Das System umgehen – »AMS – Arbeit muss sein« von Sebastian Brauneis

Der neue Studio-Brauneis-Film rückt eine Institution ins Zentrum, in der fundamentale gesell­schaft­liche Fragen alltäglich werden. In »AMS – Arbeit muss sein« geht es um Lohnarbeit, Würde und die Möglich­keiten, sich innerhalb eines Systems zu bewegen, das viele nur als undurch­dring­lich kennen.

© Teresa Wagenhofer

Was passiert, wenn wir aus dem System »Arbeit« fallen? Wenn uns eine kapitalistische Welt suggeriert, dass wir ohne »Beschäftigung« unseren Wert als Menschen verlieren? Und was sagt das über eine Gesell­­schaft aus, deren Strukturen zwar auffangen sollen, dabei aber selbst oft überfordern? Gemeinsam mit seinem Team arbeitet Sebastian Brauneis – Film für Film – daran, diesem Zustand etwas entgegenzusetzen. Nicht in Form einer großen Lösung, sondern als Haltung.

»Arbeit ist ja nicht umsonst ein Menschenrecht. Und klar: Auch wir wollen arbeiten«, betont der Regisseur. »Es ist eben nichts geschenkt. Und natürlich versuchen wir täglich, so gut es nur geht, zu zeigen, dass wir das können.« Den Film­arbeiter*innen von Studio Brauneis kauft man ab, dass sie ihre Stoffe aus einer sozialen Per­spektive heraus entwickeln, ohne von oben herab darauf zu blicken. Ohne Voyeurismus, ohne das Bedürfnis, fremde Lebensrealitäten aus sicherer Distanz zu sezieren. Es gehe darum, einzu­tauchen und nicht zu richten, so Brauneis.

Sebastian Brauneis: »Die Menschen, die Arbeitssuchenden, werden allzu leicht zur Verschubmasse.« (Bild: Teresa Wagenhofer)

Im Zentrum seines neuen Spielfilms »AMS – Arbeit muss sein« steht ein Ort, der gesell­schaft­liche Problem­stellungen bündelt: das AMS. Als Warte­zimmer, als Schalter­zone, als Raum des Stillstands und der Prüfung. Ein Ort, an dem täglich unzählige Geschichten aufeinander­treffen, ohne sich zwangs­läufig zu berühren. Wo Menschen aus Pflicht, Scham oder Not landen, um im System wieder eine Rolle zu finden. Der Film verwandelt abstrakte Statistiken in konkrete Lebens­geschichten und gibt jenen eine Stimme, die sonst oft nur als Fall­nummern und Kenn­zahlen existieren. Das AMS wird so zu einem Ort der Verdichtung von Bürokratie und Angst, aber genauso auch von Hoffnung.

Dieser Blick entsteht dabei nicht aus der Distanz, sondern speist sich aus Erfahrung. Sebastian Brauneis tritt als Regisseur weniger als autoritäre Instanz auf, sondern als Teil der Gesellschaft, die er abbildet. Als jemand, der das System nicht nur beobachtet, sondern selbst kennt. Es gehe ihm darum, gemeinsam in Realitäten, in Welten einzutauchen, und nicht pauschal zu urteilen. »Ich war oft beim AMS, aber nicht im Sinne eines Elends­porno­tourismus, sondern weil ich erfahren und heraus­finden wollte, was dort wirklich geschieht«, erklärt er seinen Zugang. Arbeits­losigkeit sei keine abstrakte Kategorie, sondern eine Lebens­lage, in die viele jederzeit geraten können – besonders auch im kreativen Bereich, der von Projekt­arbeit und prekären Bedingungen ge­prägt ist. »AMS – Arbeit muss sein« ist damit keine Produktion über »die anderen«, sondern eine Auseinander­setzung mit einem Prozess, in den die meisten von uns irgend­wann involviert sein werden, und mit einer Gesellschaft, die sich daran messen lassen muss, wie sie mit jenen umgeht, die temporär aus ihr herausfallen.

Das System als Charakter

So etwa Marie (Margarethe Tiesel), eine der Protagonistinnen des Films, deren Geschichte uns chronologisch durch die Handlung führt. Sie ist Ende fünfzig und bewegt sich seit Jahren durch die Berufswelt, ohne darin je wirklich Fuß fassen zu können. Jahr­zehnte­lange Arbeits­erfahrung bringt ihr wenig, weil sich diese bei ihr nicht in formale Qualifikationen über­setzen lässt. Österreich eben: ein Land, in dem Titel und Zertifikate oft Lebens­realitäten über­trumpfen. Während Marie sich beinahe kafkaesk durch Beratungs­gespräche, skurrile Kurs­angebote und Warte­schleifen fädelt, öffnet der Film einen Raum, der über einzelne Schicksale hinausweist.

Mit zunehmender Verdichtung der Figuren tritt eine weitere zentrale »Person« hervor: das System selbst. »Wir haben gemerkt, dass das AMS nicht nur ein Ort oder eine Institution ist, sondern auf gewisse Art und Weise auch ein Charakter – im Sinne einer eigen­ständigen Filmfigur, einer speziellen Persönlichkeit«, beschreibt Sebastian Brauneis seinen Ansatz. Hinter jedem Schalter und jedem Telefon­anschluss sitzt zwar ein Mensch, doch auch diese Menschen agieren innerhalb eines Apparats, der sie bewertet, reguliert und über Kennzahlen, Abschlüsse und Boni kontrolliert.

Das AMS auch als ein Arbeitsumfeld von Menschen zu zeigen, war Drehbuchautorin Lily Ringler wichtig. (Bild: Teresa Wagenhofer)

So eine Form der bürokratischen Gamification ließe sich höchstens aus neo­liberalen Effizienz­logiken als Fort­schritt lesen: als System, das sich selbst optimiert. Doch was den einen als Spiel erscheint, ist für die anderen Existenz. Was als neutraler Verwaltungs­akt daherkommt, greift direkt in Lebens­realitäten ein. »Die Menschen, die Arbeits­suchenden, werden allzu leicht zur Verschubmasse. Dann geht es nur noch um Statistiken und Zahlen. Und dahinter oder darin verschwindet das persönliche Schicksal«, fasst Brauneis zusammen. Der Einsatz für jene, die durch dieses System navigieren müssen, ist ungleich höher als jeder Bonus oder Abschluss, der damit erreicht werden kann.

Kollektivistische Wende

Aus dem fragmentierten Alltag der fiktiven AMS-Realität, die der tatsächlichen über­raschend nahekommt, entwickelt sich im Film schließlich eine Wendung. Der Plot kippt. Aus Still­stand wird Bewegung, aus Vereinzelung eine kollektive Struktur. »AMS – Arbeit muss sein« schlägt eine Wende hin zum Heistmovie ein – nicht als luftleeres Spiel mit Genres, sondern als not­wendige Konsequenz. Hier wird entsprechend kein Casino überfallen, sondern das AMS selbst wird zum Zentrum einer gemein­schaft­lichen Aktion. Dieser Twist folgt einer einfachen Logik: »In dem Moment, in dem man merkt, dass nichts zu haben wenigstens bedeutet, dass man nichts mehr verlieren kann, traut man sich vielleicht auch etwas«, ver­mutet Brauneis.

Aus Ohnmacht entsteht Handlung, aus Anpassung Widerstand. Das System, das zuvor alles bestimmt hat, wird damit lesbar und umgehbar. Nicht als karikierter Gegner, sondern als Struktur. »Wir haben eigentlich nichts erfunden, wir haben es nur auf eine bestimmte Art geremixt«, ergänzt Lily Ringler, die gemeinsam mit Brauneis und Helmut Emersberger für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Genau darin liegt die Stärke des Films: aus realen Erfahrungen eine Erzählung zu formen, in der kollektives Handeln plötzlich vor­stell­bar wird.

Grauzonen der Verantwortung

Die Kraft des Kollektivs, die »AMS – Arbeit muss sein« erzählerisch erfahrbar macht, ist zugleich gelebte Haltung bei Studio Brauneis. Sie prägt nicht nur den Film, sondern auch die Position, aus der sich Sebastian Brauneis seinen Stoffen nähert. »Der Inhalt hat immer die Form zu bestimmen und nicht die Form den Inhalt«, beschreibt er einen Anspruch an seine Arbeitsweise. Dass der Film diese spezifische Per­spektive einnimmt, ist daher kein Zufall, sondern direkte Folge der Produktions­realität, in der er ent­standen ist. Wer selbst projekt­basiert, prekär und eingebunden in Förder­mechanismen arbeitet, entwickelt natur­gemäß einen differenzierten Blick auf Institutionen und die mitunter mögliche »Ver­rasterung« dieser Welten, wie Brauneis es nennt; ohne hier eine gemeinsame Negativ­erfahrung von AMS und Kultur­förderung behaupten zu wollen, sondern um die teils ähnlich aufgebauten Abläufe, Strukturen und Prozesse zu beleuchten, die solchen Systemen eigen sind.

Die Menschen, die in diesen Institutionen agieren, tun dies dabei mit sehr unter­schiedlichen Handlungs­spielräumen. Insofern soll sich Kritik weniger gegen einzelne Akteur*innen richten als gegen die Logiken, in denen sie handeln müssen. Drehbuch­autorin Lily Ringler betont: »Wir wollten ja keinen Film machen, der nur plump das AMS basht.« Im Zuge der Vorbereitungen sei schnell klar geworden, dass hinter der Organisation keine homogene Front stehe, sondern ein Arbeits­alltag voller Wider­sprüche. »Wir haben sehr umfang­reich recherchiert, viel mit Menschen gesprochen, die beim AMS gearbeitet haben, noch dort arbeiten oder die Strukturen anderweitig von innen kennen«, erzählt sie.

Marie (Margarethe Tiesel) muss sich schon lange mit dem System AMS herumschlagen. (Bild: Studio Brauneis / Sebastian Brauneis / Roman Chalupnik)

Brauneis unterstreicht, dass es ihm nicht um eine pauschale Kritik an Institutionen gehe, sondern um die Frage, wie abstrakte Vorgaben erst im konkreten Handeln wirksam werden: in Beratungs­gesprächen, Entscheidungen und im Umgang miteinander. Systeme existieren nicht unabhängig von den Menschen, die in ihnen arbeiten, genau in diesem Prozess entstehen aber Macht, Spielräume und Brüche. Der Film interessiert sich für solche Grauzonen: für jene Momente, in denen Verantwortung weiter­gereicht wird, ebenso wie für jene, in denen sie bewusst über­nommen und zur Ermächtigung wird. »Das AMS ist auch nur ein Ort, an dem es viele verschiedene Menschen gibt«, sagt Ringler – und genau so zeigt der Film es: nicht als mono­lithischen Gegner, sondern als Arbeits­umfeld, in dem sich Macht, Ohnmacht und Handlungs­möglichkeiten ständig verschieben.

Aus dieser Perspektive erklärt sich auch, warum »AMS – Arbeit muss sein« nicht bei der Beschreibung von Miss­ständen stehen bleibt. Sein Blick richtet sich immer wieder auf das, was jenseits reiner Verwaltung möglich wäre: auf Arbeit als sinn­stiftende Tätigkeit und auf Räume, in denen Menschen nicht nur funktionieren müssen, sondern tatsächlich handeln können. Seine Über­legungen kreisen um die Vor­stellung, dass Systeme nicht nur effizient, sondern lebenswert sein sollten. Arbeit er­scheint so nicht als bloße Verwert­barkeit, sondern als Quelle von Würde; Wohnen nicht als Besitzfrage, sondern als Voraus­setzung für Sicherheit; Organisation nicht als Kontroll­instrument, sondern als Struktur, die Teil­habe ermöglicht. Diese Gedanken bleiben im Film bewusst fragmentarisch. Sie formulieren kein Programm und keine Lösung, sondern markieren eine Richtung: weg von der Vor­stellung, dass Optimierung und das Hervor­bringen Dutzender Ich-AGs ausreichen, und hin zu der Idee, dass Gemein­schaft und materielle Sicherheit die Grundlage jeder funktionierenden Gesell­schaft bilden.

Eine Frage der Haltung

Das Drama der Realität, das den Film begleitet, wird ­dabei von einem unfrei­willigen, aber umso österreichi­scheren Schmäh getragen. Auch wenn dieser Humor auf den ersten Blick zynisch wirken könnte, ist seine Unfrei­willigkeit nicht zu übersehen. Er ent­steht nicht aus Distanz, sondern aus Nähe. Oder, wie Sebastian Brauneis es selbst formuliert: »Man lacht gemeinsam mit den Leuten und nicht über sie.« Dieser Humor ist ein Mittel gegen Erstarrung. Ein leises Durch­grinsen, das Bewegung ermöglicht, ohne das Geschehen zu verharmlosen. So wie der Schmäh immer schon historisch als sozialer Klebstoff fungiert hat, stehen auch die Figuren im Film als Archetypen eines gesell­schaftlichen Durch­schnitts vor uns, der viel­leicht konkret verortet, aber übertragbar ist: Sie lassen sich genauso in anderen kulturellen Kontexten lesen, gerade weil sie nicht karikiert, sondern von den Schreibenden ernst ge­nommen werden.

Sebastian Brauneis: »In dem Moment, in dem man merkt, dass nichts zu haben wenigstens bedeutet, dass man nichts mehr verlieren kann, traut man sich vielleicht auch etwas.« (Bild: Teresa Wagenhofer)

Neben diesem Humor arbeitet der Film bewusst mit formalen Brüchen und spielerischen Mitteln, die seine Realität immer wieder unterlaufen. Musik wird nicht nur zur Stimmungs­trägerin, sondern kommentiert das Geschehen. Historische Einblendungen, Collagen und Zwischen­bilder öffnen den Erzählraum über den konkreten Moment hinaus und bringen den Pop ins Warte­zimmer. Immer wieder durchbricht der Film die vierte Wand, wenn Figuren sich direkt ans Publikum wenden und die klassische Spiel­film­dramaturgie kurz ins Straucheln bringen. Diese teils bewusst über­zeichneten Mittel lösen den Film aus einer reinen realistischen Erzählhaltung und machen ihn zu einem offenen Plädoyer: Realität wird hier nicht eins zu eins abgebildet, sondern gespiegelt und verschoben, wodurch sie umso deutlicher les­bar wird.

Die formalen Strategien sind somit weniger Stilmittel als vielmehr Werkzeuge, die Nähe zulassen und komplexe, sehr persönliche Themen in einen größeren Zusammen­hang stellen. Wie schon in »Die Ver­mieterin« – dem Vorgängerfilm von Studio Brauneis – reagiert auch das neue Werk auf etwas, das dem Regisseur selbst nahekommt und trifft dabei erneut einen zeitgeistigen Nerv. In einer Phase, in der gerade in Österreich Arbeits- und Sozial­systeme zunehmend verschärft und »reformiert« werden, gewinnt der Film eine beinahe unheimliche Aktualität. Dass Sebastian Brauneis im Gespräch bereits über mögliche nächste Filme nachdenkt – etwa über die Themen Erben, Bildungs- und Gesundheitssystem –, folgt keiner verkopften Agenda, sondern der­selben Logik. Er plant keinen lang­jährigen Themen­zyklus, sondern reagiert auf Zustände in der Gesellschaft. Analog dazu, dass in politischen Krisen gerne zuerst auf die Untersten ge­treten wird, erscheinen diese filmischen Bewegungen als Suche nach dem nächsten wunden Punkt, als konsequente Fort­setzungen. Sie sind keine Antwort, sondern wenn überhaupt nur die nächste Frage.

»AMS – Arbeit muss sein« feiert seine Weltpremiere im Rahmen der Diagonale am 21. März 2026 um 17:30 Uhr im Annenhof Kino 2. Ein zweites Screening gibt es am 23. März um 17:15 Uhr im Annenhof Kino 6. Zudem findet am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, eine Sonder­vorführung im Gartenbaukino in Wien statt.

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