Der Medienkünstler und Filmemacher Michael Gülzow bewegt sich an der Grenze von Fiktion und Realität, Zukunft und Vergangenheit. Für die diesjährige Ausgabe der Diagonale hat er nicht nur einen, sondern gleich drei Trailer produziert.

Der Tenor von Michael Gülzows Arbeiten scheint stets ähnlich: Es geht um die Zukunft, utopisch oder dystopisch, faktisch oder fiktiv – und darum, wie diese aus der Vergangenheit geformt wird. Seine Mockumentary »Der tote Winkel der Wahrnehmung«, mit der er 2025 bei der Diagonale den Preis für innovatives Kino gewann, spielt beispielsweise vor zwanzig Jahren, nimmt eine Science-Fiction-Perspektive ein und behandelt dabei hochaktuelle Themen wie Verschwörungstheorien und Medienkompetenz. Gülzow zeigt »Bilder, die vertraut wirken und im nächsten Moment kippen«, wie es in einem Text zu seiner Kunsthaus-Graz-Ausstellung im Rahmen der Diagonale heißt.
Was sich als leichtfüßige Hommage auf verschiedene Filmklassiker bezieht, wird unheimlich real, schaut man auf die Bilder, die uns täglich in den Nachrichten begegnen. Bilder, die bereits im Begriff sind zu kippen, mit denen man nicht vertraut sein möchte, bei denen eine Vertrautheit gar geleugnet wird, Bilder wie ein beklemmendes Déjà-vu. »Der tote Winkel der Wahrnehmung« widmet sich vor allem der Verschwörungstheorie über Echsenmenschen, die angeblich unter uns leben und uns kontrollieren. Für die meisten ist dies keine ernst zu nehmende Idee. Ernst zu nehmen ist aber, wie wahrhaftig die Bedrohung ist, die von ideologischem Gedankengut ausgeht, und wie schnell dieses sich verbreitet. Nicht immer so spezifisch auf die Spitze getrieben wie in der Fantasie über Echsenmenschen wandeln solche Weltanschauungen – diesen ähnlich – unter uns, gekleidet in ein fadenscheiniges Kostüm von Menschlichem.
Die eigene Medienkompetenz zu hinterfragen und über den Tellerrand zu schauen, ist wohl das Beste, was man dagegen tun kann. Genau hierzu lädt Michael Gülzow mit seinen Filmen mal überspitzt, mal humorvoll ein. In seinen Diagonale-Trailern reist man durch die Zeit, aber auch durch Fakten und Fiktion. Ein müheloser Trip über Grenzen hinweg. So mühelos, dass man die Bewegung womöglich gar nicht bemerkt. Die Diagonale hat es sich zur Aufgabe gemacht, das österreichische Kino »differenziert, vielschichtig und kritisch« zu betrachten. Mit Michael Gülzow zeigt sie jedenfalls, dass sie Blicke auf beide Enden des Zeitstrahls und über den eigenen Horizont hinaus wagt. Was man dort findet, ist eine Frage für sich – aber es fängt immer damit an, nicht wegzuschauen.

Die Gewinner*innen des jährlichen Preises für innovatives Kino gestalten für die jeweils nächste Ausgabe der Diagonale den Festivaltrailer sowie eine Ausstellung im Kunsthaus Graz. »Michael Gülzow. Das Tor zur Unwirklichkeit« ist dort von 20. Februar bis 29. März zu sehen. Gülzows Trailer finden sich auf der Diagonale-Website.
Unsere Heftrubrik »Golden Frame« ist jeweils einem Werk zeitgenössischer Kunst gewidmet. In The Gap 215a, unserer Sonderausgabe zur Diagonale 2026, ist dies: »Die Zeitreisenden«, aus der Reihe »Die paradoxe Begegnung am 18. März 2026« von Michael Gülzow.