Der neue Studio-Brauneis-Film rückt eine Institution ins Zentrum, in der fundamentale gesellschaftliche Fragen alltäglich werden. In »AMS – Arbeit muss sein« geht es um Lohnarbeit, Würde und die Möglichkeiten, sich innerhalb eines Systems zu bewegen, das viele nur als undurchdringlich kennen.

Was passiert, wenn wir aus dem System »Arbeit« fallen? Wenn uns eine kapitalistische Welt suggeriert, dass wir ohne »Beschäftigung« unseren Wert als Menschen verlieren? Und was sagt das über eine Gesellschaft aus, deren Strukturen zwar auffangen sollen, dabei aber selbst oft überfordern? Gemeinsam mit seinem Team arbeitet Sebastian Brauneis – Film für Film – daran, diesem Zustand etwas entgegenzusetzen. Nicht in Form einer großen Lösung, sondern als Haltung.
»Arbeit ist ja nicht umsonst ein Menschenrecht. Und klar: Auch wir wollen arbeiten«, betont der Regisseur. »Es ist eben nichts geschenkt. Und natürlich versuchen wir täglich, so gut es nur geht, zu zeigen, dass wir das können.« Den Filmarbeiter*innen von Studio Brauneis kauft man ab, dass sie ihre Stoffe aus einer sozialen Perspektive heraus entwickeln, ohne von oben herab darauf zu blicken. Ohne Voyeurismus, ohne das Bedürfnis, fremde Lebensrealitäten aus sicherer Distanz zu sezieren. Es gehe darum, einzutauchen und nicht zu richten, so Brauneis.

Im Zentrum seines neuen Spielfilms »AMS – Arbeit muss sein« steht ein Ort, der gesellschaftliche Problemstellungen bündelt: das AMS. Als Wartezimmer, als Schalterzone, als Raum des Stillstands und der Prüfung. Ein Ort, an dem täglich unzählige Geschichten aufeinandertreffen, ohne sich zwangsläufig zu berühren. Wo Menschen aus Pflicht, Scham oder Not landen, um im System wieder eine Rolle zu finden. Der Film verwandelt abstrakte Statistiken in konkrete Lebensgeschichten und gibt jenen eine Stimme, die sonst oft nur als Fallnummern und Kennzahlen existieren. Das AMS wird so zu einem Ort der Verdichtung von Bürokratie und Angst, aber genauso auch von Hoffnung.
Dieser Blick entsteht dabei nicht aus der Distanz, sondern speist sich aus Erfahrung. Sebastian Brauneis tritt als Regisseur weniger als autoritäre Instanz auf, sondern als Teil der Gesellschaft, die er abbildet. Als jemand, der das System nicht nur beobachtet, sondern selbst kennt. Es gehe ihm darum, gemeinsam in Realitäten, in Welten einzutauchen, und nicht pauschal zu urteilen. »Ich war oft beim AMS, aber nicht im Sinne eines Elendspornotourismus, sondern weil ich erfahren und herausfinden wollte, was dort wirklich geschieht«, erklärt er seinen Zugang. Arbeitslosigkeit sei keine abstrakte Kategorie, sondern eine Lebenslage, in die viele jederzeit geraten können – besonders auch im kreativen Bereich, der von Projektarbeit und prekären Bedingungen geprägt ist. »AMS – Arbeit muss sein« ist damit keine Produktion über »die anderen«, sondern eine Auseinandersetzung mit einem Prozess, in den die meisten von uns irgendwann involviert sein werden, und mit einer Gesellschaft, die sich daran messen lassen muss, wie sie mit jenen umgeht, die temporär aus ihr herausfallen.
Das System als Charakter
So etwa Marie (Margarethe Tiesel), eine der Protagonistinnen des Films, deren Geschichte uns chronologisch durch die Handlung führt. Sie ist Ende fünfzig und bewegt sich seit Jahren durch die Berufswelt, ohne darin je wirklich Fuß fassen zu können. Jahrzehntelange Arbeitserfahrung bringt ihr wenig, weil sich diese bei ihr nicht in formale Qualifikationen übersetzen lässt. Österreich eben: ein Land, in dem Titel und Zertifikate oft Lebensrealitäten übertrumpfen. Während Marie sich beinahe kafkaesk durch Beratungsgespräche, skurrile Kursangebote und Warteschleifen fädelt, öffnet der Film einen Raum, der über einzelne Schicksale hinausweist.
Mit zunehmender Verdichtung der Figuren tritt eine weitere zentrale »Person« hervor: das System selbst. »Wir haben gemerkt, dass das AMS nicht nur ein Ort oder eine Institution ist, sondern auf gewisse Art und Weise auch ein Charakter – im Sinne einer eigenständigen Filmfigur, einer speziellen Persönlichkeit«, beschreibt Sebastian Brauneis seinen Ansatz. Hinter jedem Schalter und jedem Telefonanschluss sitzt zwar ein Mensch, doch auch diese Menschen agieren innerhalb eines Apparats, der sie bewertet, reguliert und über Kennzahlen, Abschlüsse und Boni kontrolliert.

So eine Form der bürokratischen Gamification ließe sich höchstens aus neoliberalen Effizienzlogiken als Fortschritt lesen: als System, das sich selbst optimiert. Doch was den einen als Spiel erscheint, ist für die anderen Existenz. Was als neutraler Verwaltungsakt daherkommt, greift direkt in Lebensrealitäten ein. »Die Menschen, die Arbeitssuchenden, werden allzu leicht zur Verschubmasse. Dann geht es nur noch um Statistiken und Zahlen. Und dahinter oder darin verschwindet das persönliche Schicksal«, fasst Brauneis zusammen. Der Einsatz für jene, die durch dieses System navigieren müssen, ist ungleich höher als jeder Bonus oder Abschluss, der damit erreicht werden kann.
Kollektivistische Wende
Aus dem fragmentierten Alltag der fiktiven AMS-Realität, die der tatsächlichen überraschend nahekommt, entwickelt sich im Film schließlich eine Wendung. Der Plot kippt. Aus Stillstand wird Bewegung, aus Vereinzelung eine kollektive Struktur. »AMS – Arbeit muss sein« schlägt eine Wende hin zum Heistmovie ein – nicht als luftleeres Spiel mit Genres, sondern als notwendige Konsequenz. Hier wird entsprechend kein Casino überfallen, sondern das AMS selbst wird zum Zentrum einer gemeinschaftlichen Aktion. Dieser Twist folgt einer einfachen Logik: »In dem Moment, in dem man merkt, dass nichts zu haben wenigstens bedeutet, dass man nichts mehr verlieren kann, traut man sich vielleicht auch etwas«, vermutet Brauneis.
Aus Ohnmacht entsteht Handlung, aus Anpassung Widerstand. Das System, das zuvor alles bestimmt hat, wird damit lesbar und umgehbar. Nicht als karikierter Gegner, sondern als Struktur. »Wir haben eigentlich nichts erfunden, wir haben es nur auf eine bestimmte Art geremixt«, ergänzt Lily Ringler, die gemeinsam mit Brauneis und Helmut Emersberger für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Genau darin liegt die Stärke des Films: aus realen Erfahrungen eine Erzählung zu formen, in der kollektives Handeln plötzlich vorstellbar wird.
Grauzonen der Verantwortung
Die Kraft des Kollektivs, die »AMS – Arbeit muss sein« erzählerisch erfahrbar macht, ist zugleich gelebte Haltung bei Studio Brauneis. Sie prägt nicht nur den Film, sondern auch die Position, aus der sich Sebastian Brauneis seinen Stoffen nähert. »Der Inhalt hat immer die Form zu bestimmen und nicht die Form den Inhalt«, beschreibt er einen Anspruch an seine Arbeitsweise. Dass der Film diese spezifische Perspektive einnimmt, ist daher kein Zufall, sondern direkte Folge der Produktionsrealität, in der er entstanden ist. Wer selbst projektbasiert, prekär und eingebunden in Fördermechanismen arbeitet, entwickelt naturgemäß einen differenzierten Blick auf Institutionen und die mitunter mögliche »Verrasterung« dieser Welten, wie Brauneis es nennt; ohne hier eine gemeinsame Negativerfahrung von AMS und Kulturförderung behaupten zu wollen, sondern um die teils ähnlich aufgebauten Abläufe, Strukturen und Prozesse zu beleuchten, die solchen Systemen eigen sind.
Die Menschen, die in diesen Institutionen agieren, tun dies dabei mit sehr unterschiedlichen Handlungsspielräumen. Insofern soll sich Kritik weniger gegen einzelne Akteur*innen richten als gegen die Logiken, in denen sie handeln müssen. Drehbuchautorin Lily Ringler betont: »Wir wollten ja keinen Film machen, der nur plump das AMS basht.« Im Zuge der Vorbereitungen sei schnell klar geworden, dass hinter der Organisation keine homogene Front stehe, sondern ein Arbeitsalltag voller Widersprüche. »Wir haben sehr umfangreich recherchiert, viel mit Menschen gesprochen, die beim AMS gearbeitet haben, noch dort arbeiten oder die Strukturen anderweitig von innen kennen«, erzählt sie.

Brauneis unterstreicht, dass es ihm nicht um eine pauschale Kritik an Institutionen gehe, sondern um die Frage, wie abstrakte Vorgaben erst im konkreten Handeln wirksam werden: in Beratungsgesprächen, Entscheidungen und im Umgang miteinander. Systeme existieren nicht unabhängig von den Menschen, die in ihnen arbeiten, genau in diesem Prozess entstehen aber Macht, Spielräume und Brüche. Der Film interessiert sich für solche Grauzonen: für jene Momente, in denen Verantwortung weitergereicht wird, ebenso wie für jene, in denen sie bewusst übernommen und zur Ermächtigung wird. »Das AMS ist auch nur ein Ort, an dem es viele verschiedene Menschen gibt«, sagt Ringler – und genau so zeigt der Film es: nicht als monolithischen Gegner, sondern als Arbeitsumfeld, in dem sich Macht, Ohnmacht und Handlungsmöglichkeiten ständig verschieben.
Aus dieser Perspektive erklärt sich auch, warum »AMS – Arbeit muss sein« nicht bei der Beschreibung von Missständen stehen bleibt. Sein Blick richtet sich immer wieder auf das, was jenseits reiner Verwaltung möglich wäre: auf Arbeit als sinnstiftende Tätigkeit und auf Räume, in denen Menschen nicht nur funktionieren müssen, sondern tatsächlich handeln können. Seine Überlegungen kreisen um die Vorstellung, dass Systeme nicht nur effizient, sondern lebenswert sein sollten. Arbeit erscheint so nicht als bloße Verwertbarkeit, sondern als Quelle von Würde; Wohnen nicht als Besitzfrage, sondern als Voraussetzung für Sicherheit; Organisation nicht als Kontrollinstrument, sondern als Struktur, die Teilhabe ermöglicht. Diese Gedanken bleiben im Film bewusst fragmentarisch. Sie formulieren kein Programm und keine Lösung, sondern markieren eine Richtung: weg von der Vorstellung, dass Optimierung und das Hervorbringen Dutzender Ich-AGs ausreichen, und hin zu der Idee, dass Gemeinschaft und materielle Sicherheit die Grundlage jeder funktionierenden Gesellschaft bilden.
Eine Frage der Haltung
Das Drama der Realität, das den Film begleitet, wird dabei von einem unfreiwilligen, aber umso österreichischeren Schmäh getragen. Auch wenn dieser Humor auf den ersten Blick zynisch wirken könnte, ist seine Unfreiwilligkeit nicht zu übersehen. Er entsteht nicht aus Distanz, sondern aus Nähe. Oder, wie Sebastian Brauneis es selbst formuliert: »Man lacht gemeinsam mit den Leuten und nicht über sie.« Dieser Humor ist ein Mittel gegen Erstarrung. Ein leises Durchgrinsen, das Bewegung ermöglicht, ohne das Geschehen zu verharmlosen. So wie der Schmäh immer schon historisch als sozialer Klebstoff fungiert hat, stehen auch die Figuren im Film als Archetypen eines gesellschaftlichen Durchschnitts vor uns, der vielleicht konkret verortet, aber übertragbar ist: Sie lassen sich genauso in anderen kulturellen Kontexten lesen, gerade weil sie nicht karikiert, sondern von den Schreibenden ernst genommen werden.

Neben diesem Humor arbeitet der Film bewusst mit formalen Brüchen und spielerischen Mitteln, die seine Realität immer wieder unterlaufen. Musik wird nicht nur zur Stimmungsträgerin, sondern kommentiert das Geschehen. Historische Einblendungen, Collagen und Zwischenbilder öffnen den Erzählraum über den konkreten Moment hinaus und bringen den Pop ins Wartezimmer. Immer wieder durchbricht der Film die vierte Wand, wenn Figuren sich direkt ans Publikum wenden und die klassische Spielfilmdramaturgie kurz ins Straucheln bringen. Diese teils bewusst überzeichneten Mittel lösen den Film aus einer reinen realistischen Erzählhaltung und machen ihn zu einem offenen Plädoyer: Realität wird hier nicht eins zu eins abgebildet, sondern gespiegelt und verschoben, wodurch sie umso deutlicher lesbar wird.
Die formalen Strategien sind somit weniger Stilmittel als vielmehr Werkzeuge, die Nähe zulassen und komplexe, sehr persönliche Themen in einen größeren Zusammenhang stellen. Wie schon in »Die Vermieterin« – dem Vorgängerfilm von Studio Brauneis – reagiert auch das neue Werk auf etwas, das dem Regisseur selbst nahekommt und trifft dabei erneut einen zeitgeistigen Nerv. In einer Phase, in der gerade in Österreich Arbeits- und Sozialsysteme zunehmend verschärft und »reformiert« werden, gewinnt der Film eine beinahe unheimliche Aktualität. Dass Sebastian Brauneis im Gespräch bereits über mögliche nächste Filme nachdenkt – etwa über die Themen Erben, Bildungs- und Gesundheitssystem –, folgt keiner verkopften Agenda, sondern derselben Logik. Er plant keinen langjährigen Themenzyklus, sondern reagiert auf Zustände in der Gesellschaft. Analog dazu, dass in politischen Krisen gerne zuerst auf die Untersten getreten wird, erscheinen diese filmischen Bewegungen als Suche nach dem nächsten wunden Punkt, als konsequente Fortsetzungen. Sie sind keine Antwort, sondern wenn überhaupt nur die nächste Frage.
»AMS – Arbeit muss sein« feiert seine Weltpremiere im Rahmen der Diagonale am 21. März 2026 um 17:30 Uhr im Annenhof Kino 2. Ein zweites Screening gibt es am 23. März um 17:15 Uhr im Annenhof Kino 6. Zudem findet am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, eine Sondervorführung im Gartenbaukino in Wien statt.