»Haneke würde vielleicht sagen, dass ich eine Voll­idiotin bin« – Filmemacherin Vivian Bausch im Porträt

Die aus Linz stammende Regisseurin und Dreh­buch­autorin Vivian Bausch arbeitet gerade am Otto-Wagner-Areal an ihrem ersten Langfilm »Soldat«. Im Gespräch erzählt sie von unge­wöhn­lichen Regie­methoden und der Fahrt auf der Gefühls­achterbahn zwischen Scham, Vertrauen und Ausdauer.

© Brisilda Bufi

Es ist schon einschüchternd, wie die ehemalige Klinik da auf der Baum­gartner Höhe thront. Das denk­mal­geschützte Otto-Wagner-Areal umfasst mit unzähligen Jugend­stil­bauten, einem Theater und dem anliegenden Erholungs­gebiet stolze 500.000 Quadrat­meter. Seine optische Krönung ist die Kirche am Steinhof, deren goldene Kuppel im Sonnen­licht glitzert. »Ich bin voll das Otto-Wagner-Fangirl, to be honest«, schwärmt Vivian Bausch. Die An­lage sei so pompös – ganz anders als Linz, wo die Regisseurin und Dreh­buch­autorin auf­ge­wachsen ist.

Vom Balkon des Pavillon C, der ehemaligen Direktion, haben wir einen guten Ausblick auf das Kommen und Gehen. Und das ist rege, denn trotz all des mitunter über­wältigenden Prunks, wird das Gelände aktuell nieder­schwellig nutzbar gemacht: Die 34-jährige Ober­österreicherin ist eine der vielen freien Kunst­schaffenden, die der­zeit in den Räum­lich­keiten der ehe­maligen Klinik ein­ge­mietet sind. Umso ent­täuschender wäre es, wenn die Immobilien hier in der Zukunft von »Investor*innen geschluckt« würden, so Bausch. »Es ist wirklich ein perfekter, viel­fältiger Ort«, meint sie und ent­schuldigt sich auch gleich für das Chaos, das im licht­durch­fluteten Altbau herrscht. Gerade habe da nämlich noch ein Casting für »Soldat« statt­gefunden. Die Vor­bereitungen für ihr Lang­film­debüt laufen derzeit auf Hochtouren. Schon im Juli ist Dreh­beginn. Für die Entwicklung der Coming-of-Age-Story erhielt Bausch (gemeinsam mit Fabian Rausch) 2024 den Carl-Mayer-Drehbuch­preis sowie eine Förderung in der Höhe von rund 1,2 Millionen vom Talent Lab des Österreichischen Film­instituts. Obwohl aller Anfang bekanntlich schwer ist, scheinen sich bislang die Türen auf ihrem Weg zum ersten abend­füllenden Film ohne großen Wider­stand zu öffnen. Erstaunlicher­weise habe bis jetzt jede Ein­reichung dafür geklappt, erzählt Bausch.

Unorthodoxe Methoden

Vor diesem aktuellen Projekt zeichnete die gebürtige Linzerin bereits für Kamera und Regie bei einer Reihe von Kurz­filmen sowie einer Doku­mentation ver­ant­wortlich. Ein Studium der Montage in München brach sie ab (»zu teuer und nicht die richtige Disziplin«) und begann statt­dessen eines der Regie an der Film­akademie in Wien (»voll arg und viel passender«). In diesem Metier möchte sie fürs Erste auch bleiben, obwohl ihr oft gesagt worden ist, sie sei für Regie nicht geeignet. So oft, dass sie irgendwann selbst daran gezweifelt hat. Lange habe sie gedacht, als Regisseur*innen seien nur Menschen mit einem ganz bestimmten Persönlich­keits­typ geeignet. Einem, dem sie selbst nicht entspreche. Zum Glück, denn das Klischee­bild vom »klassischen Regisseur«, wie Bausch es nennt, ist ein­deutig ein unsympathisches. In ihrer Vorstellung seien das nämlich oft Männer, strenge Macht­wärter, die immer alles perfekt machen müssen. Bausch selbst habe hingegen sogar einen richtigen »people pleaser« in sich, mit dem sie sich oft in die Haare kriege: »Der spießt sich manchmal mit der Regie­tätigkeit.«

Diese Unsicherheiten seien laut Bausch, da ist sie sich sicher, ein großes FLINTA*-Problem, mit dem sie nicht alleine sei. Als Frau müsse man sich oft in Hierarchien beweisen und durchboxen, vor allem in Bereichen, die tradi­tionell von Männern dominiert sind. »Ich habe immer das Gefühl, ich schulde jemandem etwas«, erzählt sie. Am Set kann man sie oft Dinge von A nach B schleppen sehen, Aufgaben, die eigent­lich ihre Assistenz über­nehmen sollte.

Vivian Bausch: »Mein innerer people pleaser spießt sich manchmal mit der Regie­tätigkeit.« (Bild: Brisilda Bufi)

Kontrolle abzugeben, das sei auch eine Frage von Vertrauen, erklärt Bausch. Für »Soldat« habe sie ein groß­artiges, diverses Team, das es ihr leicht mache, an sich zu glauben. Mittlerweile weiß sie auch: Als Regis­seurin muss man schon führen können, aber man kann dafür einen Weg finden, der einem selbst gefällt. In ihren An­weisungen sei Bausch beispiels­weise manchmal nicht so präzise, wie es vielleicht üblich ist. Stattdessen verlasse sie sich stärker auf ihre Körper­sprache. Ihre Schau­spieler*innen verstünden dann auch nonverbal, was von ihnen verlangt wird. Das sei eben gar nicht klassisch, findet Bausch. »Haneke würde vielleicht sagen, dass ich eine Voll­idiotin bin«, meint sie lachend.

Trauma und Scham

Der Altmeister in Ehren: Bauschs Methoden scheinen zu funktionieren. Etwa, um die Geschichte eines Mädchens, das von ihrem Stiefvater miss­handelt wird, zu er­zählen. Für ihren Kurzfilm »Ein Teil von mir« drückte Bausch den Schau­spieler*innen einfach selbst eine VHS-Kamera in die Hand. Das Er­gebnis ist verstärkte Nähe, Dringlich­keit und ein fast doku­mentarischer Anschein der trauma­tischen Geschehnisse. »Ich liebe Dokumentar­filme«, erzählt Bausch. Den Spiel­film jedoch noch mehr: »Der kann ebenfalls sehr intim sein, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Figuren darin besser schützen kann.« Diese sind in den Projekten der Filme­macherin nämlich oft proble­matischen Dynamiken und Charakteren ausgesetzt. Als Dreh­buch­autorin interessieren sie gerade diese heiklen Zustände: »Ich will aber keine Opfer-Täter-Geschichten erzählen, sondern Ambivalenzen aufzeigen. Und dass man die Strukturen dahinter – Patriarchat und Kapitalismus – versteht.« Als Regis­seurin wiederum müsse sie dabei immer stark die Grenze zwischen Spiel und Nichtspiel im Auge behalten. Für »Ein Teil von mir« fragte Bausch deshalb einfach ihre Besetzung, mit welchem Kollegen sie sich in der Rolle des Täters wohl­fühlen würde.

In ihren Filmen möchte Vivian Bausch gesellschaftliche Ambivalenzen aufzeigen. (Bild: Brisilda Bufi)

Auch wenn die Handlungen ihrer Filme selten autobiografisch sind, verstecken sich darin Themen, die Bausch durchaus per­sönlich beschäftigen. Aber: »Etwas Persönliches ist auch immer etwas Allgemeines.« Das Film­schaffen und das Fiktionalisieren eigener Erfahrungen hätten für sie deshalb auch eine Art therapeutische Wirkung. »Es hat etwas Ermäch­tigendes, gewisse Gefühle kreativ zu nutzen«, meint sie. Scham etwa. Scham aufgrund von per­sönlichen Themen, aufgrund von Lautsein, aufgrund von starker Präsenz. Scham, die einem von Kind auf einge­redet wird, die krank­haft ist. So eine Scham habe sie auch bei der Stoff­entwicklung für ihren Langfilm empfunden, erzählt sie.

Schützende Militärjacke

Im Zentrum von »Soldat« steht ein junges Mädchen, das eine Militär­jacke des öster­reichischen Bundes­heeres trägt. Dieses Mädchen ist nicht nur eine herrlich provokante Figur, sondern basiert auch auf Bauschs eigener Jugend. Ein Jahr lang habe sie damals die Uniform rund um die Uhr anbehalten und sich dabei angenehm beschützt gefühlt. Als sie den Charakter in einem Workshop mit der deutschen Regisseurin und Dreh­buch­autorin Doris Dörrie zum ersten Mal vorstellte, war diese sofort davon begeistert. Deshalb beschäftigte Bausch sich weiter damit, trotz ursprünglichen inneren Widerstands.

Kern und Grundstimmung von »Soldat« seien dabei immer gleich­geblieben, obwohl der Film im Laufe der Arbeit daran doch einige strukturelle Änderungen durch­gemacht habe. Das Dreh­buch sei auch nach wie vor work in progress, erklärt sie mit einem Schmunzeln. Das Schreiben sieht sie als einen »coolen, psycho­logischen Prozess«. Manchmal müsse man als Autorin die eigenen unguten Figuren jedoch erst lieb gewinnen. »Ich glaube, ich sollte mich auch von dem Gedanken lösen, vor dem Dreh schon das perfekte Dreh­buch zu haben. Und zulassen, dass Dinge während des Drehs passieren«, sagt die Filme­macherin. Um im Nachsatz noch hinzu­zufügen: »Was ja auch schön ist.«

Details zum Schaffen von Vivian Bausch sind auf ihrer Website zu finden.

Dieser Text ist im Rahmen einer Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria entstanden.

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