Beats bauen statt Etüden üben – Hip-Hop made in Vienna: Prodbypengg

Hot Take: Die spannendsten deutsch­sprachigen Hip-Hop-Acts finden sich in der öster­reichischen Haupt­stadt. Was die Wiener Szene so besonders macht, besprechen wir in dieser fünf­teiligen Serie mit jenen Produzent*innen, die den Sound der Stadt aktuell prägen. Diesmal: Prodbypengg.

© Amine Sabeur

Die Suche nach dem perfekten Künstler*innen­namen kann ein lang­wieriger, nerven­raubender Prozess sein. Es sei denn, man wird schon bei der Geburt mit einem Namen gesegnet, der so eigen ist, dass kein Weg an ihm vorbeiführt. Zum Beispiel: Pengg. Rapfans in Österreich und weit darüber hinaus ist der Name seit Jahren ein Begriff. Grund dafür sind Hits wie Bibizas »Casanova« oder »Nimmasatt« von Eli Preiss und Makko, bei denen Demian Pengg-Bührlen aka Prodbypengg seine Finger im Spiel gehabt hat.

Wien ist nicht die Bronx

Als Produzent hat es der 25-jährige Wiener weit gebracht – räumlich ist er sich dabei treu geblieben. Aufgewachsen im zweiten Bezirk, hat sich sein Lebens­mittel­punkt nie weiter als ein paar Straßen verlagert. Und so öffnet er mir an einem kalten Dezember­nachmittag die Tür zu seiner Altbau­wohnung in der Taborstraße. Sein Studio ist vollgestopft mit Musikequipment, lädt aber dennoch gleichermaßen zum Musikmachen wie zum Entspannen ein. Prodbypengg lässt sich einen Espresso aus der Siebträger und nimmt auf seinem Produzenten­sessel Platz.

Unser Gespräch beginnt mit einem Disclaimer: »Ich mache eigentlich sehr wenig Hip-Hop in letzter Zeit«, erklärt er. Doch was bedeutet der Begriff Hip-Hop mittlerweile überhaupt noch? »Da denke ich an die vier Elemente: Rappen, Breaken, DJing, Graffiti. Das ist nicht die Kultur, mit der wir hier in Wien aufwachsen.« Vieles von dem, was derzeit unter dem Schlagwort Hip-Hop lanciert werde, verstehe der Musiker auch schlichtweg als Pop. Das sei aber keineswegs abwertend gemeint. Im Gegenteil: Für Prodbypengg eröffne sich mit der Akzeptanz des Popbegriffs eine neue musikalische Freiheit.

Auch seine ersten Kontakte mit Musik hatten wenig mit Hip-Hop zu tun. »Mein Vater ist der größte Prince-Fan«, erzählt er, seine Mutter habe sich hingegen eher für die Strokes und die Rolling Stones interessiert. Trotzdem wurde er als Jugendlicher zunächst zum klassischen Klavierunterricht geschickt. Als ihm das ewige Etüdenüben zu viel wurde, wechselte er an die Pop Akademie, wo er Improvisieren lernte und in einer Funkband spielte. »Da machte mir das Musizieren das erste Mal wirklich Spaß«, erinnert er sich. Am Familien­computer entdeckte er irgendwann die Musik­software Garage­band, die anstelle von Videospielen zu seinem »Game« wurde.

Obwohl über solch kostengünstige oder -freie Software heutzutage scheinbar jede*r mit einem Laptop anfangen kann, Beats zu bauen, ist die Branche nach wie vor erschreckend undivers – gerade im Hip-Hop. Nicht-männliche Produzent*innen bleiben nach wie vor die absolute Ausnahme. Für Prodbypengg seien hier vor allem die vielen Männer in den Führungsetagen der Musikindustrie entscheidend, für die fehlende Diversität erst relevant werde, wenn sie das Geschäftsmodell gefährdet: »Ein Festival, das kaum Frauen im Line-up hat, holt sich schnell einen Shitstorm«, meint er, »wie es hinter den Kulissen aussieht, ist aber egal.« So fehle es auch an Vorbildern, die zeigen, dass eine Karriere als Produzentin möglich ist.

Prodbypenggs eigene Karriere startete so richtig, als er Bibiza nach einem Konzert fragte, ob er ihm nicht ein paar Beats schicken könne. Stattdessen verabredeten sich die beiden für eine Session, freundeten sich an und begannen, gemeinsam Musik zu machen. Das geplante Studium wurde dann schnell über Bord geworfen: »Ohne Franz (Bibiza; Anm.) hätte ich wahrscheinlich Physik studiert«, meint Prodbypengg und lacht.

Pandemic Records

Dank ihm lernte er anschließend weitere Künstler*innen kennen. Er arbeitete früh mit Eli Preiss zusammen, als diese gerade begann, deutschsprachige Musik zu machen. Dann kam die Pandemie. Prodbypengg schloss sich gemeinsam mit einer Handvoll Künstler*innen im Studio ein. Besonders fruchtbar war die Zusammenarbeit mit der deutschen Rapcrew Boloboys rund um Makko, Beslik und Co, die damals viel Zeit in Wien verbrachten – »weil die Auflagen hier weniger streng waren und man in Wien gut skate­boarden kann«.

An die 200 Songs produzierte er damals. Er lernte, unter Druck zu arbeiten und schnelle Entscheidungen zu treffen, während ihm die Rapper*innen über die Schulter schauten. Eine Fähig­keit, die seine Arbeit bis heute prägt. »Bei mir passiert alles in der Session«, sagt er. Einsam Beats zu bauen, um sie fremden Künstler*innen zu schicken, das sei nicht sein Ding. Stattdessen versuche er im Studio gemeinsam mit den Künstler*innen herauszufinden, wohin die Reise geht: »Ich finde es auch gut, wenn mir jemand sagt: ›Das ist scheiße!‹«

Banger Produced by Pengg

Als Produzent sei er dabei kein reiner Dienstleister, sondern drücke sich – wie die Rapper*innen und Sänger*innen am Mikrofon – künstlerisch aus. In jeder seiner Produktionen stecke ein Stück Pengg. Und wie klingt Pengg? »Bei mir stehen immer Texturen und Drums im Vordergrund. Ich starte selten mit großen Chord-Progressions oder so was.« Hört man sich durch seine Diskografie, bestätigt sich das. Verzerrte Synthsounds treffen auf 808-lastige Trap-Drums, hier und da taucht ein Gitarren-Lick auf, an anderer Stelle setzen treibende Techno-Kickd­rums ein.

Obwohl Demian Pengg-Bührlen durch und durch Wiener ist, läuft sein Business seit einiger Zeit über Berlin. Wie bei vielen österreichischen Musiker*innen ab einer gewissen Größe. Woran das liegt? »In Wien gibt es einfach kaum Musikindustrie«, erklärt der Produzent, »bei Sony sitzen mittlerweile leider nur noch drei Leute und verwalten die Rechte für Falco.« Mangels aktiver Majors fehle in Österreich einfach das Geld und viele Künstler*innen könnten hier nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen.

DIY-Ethos

Dass Wien häufig unter dem Radar der internationalen Musikindustrie bleibt, hat allerdings auch seine Vorteile. Da selten das große Geld winkt, entsteht Kunst aus Leidenschaft. Musik aus Österreich, sei es Hip-Hop oder Pop, kann daher ausgefallener klingen. »In Berlin ist das anders«, erzählt Prodbypengg, »da kommt der A&R (verantwortlich für »Artists and Repertoire«, Anm.) in die Session und hält ein halbes Meeting ab, während man einen Song machen möchte.«

Bringt diese Gemengelage so etwas wie einen Wiener Hip-Hop-Sound hervor? Prodbypengg überlegt kurz, sagt dann: »Das ist schwierig zu beantworten, der Wiener Sound zeichnet sich vor allem durch seine Diversität und Unabhängigkeit aus.« Künstler*innen mit starkem Profil und eigener Soundästhetik. Und in vielem davon steckt eben auch ein Stück Pengg.

Prodbypengg (Bild: Amine Sabeur)

Steckbrief: Prodbypengg

Alter: 25
Bezirk: 1020
Dein Sound in einem Wort: Textur
OG-Hip-Hop-Track aus Wien: Bibiza & Prodbypengg »2 Minuten«
No.-1-Newcomer*in: Kittyyy

Aktuelle Infos zur Musik von Prodbypengg lassen sich auf seinem Instagram-Kanal finden.

Dieser Text ist im Rahmen des The-Gap-Nachwuchspreises für Musikjournalismus in Kooperation mit dem Festival Waves Vienna entstanden.

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