»Musik von hier, nicht für hier« – Hip-Hop made in Vienna: Osive

Hot Take: Die spannendsten deutschsprachigen Hip-Hop-Acts finden sich in der österreichischen Hauptstadt. Was die Wiener Szene so besonders macht, besprechen wir in dieser fünfteiligen Serie mit jenen Produzent*innen, die den Sound der Stadt aktuell prägen. Diesmal: Osive.

© Molnar Molnarova

Osive, 40, Produzent und DJ aus Wien hat eine Vision: »Ich möchte eine Asientour spielen.« Club-Edits und eigene elektronische Produktionen kombiniert in packenden DJ-Sets, die sich nicht um Genregrenzen scheren – das wäre der Plan. Wann es losgeht, weiß er nicht. Vieles sei noch zu klären. »So eine Tour zahlt sich erst ab einem Monat wirklich aus«, erläutert Osive. »Ich bin auch Familienvater, der Kleine ist sechs.« Er könne deshalb keinen ganzen Monat von der Bildfläche verschwinden. Und die Familie mitzunehmen, wäre zu teuer.

Auch wenn Osive noch nicht selbst um die Welt reist, seine Musik tut es längst. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er gemeinsam mit dem Wiener DJ Thnk Pnk einen Edit des System-of-a-Down-Klassikers »Chop Suey!«. Auf Soundcloud wurde der Remix, der zwischen Garage und UK Drill rangiert, über 200.000-mal gehört. Bekannte DJs wie Alison Wonderland spielten ihn in den USA und Japan.

Von der Kirche in die Clubs

Osive, der eigentlich Oliver Cortez heißt, wuchs in Wien-Donaustadt auf. Seine Mutter sei, wie viele philippinische Einwanderer*innen, Ende der Achtziger nach Österreich gekommen. Die Stadt Wien warb damals gezielt Pflegekräfte aus dem Inselstaat im Westpazifik an. Über die philippinische Community fand Osive auch zur Musik. In der Kirche seien häufig Songs gesungen worden, und um mitspielen zu können, habe er sich gemeinsam mit Freunden Gitarre beigebracht.

Als Jugendlicher wollte er dann raus aus seiner Bubble. »Ich hatte das Gefühl, es gibt doch noch mehr als das«, erinnert sich Osive. Er lernte die Sängerin Sheyla J. kennen und kam über sie in Kontakt mit der Wiener Hip-Hop-Szene. Dort habe er erlebt, dass sich Musik auch ohne ein professionelles Studio produzieren lässt. »Das war für mich ein Kulturflash vom Feinsten«, so der Producer. »Ich hatte mir das alles viel größer vorgestellt. Es war schön, dass das so greifbar war.«

Später begann Osive, feiern zu gehen, er fremdelte aber mit der Wiener Clubszene. Wodkaflaschen mit Sprühkerzen im VIP – diese Schickimicki-Welt sei nicht die seine gewesen. »Das waren Hip-Hop-Partys, aber du durftest nicht mit Hip-Hop-Klamotten rein«, erzählt er und lacht. Dennoch prägte diese Zeit seinen Weg. Er kam in Kontakt mit DJs und beschloss, selbst aufzulegen. Von einem Freund habe er sich zwei Turntables und fünf Platten geliehen und damit geübt.

Haufenweise Beats

Die ersten Produktionen von Osive waren entsprechend stark von der Clubszene inspiriert. Nach dem Vorbild des amerikanischen Kollektivs Crooklyn Clan baute er Mash-ups aus bekannten Instrumentals und Schnipseln von gehypten Rapsong. Wenig später sei er auf die L.A.-Beat-Szene um Produzent*innen wie Flying Lotus gestoßen: »In dieser stehen Beats für sich, für Rap ist gar kein Platz.« Vorübergehend schloss er sich dem Kollektiv Dusty Crates an, das von den Produzenten Melik und Simp gegründet worden war.

Obwohl ihm das instrumentale Arbeiten gefiel, wollte er irgendwann auch Vocal-Produktionen ausprobieren. Osive: »Ich hatte großen Respekt davor, bis ich mir irgendwann dachte, dass ich die Vocals einfach wie Samples oder Instrumente behandeln kann.« Auch heute noch entstünden aus diesem Mindset interessante Effekte, weil er die Gesangsspuren freimütiger bearbeite als andere Produzent*innen.

Seine ersten größeren Vocal-Projekte hätten unterschiedlicher kaum sein können: Einerseits produzierte er die Debüt-EP des Berliner Sängers Eshes. »Das war mehr Singer-Songwriting, aber mit einem elektronischen Touch.« Andererseits begann fast zeitgleich die Zusammenarbeit mit dem Wiener Rapper Kerosin95.

Das muss FM4 spielen!

»Wie schaffe ich es, meinen Stil einzubauen, aber so, dass es radiotauglich ist?« Das sei seine Ausgangsfrage gewesen, bevor es mit Kerosin95 losging, so Osive. Mit dieser klaren Vision – Airplay bei FM4 – habe er sich an die Produktion gesetzt. Der Plan ging auf. Schon die Debütsingle »Außen hart innen flauschig« landete in der Rotation des Senders. Kerosin95 entwickelte sich immer mehr zu Osives Hauptprojekt. Erst im vergangenen Jahr erschien mit »Coming Out« ein komplett von Osive produziertes Album. Bis vor Kurzem waren die beiden damit auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Dass es aktuell so gut läuft, war nicht abzusehen. Kerosin95 hatte in den ersten Jahren in der Musikindustrie so viel transfeindliche Gewalt erlebt, dass er vor ungefähr drei Jahren in Langzeitkrankenstand gehen musste. Zeitweise wollte er sogar komplett mit der Musik aufhören. Osive traf das Wegfallen seines größten Projekts damals hart. Es war ein »Wake-up-Call«, meint der Produzent. Plötzlich musste er sich fragen, welche Standbeine in der Musikindustrie er sonst habe. Seine Antwort: »Fuck, eigentlich habe ich nichts!« Nach der Pandemie sei er in der Clubszene irrelevant gewesen, Social Media habe er vernachlässigt, musikalisch zu viel auf eine Karte gesetzt.

»Als Wiener kannst du jetzt natürlich raunzen«, sagt Osive, »oder du packst an und machst was.« Er entschied sich für Letzteres, startete »Wednesday Is Gemsday«, ein wöchentliches Videoformat, sowie verschiedene andere Projekte. Darunter zum Beispiel die Beat Melange, eine Veranstaltungsreihe für Produzent*innen, die Osive mitorganisiert. Oder Stems, eine Partyreihe, die neue Sounds in die Wiener Clubs bringen soll. »Global Sounds« oder simpler »Open Format DJing« nennen Osive und seine Mitstreiter*innen ihren Ansatz. Inspiriert von DJs wie The Gaslamp Killer spielen sie Musik von Jersey Club über Dubstep, Garage und Trap bis hin zu Jungle. »Ich lege immer so auf, wie ich es selbst gerne hören würde«, erklärt Osive. »Ich möchte immer überrascht werden.« Ein neuer Ansatz in Wien, wo das Nachtleben von klar definierten Techno-, Drum-&-Bass- und Nullerjahre-Partys dominiert wird.

(Inter)national

Auch deshalb schielt Osive schon länger auf den internationalen Markt. Sein Mindset bringt er in einem Satz auf den Punkt: »Ich produziere Musik von hier, nicht für hier.« International könne man auf offenere Ohren stoßen als im deutschsprachigen Bereich. Mit seinen Club-Edits und eigenen elektronischen Releases, in denen er philippinische Musik mit elektronischen Sounds verbindet, versucht er sich eine internationale Zuhörer*innenschaft aufzubauen.

Diesen Anspruch bringt er auch in die Wiener Szene und produziert Tracks für Newcomer*innen wie Chovo, Kvsal und Nsheem. »Ich bin recht abgekapselt von der Szene«, meint er. »Aber ich habe meine ausgewählten Artists in Wien, mit denen ich gerne arbeite.« Ein wenig Musik von hier für hier ist also doch dabei.

Osive (Bild: Marc Mamaril)

Steckbrief: Osive

Alter: 40
Bezirk: 1140
Dein Sound in einem Wort: Vibe
OG-Hip-Hop-Track aus Wien: Osive »Wienter«
No.-1-Newcomer*in: Chovo

Aktuelle Infos zu Osive sind auf seinem Instagram-Kanal zu finden.

Dieser Text ist im Rahmen des The-Gap-Nachwuchspreises für Musikjournalismus in Kooperation mit dem Festival Waves Vienna entstanden.

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