20 Jahre Röda: Jung sein in einer Kleinstadt ohne Smartphone

Vor 20 Jahren erkämpfte sich die junge Musikszene in Steyr ein Haus, das bis heute als Veranstaltungsort, Treffpunkt und Förderstelle für heimische Musik besteht. Im September wird gefeiert, gleichzeitig gestalten Wegbegleiter und Förderer zum Jubiläum ein Buch und einen Film.

»Mein Hintern gehört Steyr«, tönte Maurice vor zwei Jahren beim FM4-Überraschungskonzert von Bilderbuch im Röda. Zugegeben: Man kennt diese Ansagen von Bands, die dem jeweiligen Veranstaltungsort schmeicheln wollen. An manchen Abenden wirken sie aber doch glaubwürdig. Bilderbuch sind nicht unweit von dieser Bühne zur Schule gegangen, haben in der Region ihre ersten Konzerte besucht und gespielt, der Signature-Track »Maschin« wurde in Steyr aufgenommen. Die Musikszene in der oberösterreichischen Kleinstadt hat sich aber schon lange vor dem Hype rund um die heutige Cashcow im österreichischen Musikbusiness gebildet.

Bilderbuch vor knapp sechs Jahren im Röda

Fragt man nach den Wurzeln des Erfolgs von österreichischen Bands, landet man schnell bei Kulturinstitutionen, die Artists in ihren jungen Jahren fördern, ihnen eine Bühne, ein Publikum und eine Plattform bieten. Als eine solche Anlaufstelle gilt das Röda in Steyr seit mittlerweile 20 Jahren. Einer der Gründungsgedanken war die Schaffung von Proberäumen und Auftrittsmöglichkeiten und damit gewissermaßen auch die Bereitstellung einer Spielwiese für alle, die mit Musik experimentieren wollen. »Ohne diese Gegebenheiten gibt es keine Szene. Viele der Bands, die heute bekannt sind, wie beispielsweise Bilderbuch, Catastrophe & Cure oder Velojet, haben hier ihre ersten Konzerte gesehen und später hier ihre ersten Bühnenerfahrungen gesammelt«, erzählt Mike Glück. Er ist Teil des Teams, dass das Röda gegründet und mitgestaltet hat, und sitzt bis heute im Vorstand. Das selbstverwaltete Haus bietet mittlerweile drei Proberäume für jeweils zwei bis drei Bands und beherbergt drei unterschiedlich große Bühnen. Bespielt werden diese sowohl von lokalen Bands als auch von internationalen Acts, die, wie Betreiber und Freunde des Lokals betonen, immer wieder gerne zurückkehren. Die deutsche Band The Notwist habe sogar Tourtermine in Österreich danach geplant, wann sie im Röda spielen können, heißt es. Geschichten wie diese gibt es viele und in fast allen steht der Spirit, den ein selbstverwaltetes, offenes Kulturhaus in einer Kleinstadt eben mit sich bringt, im Fokus.

© Kulturverein Röda

Es muss was geben

Beherbergt in einer alten Tischlerei, die bis heute namensgebend ist, entstand das Röda durch eine große Community an musikhungrigen Menschen, die sich schon lange vor der Gründung gebildet hatte und aktiv Raum einforderte. Vorbilder waren mit der Kapu in Linz oder dem Schl8hof in Wels bereits vorhanden – man wusste, wie es funktionieren könnte, wenn Stadt und Land einmal überzeugt wären. Anfang der 80er Jahre herrschte Aufbruchsstimmung in Oberösterreich, getragen durch viele kulturelle und zeitkulturelle, auf Selbstgestaltung der eigenen Lebensumwelt bedachte Gruppen, die sich formierten und zur Kulturplattform Oberösterreich, kurz KUPF, zusammenschlossen. Gemeinsam suchte man – durchaus erfolgreich – den Dialog mit der Politik und erkämpfte sich dabei nicht nur notwendige (wenn auch nicht immer ausreichende) Subventionen, sondern vor allem Mitspracherecht. »Es muss was geben«, später namensgebend für Film und Buch über die alternative Musikszene in Linz, war mit einigen Jahren Verzögerung auch in Steyr das Credo.

Eine aktive musikalische Subkulturszene entstand nicht erst durch das Röda, ganz im Gegenteil: »Anfang der 90er hat es den Verein Kraftwerk gegeben. Wir haben in 14 Monaten 72 Konzerte veranstaltet – in einem Keller im Schmollgruberhaus am Steyrer Stadtplatz. Es hätte damals auch eine Alternative gegeben, in der Eisenstraße. Nur wir als junge, dumme Aufmüpfige haben uns für den Stadtplatz entschieden, weil wir gewusst haben, da gibt es garantiert Wickel und dann kommen wir irgendwann zu einem gescheiten Haus«, erinnert sich Mike Glück. Die Strategie ging nur teilweise auf, der Streit war zwar schnell da, das Haus bekam man allerdings erst, nachdem sich 450 Jugendliche rund eineinhalb Jahre später am Stadtplatz versammelten, um für die Schaffung eines Ortes zu demonstrieren, an dem – so die Vision – alles möglich sein würde.

Kleinstadt-Underground

Teil dieser Bewegung war auch Musikvideomacher, Dokumentarfilmer und Produzent Jakob Kubizek, kürzlich mit einer Romy für die Produktion von »Ochs im Glas« ausgezeichnet. Als ihn das Röda fragte, ob er Lust hätte, einen Film zum 20-Jahr-Jubiläum zu machen, war er schnell überredet. Im Fokus der via Crowdfunding finanzierten Dokumentation soll nicht nur das Kulturzentrum stehen, sondern vor allem auch die Szene, aus der es entstand, und die Begeisterung, mit der es getragen wurde.

»Am meisten interessiert mich die damalige Underground-Szene. Ich bin mir nicht sicher, ob es die in dieser Form heute noch gibt. Es gab damals kein Internet und keine Handys. Man hat Musik über Konzerte entdeckt und man hat sich als Band über Konzerte ausprobiert. Das hat einen Ort, an dem dieses Entdecken möglich ist, auch so reizvoll gemacht«, so Kubizek, zu dieser Zeit Mitglied der Band Superformy, die mehr oder weniger vom Steyrer Proberaum aus durch den Song »Pop Will Save The World« einen Vertrag mit einem deutschen Major Label an Land zog. Er war selbst Teil des Teams, das die alte Tischlerei in Eigenregie in ein offenes, selbstverwaltetes Haus mit Veranstaltungsräumen und Proberäumen verwandelte. Der Mangel an Geld wurde durch die Einsatzbereitschaft von vielen Freiwilligen ausgeglichen.

Dabei hat die Vision, das Röda aufzubauen, auch den ein oder anderen in Steyr gehalten. Florian Tanzer, heute Teil des VJ-Kollektivs Luma Launisch, folgte nicht, wie zuerst geplant, dem Ruf der Großstadt, sondern verbrachte stattdessen ein Jahr auf der Baustelle. »Ich war gerade mit der Matura fertig und wollte eigentlich unbedingt nach Wien, mich ausleben und fortgehen, aber das Röda hat mich letztlich gehalten. Alle hatten so eine Freude mit diesem Haus. Die Bereitschaft war riesig, wir hatten keine professionellen Arbeiter, sondern nur ein paar ältere Kulturaktivisten, die uns angeleitet haben. Irgendwann haben DJs auf der Baustelle gespielt, damit es lustiger wird«, erzählt er heute.

Eigeninitiative am Bau © Kulturverein Röda

Nach dem Umbau war das Röda nicht nur für die dort lebenden Schüler Anziehungspunkt. Viele all jener, die bei den Demonstrationen oder beim Umbau beteiligt waren und sich mittlerweile auf gen Studentenstadt gemacht hatten, kamen gern zurück. »Viele, die in Wien studiert haben, sind am Wochenende nach Steyr gekommen, um sich dort Bands anzuschauen. Diese Bands hätten auch im Flex gespielt, aber das Röda war für viele damals einfach ein ganz besonderer Ort«, schwärmt er. Mit dem Kollektiv Sonora Superstars organisierte Tanzer jahrelang Veranstaltungen im Haus und brachte neben klassischen Bands auch elektronische Acts nach Steyr, »obwohl am Anfang niemand verstanden hat, dass man einen DJ aus Berlin bucht, wenn man um das gleiche Geld auch eine richtige Hardcore-Band, die mit echten Instrumenten spielt«, holen könnte.

Generationswechsel

Dabei ist Florian Tanzer einer jener Wegbegleiter, die in den 20 Jahren zwischen Anfangseuphorie und dem diesjährigen Jubiläum zwischendurch in eine andere Richtung abgebogen sind. Nach vielen Jahren Arbeit für den Verein wandte er sich irgendwann zumindest teilweise ab, nicht zuletzt weil man sich programmatisch nicht immer einig war. Der Weg vom Verein, getragen allein durch Freiwillige, zur Veranstaltungsvenue, die regelmäßig bespielt wird und sich professionell organisieren muss, ist nicht immer einfach. Ehrenamtlichkeit wird schwieriger, sobald manche Tätigkeiten bezahlt werden. Gleichzeitig werden auch basisdemokratische Abstimmungen schwieriger, je mehr Menschen beteiligt sind. Wird eine kulturelle Einrichtung in einer Kleinstadt 20 Jahre alt, so kommt es fast zwangsläufig zu einem laufenden Generationswechsel. Während sich die einen nach der Schule Richtung Großstadt aufmachen und nur für einige wenige Veranstaltungen zurückkehren, rücken junge Leute nach. »Es war sicher auch ein Problem, dass sich irgendwann fast zu viele Menschen mit dem Röda identifiziert haben. Es können eben auch nicht 100 Leute bei The Notwist backstage sitzen«, gibt Tanzer heute lachend zu. Die von ihm und den Sonora Superstars ins Leben gerufene Veranstaltung Easter Megadance besteht bis heute, wenn auch nicht mehr unter seiner Organisation. Damit identifizieren kann er sich nur mehr teilweise, aber das sei in Ordnung.

Übernommen hat das Event Michael Weiler, der bei der jährlichen Osterveranstaltung seine ersten DJ-Erfahrungen sammeln konnte, heute mittlerweile ebenfalls in Wien lebt, aber wie so viele Röda-Besucher immer noch gerne nach Steyr zurückkehrt. Grund dafür ist nicht zuletzt, dass er jener Community etwas zurückgeben will, durch die er die Liebe zur elektronischen Musik entdeckt hat. Neben größeren Acts gibt die Osterveranstaltung auch Locals die Möglichkeit, sich auf einer großen Bühne vor knapp 500 Leuten zu beweisen. Bei seinen Bookings achtet Weiler heute darauf, auch DJs aus der Umgebung zu buchen. Schwierig sei das nicht, wie er sagt, denn rund um das Röda habe sich eine große Community gebildet – auch weil das dortige Beisl jederzeit als Spielwiese und Probebühne dient.

Catastrophe & Cure im Röda © Alex Koller / Kulturverein Röda

Während die Röda-»Urväter« vor allem von den Zeiten des Aufbaus schwärmen, erzählen die, die nachkommen, mit einer ähnlichen Begeisterung von ihrer »musikalischen Sozialisierung«, wie es Michael Weiler oder Max Atteneder von Catastrophe & Cure nennen. »Das Röda ist so etwas wie mein Wohnzimmer, wenn ich in Steyr bin. Ich habe hier meine ersten Konzerte gesehen und es ist die erste Bühne, auf der ich sehnlichst spielen wollte«, erzählt Max Atteneder. Auch er lebt mittlerweile nicht mehr in Steyr, die Bühne im Veranstaltungszentrum seiner Jugendzeiten ist für ihn aber noch immer etwas Besonderes – vor allem aufgrund der familiären Atmosphäre und des Umgangs miteinander kehrt er immer wieder gerne auf und vor sie zurück. »Dieser Schuppen gehört einfach schwer unterstützt«, schließt der Keyboarder von Catastrophe & Cure und spricht damit aus, was in allen Interviews rund um das Röda deutlich wurde.

Das Röda feiert am 9. September 2017 beim jährlichen Wehrgrabenfest sein 20-Jahr-Jubiläum. Im Rahmen der Feier wird auch ein Buch rund um die Geschichte der Kulturinstitution präsentiert, Ende des Jahres folgt zudem ein Film von Jakob Kubizek. Hier geht es zur Crowdfunding-Kampagne für Buch und Film.

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