Wenn Staat und Institutionen eine*n ignorieren, bleibt es oft an Communitys hängen, sich selbst zu helfen. Das birgt Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten. Zwei queere Aktivistinnen erzählen, warum es gerade jetzt so wichtig ist, sich zu organisieren.

Was genau eine »Gemeinschaft« beziehungsweise »Community« ausmacht, ist gar nicht so leicht zu definieren. In der Theorie ist der Begriff so schwammig wie ausufernd. Und in der Praxis zeichnet sich eine Community oft mehr durch ein Netzwerk Tausender einzelner Interaktionen aus als durch eine abgegrenzte Gruppe von Personen. Kurz zusammengefasst könnte man bei einer Community vielleicht von Menschen reden, die sich umeinander kümmern. Gerade bei queeren Menschen wird diese Sorgearbeit mangels ausreichender staatlicher Angebote oft von selbstorganisierten Organisationen übernommen.
Um den aktuellen Entwicklungen in der Szene auf den Grund zu gehen, haben wir mit zwei Aktivistinnen geredet, die bereits seit mehreren Jahren in der queeren Community aktiv sind und bereits einige Initiativen mitgegründet haben. Wir haben uns entschieden, unsere beiden Gesprächspartnerinnen Carmen und Sophie zu anonymisieren sowie ihre Namen zu ändern. Denn: »Wenn Community Aufgaben übernimmt, die der Staat – aus welchen Gründen auch immer – nicht übernimmt, bewegt man sich häufig in einem Graubereich der Legalität«, so Carmen. Das hält sie aber nicht davon ab, diese Arbeit trotzdem anzugehen. »Für mich macht Aktivismus die queere Community aus. Ich sehe ihn als eine Pflicht, nicht als Hobby.« Es sei laut Carmen aber nicht immer ganz einfach, jene Menschen zu erreichen, die auf Hilfe angewiesen sind. Einerseits weil es schwer sei, Angebote sichtbar zu machen, andererseits aufgrund der »einschränkenden, weißen, cis und bourgeois-studentischen Struktur der Linken in Wien«.
Raum für Community
Daher ist es umso wichtiger, dass der Zugang möglichst barrierearm angelegt ist. Reale und digitale Räume, die von und für die Community gestaltet werden, sind unglaublich wichtig. So zum Beispiel die teilweise riesigen Signal-Gruppen, in denen unter anderem auch nach Hilfe bei Umzügen, Einkäufen oder Gängen zur Apotheke gefragt wird. Eine Kontrolle, wer Teil solcher Communitys ist, funktioniert nicht und ist in der Regel auch nicht gewollt. Carmen erklärt dies folgendermaßen: »Nicht nur Menschen, die out sind, sind queer. Wir müssen Politik für alle machen – und nicht nur für jene, die bereits wissen, dass sie queer sind, oder es jetzt schon leben können.«
Etablierte Organisationen würden im Gegensatz dazu häufig so arbeiten, dass sie regeln und bestimmen, wer Zugänge zu Räumen, Rechten und Versorgung bekommen kann. »Institutionen haben nur Raum für bestimmte Menschen«, führt Carmen aus. »Ohne Staatsbürger*innenschaft oder geregelten Aufenthalt versagt beispielsweise das gesamte medizinische System für dich. Es ist nämlich von Grund auf rassistisch aufgebaut – und auch transmedikalistisch.«
Transmedikalismus beschreibt die Idee, dass trans zu sein eine Krankheit sei, die medizinisch durch eine Transition geheilt werden könne – und dies ausschließlich auf spezifische, assimilierende Arten und Weisen. »Nur Ärzt*innen können offiziell diagnostizieren und verschreiben, dass ich eine Frau sein darf«, so Carmen weiter.
Der Zugang zu Hormonen oder anderer gender-affirming Care ist in unserer Gesellschaft mit vielen Barrieren behaftet. Und er ist begleitet von einer belastenden Pathologisierung und Infragestellung der eigenen Identität. Das macht die Kommunikation in der Community darüber, welche Ordinationen unterstützend arbeiten, umso wichtiger. Informationen, Erfahrungen, Ressourcen und etwa mögliche Zugänge zu Hormonen werden miteinander geteilt.
Anfeindungen aus der Gesellschaft
Carmen kritisiert jedoch nicht nur die staatlichen und medizinischen Systeme. Auch größere queere Institutionen würden zwar für queere Rechte kämpfen – aber oft nur für einen gewissen Teil der Community. Zahlreiche, auch innerhalb der LGBTQIA*-Gemeinschaft marginalisierte Menschen seien von diesen Bemühungen ausgeschlossen. Sie seien vielmehr weiter Anfeindungen aus der Gesellschaft ausgesetzt, während nur ein ausgewählter Teil als normal genug dargestellt werde.
Die großen Institutionen sehen durchaus ihre eigenen Limitierungen. Das Qwien, ein queeres Archiv sowie Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum, existiert beispielsweise bereits seit zwanzig Jahren. Einst die Idee zweier schwuler Historiker, stellt der Verein selbst fest, dass es etwas anderes sei, eine selbstverwaltete Gruppe queerer Aktivist*innen zu sein, als einen Betrieb mit nicht ganz zehn Beschäftigten zu führen. Man würde sich allerdings bemühen, etwaige Leerstellen und Unterrepräsentationen nach Möglichkeit zu beseitigen.
Ein ganz großes Thema in unseren Gesprächen ist Geld. Und das ist zunehmend knapp. Überall findet aktuell Sozialabbau statt, Räume wie die Freifläche in St. Marx oder das Kulturzentrum Amerlinghaus gehen verloren. »Wie kann es sein, dass wir zuerst Privatkonzerne mit irgendwelchen Hallen ausstatten, bevor wir schauen, dass alle irgendwo unterkommen«, kritisiert Sophie. Es gebe derzeit viele Fundraiser von und für diverse Communitys. Daran merke man stark, wo das Geld fehlt, wo soziale Systeme versagen und auf andere Mittel zurückgegriffen werden muss. Soli-Events jeglicher Art – von Bastelworkshops, über Partys bis hin zu autonomen Volxküchen – versuchen Abhilfe zu schaffen. Sophie fasst das Problem prägnant zusammen: »Wo ist das Scheißgeld für Menschen, für deren Medical Care und fürs Überleben?«
So viele andere Kämpfe
Vielleicht fehlt es ja nicht primär an Geld, sondern an Willen. »Unsere Existenz ist eine Gefahr für konservative Konstrukte von Familie und heterosexuellen Lebensentwürfen. Allein dass es trans Frauen gibt, bringt viele Annahmen darüber, wie Sex und Gender funktionieren, ins Kippen. Unser Kampf für das Recht auf körperliche Autonomie hängt mit so vielen anderen Kämpfen zusammen«, stellt Carmen klar. Doch selbst jene Rechte, die erkämpft wurden, sind prekär. Die politische Lobbyarbeit von Vereinen wie der Hosi, der 1979 gegründeten, größten politischen Interessensvertretung von LGBTQIA*-Personen in Österreich, führt mitunter nur zu vorübergehenden Zugeständnissen der Politik.
»Letztlich kann der Appell an den Staat nicht funktionieren, weil wir keine Macht haben«, meint Carmen. »Alles, was uns gegeben wird, kann uns auch wieder genommen werden, solange wir nicht organisiert sind und Parallelstrukturen aufgebaut haben, mit denen wir weitestgehend abgesichert sind.« Der Staat inszeniere sich vorwiegend selbst, schmücke sich mit Homonationalismus. Jene Forderungen, die diesem Narrativ nicht helfen, seien auch kein Teil des Tauschhandels der Akzeptanz.
Glitzer ≠ schwul
Ein wichtiges politisches Druckmittel, um in Österreich Zugeständnisse von staatlicher Seite zu erwirken, sollte ursprünglich die Vienna Pride sein. Sie sollte aufzeigen, wie stark die Unterstützung für queere Rechte hierzulande ist. Doch mittlerweile gleicht sie eher einem kapitalistischen, kommerziell orientierten Partyzug als einem Protest. »Auf der Pride laufen so viele Menschen mit, die nicht annährend die Forderungen queerer Menschen verstehen, die diese sogar aktiv untergraben«, meint auch Sophie. »Man könnte die Pride schon so vermarkten, dass es tatsächlich Bedeutung hätte, hinzugehen. Konzernwägen mit Musik von ›Atemlos‹ bis Pitbull, haben aber nichts mit Queerness zu tun. Niemand kann mir sagen, dass das schwul ist, nur weil Glitzer drauf klebt.«
Die Vienna Pride ist ein Ziel vieler Tourist*innen, sie hat eine unglaubliche Strahlkraft. Umso schwerer wiegt, dass Parteien und Konzerne auf ihr vertreten sind. »Die Hosi ist uns keine Rechenschaft mehr schuldig. Sie braucht uns Queers nicht auf der Pride«, sagt Carmen dazu.
Doch gibt es auch hier Nuancen, wie Sophie anmerkt: »Ich tue mir schwer, der Hosi die Community abzusprechen. Die Menschen, die dort sind, sind schon real.« Allerdings nimmt auch sie die Strukturen und Vorgehensweisen der Hosi als unflexibel wahr. Und auf Kritik werde selten reagiert. In einer funktionierenden Community braucht es aber laut Sophie Raum für Kritik, ein Verständnis für sowie einen Ausdruck von Erwartungen und Bedürfnissen. »Ich glaube, dass Kritik eine Form der Liebe ist«, so die Aktivistin. »In einer Community ist es wichtig zuzulassen, dass Leute nicht perfekt sind. Es gibt Konflikte. Es muss okay sein, bis zu einem gewissen Grad Ambivalenzen auszuhalten.«
Die Hosi hat viel geleistet, um sich nun die Stimme der Community nennen zu können. Doch wessen Stimme ist das wirklich? Und vor allem: Für wen wird dabei nicht gesprochen? Genau in diesem Punkt wird auch in der Szene gerade Kritik laut. So kursiert etwa ein offener Brief einiger bekannter LGBTQIA*-Organisationen in den sozialen Medien, mit dem Aufruf, die Pride solle kein Geschäftsmodell sein und solche Events müssten die Community ausreichend einbinden. In den Kommentaren wird allerdings gerade manchen Unterzeichner*innen eine mangelnde Einbindung der gesamten Bandbreite queerer Menschen vorgeworfen.
Pride geht auch anders
Rund um die Pride zeigen aber auch konkrete Gegenbeispiele, wie es anders ginge. Da wäre etwa der Marsch für’n Arsch, der spezifisch als Widerstand gegen rechte Agitation anlässlich der Vienna Pride veranstaltet wird: »Der Marsch für’n Arsch ist eine Notwendigkeit. Leute fühlen sich verpflichtet, das als Community zu organisieren. Auch weil es einfach nicht aussagekräftig genug ist, auf die Pride zu gehen«, so Sophie.
Die queere Gegendemonstration ist laut, sichtbar und mittlerweile ziemlich groß. Carmen stellt klar: »Das ist, was eine Pride sein sollte: ein Protest, ein Aufschrei, eine Demo gegen Queerfeindlichkeit. Und nicht eine große Party. Beim Marsch für’n Arsch finden sich die ganzen Queers, die intersektional kämpfen wollen. Dort und nicht etwa beim ESC.«
Und im Anschluss an die Demos gibt es dann noch das Trans viel Fest. Sophie: »Dort bildet sich aus einer breiten queeren Masse eine Community. Ohne Konsumdruck, ohne belästigt zu werden. Das ist bei der Vienna Pride – in dem Rahmen, in dem sie gerade existiert – einfach nicht möglich.«
Queere Community bedeutet nämlich nicht nur Sorgearbeit, nicht nur Kämpfe um Raum und Rechte, nicht nur laut zu werden angesichts von Unterdrückung. Sie bedeutet auch, sich zu vernetzen, gemeinsam Strukturen aufzubauen und mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Nur so versteht man wirklich, was Community eigentlich ist. Nicht über spröde Definitionen, sondern wenn man beginnt, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und füreinander da zu sein.
Am 31. Mai findet die Pride-Reclaimed-Demonstration statt, mit dem Ziel, die Vienna Pride wieder zu ihren radikalen Wurzeln zurückzuführen. Der Marsch für’n Arsch ist – wie die Regenbogenparade – für den 13. Juni geplant. Nähere Infos finden sich etwa auf Instagram unter @marschfuernarsch_w.