Miriam V. Lesch, Kuratorin für zeitgenössischen Zirkus beim Kultursommer Wien, über den Stellenwert ihrer Kunstform, Fluidität als Stärke und ihr Hauptanliegen bei der Programmgestaltung.

Welchen Stellenwert hat der zeitgenössische Zirkus innerhalb der Zirkuskunst?
Miriam V. Lesch: Zirkus ist ein Genre, das von Straßenkunst über Theaterbühnen, Ausstellungsformate und Las-Vegas-Shows bis hin zur Pariser Oper und zum traditionellen Zirkuszelt unglaublich vielschichtig und international stattfindet. Gerade in dieser Unterschiedlichkeit ist es eine faszinierende Kunstform, in der sich der zeitgenössische Zirkus als wichtige, eigenständige Strömung etabliert hat. Mich freut es vor allem, dass er in der österreichischen Kulturlandschaft immer mehr Fuß fasst und ankommt. Einen noch größeren Austausch mit anderen Kunstformen wie beispielsweise dem Theater fände ich sehr reizvoll und wünschenswert.
Welche Möglichkeiten bietet der Kultursommer Wien als Veranstaltungsrahmen?
Das Besondere am Kultursommer Wien sehe ich im Spielen an öffentlichen Orten, die wir für einen bestimmten Zeitraum kulturell beleben. Für die Kinder und Bewohner*innen der angrenzenden Grätzl ist das ihr Park. Wir sind dort zu Gast und bringen etwas Neues mit. Leute kommen und gehen während der Vorstellungen, Kinder tanzen vor der Bühne und beteiligen sich sehr aktiv am Geschehen. Es kann für Künstler*innen auch herausfordernd sein, den vertrauten, geschlossenen Veranstaltungsraum zu verlassen. Aber gerade dieses direkte Zusammenkommen mit dem Publikum finde ich inspirierend, es regt zu anderen Spielformen und Fragestellungen an. Viele Zirkusprojekte nutzen den Kultursommer Wien auch, um interaktive Formate oder ortsspezifische Arbeiten auszuprobieren und weiterzuentwickeln.
Inwiefern kannst du deine Erfahrungen als Autorin und Dramaturgin für die Programmplanung nutzen?
Meine eigene künstlerische Praxis ist vom Arbeiten in verschiedenen Genres geprägt. Ich mag es, Schnittstellen auszuloten, und empfinde das Zusammenspiel und die Reibung unterschiedlicher Kunstformen als inspirierend. Einen breiten künstlerischen Background und Blick zu haben, bereichert mich bei meiner Perspektive auf die eingereichten Arbeiten und ihre Unterschiedlichkeit. Zu enge Genregrenzen interessieren mich nicht. Gerade in der Fluidität der Arbeiten und in der Freude am Experimentellen sehe ich eine große Stärke.
Was ist dein Zugang zur Auswahl der Beiträge?
Das Kultursommer-Wien-Programm wird über einen Open Call kuratiert, bei dem sich jede*r bewerben kann. Ich lasse mich von den eingereichten Projekten beziehungsweise den einzelnen Künstler*innen und Compagnien inspirieren. Besonders freue ich mich, wenn mich eine Gruppe wirklich mit ihrer Idee überrascht und ich sehe, dass der spezifische Rahmen des Kultursommer Wien mitgedacht wurde. Mein Hauptanliegen ist es, ein diverses Programm zusammenzustellen, das zeitgenössischen Zirkus in all seinen Facetten erfahrbar macht.
Hast du ein persönliches Highlight aus deiner diesjährigen Arbeit als Kuratorin?
2026 gab es um die dreißig Prozent mehr Einreichungen in der Sparte Zirkus als im Vorjahr und damit auch so viele wie noch nie. Es freut mich zu sehen, dass der Kultursommer Wien fest im Bewusstsein der österreichischen Zirkusszene verankert ist und als fixer Bestandteil des Veranstaltungsjahres mitgedacht wird. Aber auch einzelne internationale Künstler*innen treten wiederholt bei uns auf und präsentieren ihre neuen Arbeiten. Das ist eine schöne Entwicklung.
Der Kultursommer Wien 2026 findet noch bis 16. August statt. Details zum Programm und zu den über die ganze Stadt verteilten Spielstätten unter www.kultursommer.wien. Näheres zu den aktuellen Projekten von Miriam V. Lesch gibt es auf Instagram.