Freiheit in der Hose – Crossdressing im Film in den 1930ern und heute

Markus Schleinzer zeigt die Geschichte einer Frau, die sich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln selbst hilft, frei zu leben. Er tut dies mit viel Empathie und Gespür. »Rose« steht dabei in einer langen Tradition von Crossdressing im Film.

© Schubert / Row Pictures / Walker + Worm Film / Gerald Kerkletz — In »Rose« spielt Sandra Hüller eine Frau, die versucht, in der Rolle eines Mannes selbstbestimmt zu leben.

Crossdressing, Geheimnisse, eine Utopie des Zusammenlebens gegen alle Widerstände. Mit Intellekt, Gefühl und Wut spielt Sandra Hüller in der Titel­rolle Rose, eine Frau, die im frühen 17. Jahr­hundert als Mann gekleidet im Dreißig­jährigen Krieg kämpft. Nach ihrem Soldaten­dasein zieht sie sich in eine kleine Dorf­gemein­schaft zurück. Sie gibt vor, Erbe eines verlassenen Gutes zu sein und präsentiert ein Dokument, das diesen Umstand be­legen soll. Trotz des Argwohns der Dorf­bewohner*innen dem Fremden gegenüber, behauptet sie sich und gewinnt ihren Respekt. Doch gilt dieser Respekt dem Mann, den Rose darstellt und dessen Namen das Publikum nie erfährt, aber eben nicht der Frau, die Rose ist.

Historisch fundiert

Basierend auf historischen Unterlagen und Gerichts­prozessen von Frauen, die Freiheit, Schutz oder Flucht im Männer­gewand gefunden haben, entwarf Markus Schleinzer diese fiktionalisierte Geschichts­aufarbeitung. »Ich habe versucht, in diesem Cross­dressing-Genre – sofern es so etwas gibt – eine neue Seite aufzu­schlagen«, so der Regisseur. Ihm gehe es nicht um Boulevard oder Verrat. Er wolle keine Entblößung zeigen, seine Figuren nicht sexualisieren, sondern ernst nehmen und verstehen. Visuelle Inspiration dafür habe er sich etwa bei Carl Theodor Dreyers »Die Passion der Jungfrau von Orléans« aus dem Jahr 1928 geholt und aus der geschicht­lichen Ent­wicklung von Cross­dressing im Film. Doch wie genau sieht diese eigent­lich aus?

Markus Schleinzer, Regisseur »Rose« (Bild: Rafaela Pröll)

Die filmwissenschaftliche Gesellschaft Synema gestaltet jedes Jahr ein historisches Special für die Diagonale. Heuer präsentiert sie drei Filme unter dem Titel »Girls Will Be Boys – Gender­fluidität und Travestie im Kino der Zwischen­kriegs­zeit«. Wichtig war den beiden Kurator*innen Brigitte Mayr und Michael Omasta dabei der Fokus auf die Wirtschafts­krise und die schlechten Arbeits­möglichkeiten dieser Periode sowie auf die Exil­geschichte der jeweiligen, zu ihrer Zeit sehr bekannten Haupt­darstellerinnen. Konkret Franziska Gaál (»Peter, das Mädchen von der Tankstelle« aus 1934), Dolly Haas (»Der Page vom Dalmasse-Hotel« aus 1933) und Renate Müller (»Viktor und Viktoria« ebenfalls aus 1933). »Wir wollten diesen drei Frauen, die damals einen so großen Einfluss hatten, wieder Raum geben, damit sie im Kino weiter­leben«, erklärt Mayr.

Patriarchale Klassenteilung

In allen drei Filmen ermöglicht das Cross­dressing den Protagonist*innen Freiheiten, die sie in ihrer Rolle als Frau nicht gehabt hätten. Geschichten, die es derart auch in der Realität häufig gibt. So berichtet etwa Trans-Liberation-Aktivist*in Leslie Feinberg im Buch »Transgender Warriors«, dass zie selbst, um einen Job zu bekommen, sogar noch in den 1960ern und 1970ern als Mann auftreten musste. Anders als Feinbergs Erfahrung sind die Filme der Retrospektive jedoch Komödien. Die ver­kleideten Frauen verstehen sich selbst durchwegs als Frauen, ihre Romanzen mit den von ihnen begehrten Männern werden durch die Verkleidung verhindert. Mit viel Geschick und Clever­ness navigieren sie in ihren neuen Kostümen – die je­doch nie mehr sind als eben Maskerade – durch die Welt. Schluss­endlich kehren sie wieder in den Hafen der Hetero­normativität zurück. Das Verheimlichen ihres Frauseins geschieht immer nur vorüber­gehend, mit dem klaren Ziel, an Arbeit zu kommen und eine Verbesserung ihrer derzeitigen Lage zu erreichen. »Man sieht, wie sie sich diese Rolle als Mann erobern und eine Art Selbst­ermächtigung durchführen«, so Brigitte Mayr von Synema. »Dieses Aneignen einer Emanzipation hat uns sehr interessiert.«

Brigitte Mayr, Co-Kuratorin »Girls Will Be Boys« (Bild: Ralph Wieser)

Von Rose erfahren wir erst gegen Ende, warum sie sich entschieden hat, als Mann zu leben: »In der Hose steckt mehr Freiheit. Und es ist ja nur ein Stückchen Stoff. Also bin ich in die Hose.« Auch Rose geht es also nicht um eine andere Gender­identität, sondern um die Möglichkeiten, die mit einer männlichen Rolle verknüpft sind. Das ver­bindet sie mit den Figuren der drei Filme aus den 1930ern. Cross­dressing ist oft mit Narrativen des Maskierens und des Betrugs verbunden. Umso bezeichnender, dass Roses erster Kontakt mit der Dorf­gemein­schaft bei einem Perchtenlauf stattfindet. Hier ist es nicht primär sie, die maskiert auftritt. Zudem: Sie gibt sich zwar als Erbe eines verfallenen Guts­hofes aus, doch damit über­schreitet sie nicht nur Geschlechter­grenzen, sondern – zumindest genauso schwer­wiegend – auch den ihr zustehenden Stand. Die strenge Aufteilung in einzelne Geschlechter und die gesetzliche Verfolgung von Trans­gressionen dieses Systems seien Werkzeuge der patriarchalen Klassen­teilung, schreibt auch Leslie Feinberg. Macht werde über Besitz ausgeübt, es gebe eine besitzende Klasse und die Unterdrückten.

Rose erschleicht sich durch ihre Hose und das Dokument einen Platz unter den Besitzenden, die etablierten Grenzen werden verwischt. Über Roses Vergangenheit wissen wir nichts. Die Erzählerin (Marisa Growaldt) nennt sie stets nur Soldat. Der Film ist geprägt von Auslassungen, verweigert an unter­schiedlichen Stellen Erklärungen. »Die Los­lösung von zweifel­haften oder sinnlosen Informationen verhindert Kategorisierungen und Zuschreibungen, gegen die sich Personen­gruppen dann verteidigen müssen«, erklärt Regisseur Markus Schleinzer. Von Beginn des Films an hat man das Gefühl, zu spät gekommen zu sein; die Geschichte, den Krieg verpasst zu haben. Was im Laufe der Handlung folgt, ist nur der Epilog in Schwarz-Weiß.

Kein Frankenstein-Moment

»Gier ist ein Rausch«, sagt die Erzählerin. Um ihr Gut zu vergrößern, heiratet Rose – mit dem Risiko der Enthüllung – Suzanna (Caro Braun). Sie wird ein respektierter Teil der Gemein­schaft, als diese schwanger wird, wodurch der Betrug dem Dorf später noch größer vorkommt. Suzanna und eine Magd sind die Ersten, die Roses fehlendes Glied bemerken. Vom Wissen um dieses Geheimnis ermächtigt, wird Suzanna Herrin des Hofes. Doch: »Du gehörst dir nicht«, sagt ihr Rose. Ihre Frei­heit steckt in der Hose, Suzannas Freiheit darin, mit Rose auf Augen­höhe zu leben. Eine kurze Utopie eröffnet sich. Bis die Magd das Geheimnis enthüllt: »Der Herr ist kein Herr.«

Der etwas klägliche Mob sammelt sich vor Roses Tür. »Das wäre ein klassischer Frankenstein-Moment. Dort liegt aber nicht die eigentliche Gewalt. Die liegt darin, dass es überhaupt dazu kommt. Es war mir ein Anliegen, dass der Film in dieser Situation bei Rose bleibt.« Schleinzer sei die Wut wichtig gewesen, die sie in diesem Augen­blick verspürt und äußert. Geht es denn wirklich nur um etwas Fleisch in ihrer Hose? Oder sollte es nicht um das Gute gehen, das sie hier in dieser Gemein­schaft geschaffen hat? Um die Leute, denen sie geholfen hat? Doch ihre Rede stößt auf taube Ohren.

Für ihre Rolle in »Rose« wurde Sandra Hüller vor Kurzem bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. (Bild: Schubert / Row Pictures / Walker + Worm Film / Gerald Kerkletz)

Das Verlangen, der Dorfleute, sie solle ihre Hose runterlassen und beweisen, dass sie ein Mann sei, erinnert schmerzhaft an gegenwärtige Diskurse rund um trans Personen und angedrohte Kontrollen von Geschlechts­zugehörigkeit beim Toiletten­besuch, etwa in den USA oder Großbritannien. Stets liegt die Bringschuld eines Beweises bei den bereits diskriminierten Menschen. Wut ist eine gerecht­fertigte Reaktion darauf, ständig hinterfragt und diskreditiert zu werden. Ist ein kleiner Körperteil wirklich so wichtig? Oder ist diese Kontrolle nur eine weitere Taktik, um Solidarisierungen innerhalb der nicht-herrschenden Klasse zu verhindern? Autor*in Leslie Feinberg zumindest vertritt letztere Auffassung.

Auf den Angriff des Mobs folgen weitere Gewalttaten: Verhaftung, Prozess, Vergewaltigung. Letztere sehen wir im Film nicht, nur ihre Konsequenzen. »Bilder haben eine Verant­wortung«, meint Schleinzer dazu. »Ich will keine Vergewaltigungen mehr sehen. Über die Anwendung von Gewalt hat Film, wie das wahre Leben, bereits genug Bilder produziert. Die Verbreitung von und der Umgang mit diesen Bildern ist höchst fragwürdig. Die Verantwortung, die wir aber immer tragen, ist, die Auswirkung von Gewalt zu beleuchten. Alles andere würde bedeuten, Opfer­schaft zu verschweigen.« Trotz dieser Gewalter­fahrung schenkt Rose sich eine Vision für die Zukunft. Sie schreibt ihre Geschichte auf, damit etwas von ihr bleibt. Sie wird nicht gebrochen, bleibt aufrecht bis zum Schluss.

»Rose«, Markus Schleinzers dritter Film, eröffnet die diesjährige Diagonale am 18. März 2026 um 19.30 Uhr in der Helmut List Halle. Der Film ist zudem am 18. März um 21 Uhr im Annenhof Kino 6 sowie am 20. März um 16:30 Uhr im Kiz Royal Kino 1 zu sehen. Das historische Special »Girls Will Be Boys«, kuratiert von Synema – Gesellschaft für Film und Medien, besteht aus drei Teilen: »Peter, das Mädchen von der Tankstelle«, am 19. März um 10:30 Uhr im Annenhof Kino 5; »Der Page vom Dalmasse-Hotel«, am 20. März um 14:30 Uhr im Rechbauerkino; und »Viktor und Viktoria« am 21. März um 11:15 Uhr ebenfalls im Rechbauerkino.

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