Eine richtige Version der Intervention – Leopold Kessler »Automat Sospeso«

Mit Social Media wurde es ganz normal, sich in alles einzumischen. Zu allem darf man eine Meinung haben, diese hinterlassen, diskutieren, intervenieren. Wie leichtfüßig und menschlich Interventionen sein können, wenn sie im echten Leben stattfinden, für echte Menschen und mit einer Prise Selbstironie, zeigt Leopold Kessler.

© Leopold Kessler »Automat Sospeso«, 2024, Bildrecht / Leopold Kessler

Ironisch, aber nie spöttisch; witzig, aber nie albern; selbstreferenziell, aber nie narzisstisch. Leopold Kessler wechselt die Glühbirnen für die dunklen Tage und gibt Kaffee aus für die kargen. Seine Arbeiten greifen ins Stadtleben ein. Aber man kann durchaus behaupten, sie machen es besser, nicht zuletzt durch ihre beschwingte Qualität. Dabei haben sie auch etwas zu sagen – stets mit Zwinkern, mit Zeitgeist, ohne Zögern, mit einer gewissen Zartheit der Welt und ihrer Bevölkerung gegenüber.

Ein Beispiel: Caffè sospeso ist eine neapolitanische Gepflogenheit, bei der man zum eigenen Espresso einen weiteren zusätzlich bezahlt, der vom Personal notiert wird. Auf Anfrage wird er von der Bar an eine Person ausgeschenkt, die dann im Gegenzug nichts bezahlen muss. Manchmal habe ich vielleicht kein Kleingeld dabei, manchmal dafür ein wenig mehr einstecken. Oder vielleicht möchte ich einfach jemandem etwas Gutes tun. Genau nach diesem Prinzip funktioniert auch der »Automat Sospeso«, den Kessler ursprünglich in Innsbruck aufgestellt hat.

Belebender als ein Espresso, dieser Blick auf die Welt. Zwar würde ich gerne sagen, dass uns Nächstenliebe inhärent sei, aber ich verschlucke mich schon beim Gedanken. Kessler hilft da ein wenig. »Automat Sospeso« nimmt uns die performative Nächstenliebe, nimmt uns die Scham, wenn wir Nächstenliebe in Anspruch nehmen müssen, und ist dabei einfach eine bereichernde Intervention – eben nicht die Art von Kunst im öffentlichen Raum, bei der jemand das eigene Revier mit einer fragwürdigen Skulptur markiert, um zu beweisen, dass man auf der Welt war.

Natürlich schreibt auch Kessler spätestens mit den Videoaufnahmen der Einmischungen seinen Namen dazu – aber das macht ja sogar der mysteriöse Banksy. Die Kompetenz braucht Provenienz, um als Kunst zu funktionieren. Irgendjemand muss doch ein wenig Witz und Wahnsinn in den grauen Alltag bringen, irgendjemand muss doch ein wenig Unfug treiben. Ich kann mir vorstellen, ein paar Behörden sind nicht immer zu hundert Prozent begeistert gewesen – sofern sie die Aktionen überhaupt bemerkt haben. Vielleicht haben sie auch manchmal einfach nichts gesagt. Wer kann guten Interventionen schon böse sein, denn alles ist vermutlich leichter mit einem Lächeln auf den Lippen. Einem Lächeln mit freundlicher Genehmigung von Leopold Kessler.

Im Wien Museum Musa ist noch bis 17. Mai 2026 unter dem Titel »Leopold Kessler. Arbeiten im öffentlichen Raum« eine »Mid-Career-Show« zum Werk des Künstlers zu sehen. Neben »Automat Sospeso« gibt es einen steinernen großen Zeh zum Nägelschneiden und weiteren leichtfüßigen Spaß.

Unsere Heftrubrik »Golden Frame« ist jeweils einem Werk zeitgenössischer Kunst gewidmet. In The Gap 215 ist dies: »Automat Sospeso« von Leopold Kessler.

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