20 Jahre Female Pressure: Wo stehen wir heute?

Seit knapp 20 Jahre besteht die Datenbank Female Pressure, die bis heute aufzeigen soll, dass Frauen in der elektronischen Musik keine exotische Nebenerscheinung sind. Was ist seitdem passiert, wie agiert die Wiener Szene und was leisten neue Initiativen wie Femdex? Ein Überblick.

»Gründet Clubs, macht eure eigenen Partys!«

Während einige VeranstalterInnen in Wien zumindest hinter vorgehaltener Hand noch immer über die fehlende Verfügbarkeit von weiblichen DJs sprechen, etablieren viele neue Veranstalterinnen und DJs neue Eventreihen, die aktiv von Frauen geprägt werden. Etabliertere, regelmäßig stattfindende Reihen wie Scheitern im Opera Club oder Femme DMC im Fluc sowie Struma + Idoine werden ergänzt durch das von Zarah Klein organisierte Common Contact im Titanic, das Unsafe + Sound Festival, organisiert von Shilla Strelka, das im vergangenen September in verschiedenen Locations über die Bühne ging, Eklaxtasy im Rhiz, die von Misonica initiierte unregelmäßig stattfindende Veranstaltungsreihe Hope X im Titanic und zuletzt im Au, Clinic, V ARE von Joja und Misonica sowie die von Femdex im letzten Jahr ins Leben gerufenen Reihe Utopia 3000 im EKH und die Veranstaltung Gönnerin, bei der Frauen die Möglichkeit haben, sich das erste Mal hinter dem DJ-Pult zu beweisen.

Das Argument, Line-ups mit hohem Frauenanteil würden keine Leute anziehen und damit den wirtschaftlichen Erfolg schmälern, wird mit einigen erfolgreichen Veranstaltungen entkräftet. Mit der von Femdex initiierten Reihe Utopia 3000 im EKH will man gewissermaßen ein neues Konzept schaffen – sowohl das Line-up als auch das Veranstaltungsteam besteht aus mindestens 50 Prozent female identified persons, auf Gästeliste und Backstage-Bereich und die damit verbundene Zweiklassengesellschaft wird bewusst verzichtet – mit Erfolg. »Uns wurde oft von anderen Leuten vorgeworfen, dass wir unsere Veranstaltungen nicht so umsetzen können, weil das viel zu nischig ist. Wir können da einen sehr guten Gegenbeweis liefern, das Konzept wurde gut angenommen, es war extrem voll, und es ist faszinierend, wie viele unterschiedliche Leute das anspricht. Wir haben bei unseren Gästen einen Frauenanteil von über 60 Prozent, und das beeinflusst natürlich das Feeling. Ein ausgeglichenes Booking bedeutet nicht, dass sich die Veranstaltung nicht selbst tragen kann. Es liegt einfach in der Verantwortung von VeranstalterInnen, gesellschaftliche Diversität auf jeder Ebene herzuzeigen«, so Therese Kaiser.

Therese Kaiser ist selbst DJ und Mitinitiatorin der Plattform Femdex. © Wurlidaps

Während sich eine junge, weibliche Szene in der Wiener Clublandschaft bildet, ist diese in ihrer Gesamtheit dennoch weiterhin männlich dominiert – nicht nur die Line-ups betreffend. »Im ersten Moment sieht man natürlich das Line-up, aber es geht auch um die Strukturen, vom Booker, über die Geschäftsleitung bis hin zum Security. Ich frage mich immer, wie es sich wohl für mich anfühlen würde, wenn ich in einem Club arbeiten würde und um mich herum nur Frauen wären. Ich würde das vielleicht gut finden, aber es würde mir auffallen und ich würde mir schon Gedanken machen«, ergänzt Marlene Engel, die wie die Femdex-Crew bei der Organisation von Hyperreality etwa auch im Security-Team auf 50 Prozent Frauen setzt.

Spricht man mit VeranstalterInnen, ClubbetreiberInnen und AktivistInnen, so sind sich letztendlich alle einig: Verantwortlich dafür, eine Vielfalt zu zeigen, sind jene, die Acts buchen und Veranstaltungen organisieren. Für Marlene Engel ergibt sich daraus ein klarer Aufruf an alle Frauen: »Gründet Clubs, macht eure eigenen Partys!« Eine Variante, die zwar erfolgreiche Veranstaltungen hervorgebracht hat, letztendlich aber wohl dennoch nicht allein zu einem gewünschten Umdenken in der gesamten Landschaft führen würde. Spinnt man den Gedanken, dass immer mehr Frauen veranstalten und diese Partys vermehrt von Frauen – die ohnehin auch unter den Gästen in der Unterzahl sind – besucht und supportet werden, weiter, würde das in letzter Konsequenz zu dem zugegebenermaßen sehr unwahrscheinlichen Szenario einer kompletten Trennung zwischen Male und Female Partys führen – ein Ergebnis, das wohl kaum jemand für wünschenswert hält.

Rosa Reitsamer, Soziologin und Assistenzprofessorin am Institut für Musiksoziologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst, beschäftigt sich seit Jahren mit Geschlechterverhältnissen im Musikbusiness. Für ihr Buch »Die Do-It-Yourself Karrieren von DJs. Über die Arbeit in elektronischen Musikszenen« beschäftigte sie sich intensiv mit der Szene. Als Grund, wenn auch nicht als Ausrede für die Problematik sieht sie die noch immer geringere Anzahl an Acts: »Es gibt meines Erachtens nach wie vor weniger DJ-Frauen und Musikproduzentinnen, aber es kann doch kein Argument sein, Personen, die quantitativ unterrepräsentiert sind, von den Bookings auszuschließen und sie damit weiter zu marginalisieren.« Dem stimmt auch Susanne Kirchmayr zu – den Grund für die männlich dominierte Szene sieht sie in einer Spiegelung der Gesamtgesellschaft: »Ich glaube, dass keine Szene abgekoppelt vom Rest der Welt ist und dass Strukturen reproduziert werden. Diese würden sich nur dann nicht reproduzieren, wenn es ein explizites Anliegen der Szene wäre, zum Beispiel für Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen, aber das ist es natürlich nicht, weil andere Dinge im Fokus stehen, in unserem Fall die Musik. Das betrifft uns alle, niemand ist frei von Voreingenommenheit, aber es ist wichtig, marginalisierte Gruppen zu fördern und nicht immer nach Automatismen zu handeln.«

Was sagen die Clubs?

Fragt man Wiener Clubs gezielt nach Frauenförderung, so ist dies für den ein oder anderen wohl ein eher unangenehmes Thema – nicht zuletzt, weil viel verabsäumt wurde und sich die Szene per se als offen und tolerant sieht, wie Benjamin Hötzendorfer vom Werk erklärt: »Dass man aktiv gegensteuern muss, war wohl vielen nicht wirklich klar, weil man immer das Gefühl hat, sowieso offen für jede oder jeden zu sein. Frauen werden ja – zumindest in alternativen Szeneclubs – nicht aktiv diskriminiert, da würde bald mal jemand aufschreien.« Im Werk sieht man sich zwar voll und ganz in der Verantwortung, gibt aber gleichzeitig zu, dass Aktionen, die aktiv zur Frauenförderung beitragen, bisher verabsäumt wurden – und bedauert: »Wenn ich bedenke, dass es Female Pressure seit 20 Jahren gibt, dann ist es umso erschreckender, dass sich auf diesem Gebiet zumindest in Wien dermaßen wenig bewegt hat – und da nehme ich uns nicht aus. Ich denke, dass es viele weibliche DJs gibt, die das Zeug dazu haben, sich aber gar keine Chancen ausrechnen, gebucht zu werden. Die ganze Szene ist männlich dominiert, und es ist als Mann schon schwer, gebucht zu werden.«

Auch in der Grellen Forelle nimmt man das Thema zwar ernst, gesteht aber ein, dass in der Umsetzung noch einiges zu tun ist, wie Geschäftsführer Johannes Piller erklärt: »Wir müssen uns und unsere Veranstalter noch mehr sensibilisieren und darauf pochen, dass man aus der eigenen Blase ausbricht und sich einfach mehr traut. Wir sehen uns in der Verantwortung, Clubkultur in all ihren Facetten zu fördern. Dabei geht es darum, die gesamte Vielfalt sichtbar zu machen und das Publikum zu fordern, ohne dabei gängige Stereotypen weiter zu unterstützen. Dabei spielen weibliche Künstlerinnen als auch die LGBTIQ eine wichtige Rolle und davor dürfen die Augen nicht verschlossen bleiben.« Als konkrete Maßnahme sieht er vor allem Kommunikation – im Juni dieses Jahres lud die Grelle Forelle etwa die Initiatorinnen von Femdex zu einem VeranstalterInnen-Jour-fixe ein, um die angesprochene Sensibilisierung zu fördern und die Sichtbarkeit der weiblichen DJs mehr in den Fokus der VeranstalterInnen zu rücken, wie Piller weiter erklärt. Getan sei die Arbeit damit allerdings noch nicht, auch zukünftig wünscht man sich weitere Zusammenarbeit und will VeranstalterInnen regelmäßig auf die Thematik hinweisen.

Seite 3: Zusammenarbeit, Role-Models, Boy Groups

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