Dass heute nicht mehr gelesen werde, ist eine viel beschworene, kulturpessimistische Behauptung. Was aber bedeutet diese These und was hält man ihr entgegen? Bianca-Maria Braunshofer, Gründerin der Buchhandlung O*Books, und die Romanistin Christina Ernst spüren frischen Wind in der Literatur.

Das Thema Bildung wird seit jeher politisiert. Nicht nur die Frage, wer gebildet ist und wie gebildet wird, entscheidet sich politisch, selbst was Bildung überhaupt meint, muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Und auch im aktuellen Kulturkampf zieht sich die Bildung durch so manche Argumentationslinie: Es werde nicht mehr gelesen oder was gelesen wird, sei keine echte Literatur, heißt es gerne von konservativer Seite. Komisch, denn sollte es beim Lesen von Literatur nicht eigentlich darum gehen, immer Neues zu entdecken – oder zumindest das Bekannte immer neu zu lesen?
Eine, die es sich zum Ziel gesetzt hat, neue Perspektiven auf die Literatur zu ermöglichen, ist die Buchhändlerin Bianca Braunshofer. Sie hat im Februar 2022 als Co-Gründerin die Buchhandlung O*Books im Nordbahnviertel in Wien-Leopoldstadt eröffnet – ein Laden, der ein bisschen aussieht wie ein Co-Working-Space, mit Couches und großen Fenstern.
Braunshofer beschreibt O*Books als Buchhandlung, die versuche, anderen Stimmen einen Platz zu geben. Dabei würden aber keine Bücher von vornherein ausgeschlossen. Denn O*Books sei nicht einfach auf ein thematisch orientiertes Sortiment beschränkt, sondern queer-feministisch »fokussiert«. Dem Team gehe es darum, den Kund*innen die Möglichkeit zu geben, Neues zu entdecken – zwischen den Klassikern, die auch im Laden verkauft werden. So findet man bei O*Books nicht nur Caroline Wahl, Mareike Fallwickl oder Elfriede Jelinek, klar, sondern auch ein ganzes Regal überschrieben mit »Literatur männlicher Autoren«, denn »die schreiben ja auch ganz gut«, findet Braunshofer.
Integrierter Feminismus
Ein als »queer« bezeichnetes Regal sucht man dagegen vergebens. O*Books will nämlich umsortieren, den gegenwärtig überwiegend eher männlichen Elfenbeinturm, der sich Literaturkanon nennt, ein bisschen auffrischen. Die Intention sei, nicht einfach zusätzlich feministisch zu sein, sondern den Feminismus zu integrieren, in alle Regale, in das ganze Sortiment.

Literatur, das sagt Braunshofer auch, gehe Hand in Hand mit Bildung: »Die Begriffe kann man eigentlich synonym verwenden.« Wichtig sei ihr zu betonen, dass Bildung nicht Ausschluss bedeute. Also nicht die Unterscheidung von gebildet und ungebildet, sondern einen Prozess, der häufig durchs Lesen stattfinde. Anstatt hierarchisch entscheiden zu wollen, was es wert ist, gelesen zu werden, geht es Braunshofer erst einmal darum, »zu lesen und lesen zu lassen«.
Jenseits enger Schubladen
Auf Basis dieses frischen Ansatzes hat Bianca-Maria Braunshofer gemeinsam mit Marlon Brand und Tobi Schiller kürzlich auch das Buch »Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm« geschrieben. Darin versuchen die drei, auf verständliche Weise und mit ein bisschen Witz, dem Lesen als Bildungspraxis näherzukommen. In einem Kapitel stellt die studierte Germanistin dabei die entscheidende Frage: »Wird queere Literatur durch ein Regal sichtbar gemacht – oder vielmehr abgetrennt?«
Zumindest für O*Books hat sie sich, zusammen mit ihrem Team, entschieden, Queerness nicht einen eigenen Platz zu geben, sondern über die Ladenfläche zu verteilen. Im Jugendbuchregal steht ein Buch mit dem Titel »Sex und so. Ein Aufklärungsbuch für Jungs Mädchen alle«. Zwei Worte des Titels sind allerdings durchgestrichen. Nicht für Jungs oder für Mädchen, sondern für alle liest man da jetzt. Das steht sinnbildlich für die Idee, sich Queerness als öffnenden und fluiden Begriff vorzustellen, wie es auch in Braunshofers Buch beschrieben wird: »Sexuelle und geschlechtliche Identitäten werden als fluide angesehen, starre Kategorien von und Sichtweisen auf Geschlecht und Begehren hinterfragt.« Oder, wie sie im Gespräch meint: »Ich bin zwar Germanistin, aber die Schubladen dieses Fachs sind mir zu eng, die meisten Kategorien zu starr.« Deswegen sei O*Books auch an einem breiteren Sortiment als es üblicherweise in Buchhandlungen vorhanden ist, interessiert.
Zwischen unterschiedlichsten Sachbüchern findet sich dort auch ein kleines rotes Büchlein des französischen Philosophen Emmanuel Beaubatie. »Bin ich kein:e Feminist:in?« heißt es. Das führt gleich zu einer zentralen Frage: Für wen ist dieser Laden eigentlich gedacht? Wer kommt hier rein? Oder: Was unterscheidet eine feministisch fokussierte Buchhandlung – die Bezeichnung ist der Buchhändlerin wichtig – von einer feministischen Buchhandlung? »Wir wollen, dass auch Menschen, die nicht ohnehin queere Literatur lesen, mit dieser in Berührung kommen«, sagt sie.

Aufs Lesen vertrauen
Für das ganze Team sei es ein besonderes Anliegen, Lesefreude auch bei Personen zu wecken, die noch nicht von sich aus mit Büchern umgehen. Deswegen veranstaltet Braunshofer, die auch gelernte Pädagogin ist, Leseveranstaltungen speziell für Kinder. Dort wird zum Beispiel das Lautlesen trainiert, begleitet von ihrer Lesehündin Gigi. Gigi hört den Kindern beim Lesen zu, denn Tiere sind die besten Zuhörer*innen. Sie be- oder verurteilen eine*n nicht. So soll ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, damit Kinder sich ihrer Lesefähigkeiten bewusst werden.
In der kurzen Zeit, in der sie diesen Laden nun führt, konnte Bianca-Maria Braunshofer bereits zahlreiche schöne Erfahrungen sammeln, von denen sie berührende Geschichten zu erzählen weiß. Zum Beispiel: Kurz nach der Eröffnung kam eine Teenagerin, im Rahmen eines Workshops, in den Laden. Flüsternd wandte sich die ungefähr 15-jährige an Braunshofer und meinte: »Weißt du, ich glaube, ich bin auch bi.« Die Buchhändlerin ermutigte sie, sich dieser Frage auch durchs Lesen zu widmen: »Schau, hier stehen viele Bücher, die sich damit beschäftigen.« Irgendwann traf sie das Mädchen wieder, das noch einmal flüsterte: »Jetzt weiß ich, ich bin bi.« Oder die Geschichte von einem anderen Mädchen, das in den Laden kam, als es gerade erst nach Wien gezogen war. Für das Gespräch und die Buchempfehlungen bedankte es sich am Tag danach bei Braunshofer mit einem Kaffee. Monate später folgte eine rührende Karte: »Some of my journey started here!«
Geschichten wie diese sind es, die auch in Zeiten, in denen Queerfeindlichkeit und Rassismus stärker werden, hoffnungsvoll stimmen können. Braunshofer zitiert die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal: »Aus taktischen Gründen leisezutreten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.« Deshalb antwortet auch die O*Books-Gründerin kurz und knapp auf den konservativen Geist, der mahnt, es werde nicht mehr gelesen: »Das stimmt nicht. Seit Hunderten von Jahren wird das Buch totgesagt, aber das Buch wird bleiben.« So ein Kulturpessimismus entspricht nicht ihrer Erfahrung. Beim Totsagen des Lesens geht es wohl eher darum, einen etablierten Kanon vor frischem Wind schützen zu wollen. Dabei ist die Idee dieses Kanons nie so stabil, wie sie sich gibt.
Was ist Kanon?
Christina Ernst, eine Romanistin, die am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft arbeitet, betont die Vielstimmigkeit auch eines restriktiven Kanons. »Selbst wenn man versuchen würde, einen Kanon ganz zu lesen, liest man immer nur einen ganz kleinen Auszug daraus.« Ein Kanon lässt sich als Netz verstehen, in dem viele Punkte, viele Autor*innen und Themen zusammenkommen. Diversität in der Literatur zu finden, ist kein plötzlicher Trend, sondern ganz einfach das Ergebnis einer genaueren Erforschung der Literaturgeschichte. In »Und jetzt queer!« wird diesbezüglich an die antike Dichterin Sappho erinnert, die auf der Insel Lesbos lebte. Ihre Texte fordern eine queere Lesart geradezu heraus.

Auch die Bücher, zu denen Christina Ernst forscht, seien »total kanonisch«. Sie beschäftigt sich mit Autosoziobiografien, einem Genre, mit dem vor allem einige aktuelle französische Autor*innen assoziiert werden. In erster Linie interessieren sie Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis. Die Bücher dieser drei Autor*innen finden sich selbstverständlich auch bei O*Books. Und Bianca Braunshofer empfiehlt hier gleich eine Liste von weiterer Literatur, die ähnliche Geschichten erzählt. Darin geht es meist um autobiografische Bildungswege, die mit soziologischer Theorie verknüpft werden. Und nicht selten auch wieder um das Lesen von Büchern. Bei Édouard Louis etwa gestaltet sich seine sogenannte Klassenflucht – aus seinem homophoben Herkunftsmilieu in das intellektuelle Paris – ganz deutlich über die Literatur und das Lesen. Klasse habe nämlich, so erklärt Christina Ernst, »etwas mit kulturellen Ausdifferenzierungen zu tun, nicht nur mit einem streng ökonomischen Modell«. Das lasse sich bei dieser Form der Literatur gut beobachten, weil hier auf Basis eigener Erfahrungen geschrieben werde.
Queerness und Sexualität spielten dabei ebenso eine große Rolle. Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis vereine »das Aufwachsen mit dem Gefühl, anders zu sein«, erläutert Ernst. Aus diesem Gefühl heraus entsteht dann eine Suche nach Modellen und Geschichten, die ähnliche Erfahrungen vermitteln, nach Literatur, die mit diesen umzugehen weiß. Wie in der Anekdote über das junge Mädchen, das überlegt, ob es bi sei. Oder, wie Christina Ernst es ausdrückt: »Man liest, um entwerfen zu können, wer man sein möchte.«
Das Buch »Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm« von Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand und Tobi Schiller erscheint am 3. März 2026 im Leykam Verlag.