisation und Tauschhandel beruhen soll. Neurath gründet den Hauptverband des Siedlungs- und Kleingartenwesens, um die „wilden Siedler“ bei der Neuplanung Wiens zu unterstützen. Die Schrebergartenbewegung ist für ihn kein kleinbürgerlicher Eskapismus, sondern ein auf Selbstversorgung, alternativen Wohnbau und Genossenschaftswesen ausgerichteter Teil der Arbeiterkultur.

Der Verband entwickelt mehrere Prototypen erweiterbarer Kleingartenhäuser, die auf modernsten Prinzipien der Effizienz basieren und von den Siedlern zu einem großen Teil durch Eigenleistung errichtet werden. Neurath kann nachmalige Star-Architekten wie Josef Frank, Adolf Loos oder Margarete Lihotzky für seine Ideen gewinnen, eine Ausstellung im Rathaus zieht 1923 über 200.000 Besucher an und bis 1924 werden 4.500 Häuser errichtet. Auf breiter Ebene kann sich die Siedlerbewegung aber nicht durchsetzen, das Rote Wien bevorzugt festungsähnliche Superblocks vulgo Gemeindebauten.

Institut in Moskau

Neurath stürzt sich umso intensiver in die internationale Verbreitung seiner Wiener Methode der Bildstatistik, wird auch nach Moskau eingeladen, um dort ein „Institut Isostat“ zu gründen. Mindestens fünf Mitarbeiter aus Wien sollten stets in Moskau sein, um Kader von russischen Spezialisten einzuschulen. Durch ein Dekret des Rates der Volkskommissare aus dem Jahre 1931 werden alle öffentlichen und genossenschaftlichen Stellen im Sowjetreich dazu verpflichtet, sich der Wiener Methode der Bildstatistik zu bedienen. Die Kooperation mit Moskau kommt zwar nie in vollem Umfang zustande, ermöglicht Neurath aber nach dem Bürgerkrieg in Österreich im Februar 1934 die Flucht nach Holland. Nach einem Besuch in Moskau kehrt er nicht nach Wien zurück, wo er bereits als Kommunist denunziert und gesucht worden war.

In Den Haag führt er seine Arbeit in geringerem Umfang weiter, große Aufträge bleiben aber aus. 1940 kann Neurath nach dem Einmarsch der Nazis in den Niederlanden gerade noch in einem Ruderboot mit seiner dritten Frau, Marie Neurath, nach England flüchten. Nach Monaten der Internierung – es setzt sich auch Albert Einstein für ihn ein – nimmt er sein Wirken in London wieder auf, veröffentlicht Bücher, die auch in der New York Times Beachtung finden: „Otto Neurath‘s ‚Modern Man In The Making’ employs the Isotype to fine effect“ heißt es da lobend in der Ausgabe vom 1. Oktober 1939. Wie schon seine als „Museum ohne Grenzen“ gedachte 100 Tafeln umfassende Ausstellung „Gesellschaft und Wirtschaft“ ist „Modern Man In The Making“ vom Anspruch geprägt, Geschichte lebhaft und interessant durch Visualisierungen zu erzählen. Für den wenigen Text im Buch verwendet Neurath Basic English. Diese künstlich vereinfachte Verkehrssprache umfasst nur 850 Wörter und wurde vom Briten Charles K. Odgen entwickelt. Neurath zeigt sich von diesem Programm einer „Entbabylonisierung“ der Sprache begeistert und illustriert auch Basic English-Schulbücher.

Isotype für Nigeria

Ende 1945 will Neurath nach Österreich zurückkehren, völlig unerwartet stirbt er am 22. Dezember 1945 im Alter von 63 Jahren. Von der „Visual History of Mankind“ waren da zwei Drittel bereits fertig. Marie Neurath, seine Frau und langjährige Mitarbeiterin, führt das Isotype-Projekt in England weiter. Sie produziert auch Wissensvermittlungsbroschüren für Nigeria. Schon früh hatte Neurath gesagt, dass er im Grunde seine Arbeit nicht für die Wiener, sondern für die Afrikaner geschaffen habe. Er sollte recht behalten, erinnert sich Marie Neurath: „Die Bildsprache, die Regeln, konnten dieselben bleiben. Die naive, konkrete Gestaltung spricht die Menschen an, wo immer sie leben.“

Selektion, Strukturierung und verdichtende Reduktion von Information, darin lag der entscheidende Teil der visionären Gestaltungsleistung des Informationsarchitekten Otto Neurath. Für den Information im Übrigen keine Ware, sondern Allgemeingut war, auf das jeder Bürger Anrecht hat. Heute würde Otto Neurath wohl an einer visuellen Wikipedia-Enzyklopädie arbeiten, selbstverständlich unter Creative Commons-Lizenz.

Im Wiener MAK (1., Stubenring 5; Mi-So 10-18 Uhr, Di 10-24 Uhr, Mo geschlossen) ist bis 5. September die Ausstellung „Otto Neurath. Gypsy Urbanism.” zu sehen.

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