»Zirkus ist ein unglaublich vielschichtiges Genre« – Miriam V. Lesch, Kuratorin beim Kultursommer Wien, im Interview

Miriam V. Lesch, Kuratorin für zeit­genössischen Zirkus beim Kultur­sommer Wien, über den Stellen­wert ihrer Kunstform, Fluidität als Stärke und ihr Haupt­anliegen bei der Programm­gestaltung.

© Christoph Schiele

Welchen Stellenwert hat der zeit­genössische Zirkus innerhalb der Zirkuskunst?

Miriam V. Lesch: Zirkus ist ein Genre, das von Straßen­kunst über Theater­bühnen, Ausstellungs­formate und Las-Vegas-Shows bis hin zur Pariser Oper und zum traditionellen Zirkus­zelt unglaub­lich viel­schichtig und inter­national stattfindet. Gerade in dieser Unter­schied­lich­keit ist es eine faszinierende Kunstform, in der sich der zeit­genössische Zirkus als wichtige, eigenständige Strömung etabliert hat. Mich freut es vor allem, dass er in der öster­reichischen Kultur­land­schaft immer mehr Fuß fasst und ankommt. Einen noch größeren Austausch mit anderen Kunst­formen wie beispiels­weise dem Theater fände ich sehr reiz­voll und wünschenswert.

Welche Möglichkeiten bietet der Kultursommer Wien als Veranstaltungsrahmen?

Das Besondere am Kultursommer Wien sehe ich im Spielen an öffentlichen Orten, die wir für einen bestimmten Zeitraum kulturell beleben. Für die Kinder und Bewohner*innen der angren­zenden Grätzl ist das ihr Park. Wir sind dort zu Gast und bringen etwas Neues mit. Leute kommen und gehen während der Vorstellungen, Kinder tanzen vor der Bühne und beteiligen sich sehr aktiv am Geschehen. Es kann für Künst­ler*innen auch heraus­fordernd sein, den ver­trauten, geschlossenen Veranstaltungs­raum zu verlassen. Aber ge­rade dieses direkte Zusammen­kommen mit dem Publikum finde ich inspirierend, es regt zu anderen Spiel­formen und Frage­stellungen an. Viele Zirkus­projekte nutzen den Kultursommer Wien auch, um inter­aktive Formate oder orts­spezifische Arbeiten auszuprobieren und weiter­zuentwickeln.

Inwiefern kannst du deine Erfahrungen als Autorin und Dramaturgin für die Programm­planung nutzen?

Meine eigene künstlerische Praxis ist vom Arbeiten in verschiedenen Genres geprägt. Ich mag es, Schnittstellen auszuloten, und emp­finde das Zusammen­spiel und die Reibung unter­schiedlicher Kunst­formen als inspirierend. Einen breiten künst­lerischen Back­ground und Blick zu haben, bereichert mich bei meiner Perspektive auf die einge­reichten Arbeiten und ihre Unter­schied­lichkeit. Zu enge Genregrenzen interessieren mich nicht. Gerade in der Fluidität der Arbeiten und in der Freude am Experi­men­tellen sehe ich eine große Stärke.

Was ist dein Zugang zur Auswahl der Beiträge?

Das Kultursommer-Wien-Programm wird über einen Open Call kuratiert, bei dem sich jede*r bewerben kann. Ich lasse mich von den einge­reichten Projekten beziehungs­weise den einzelnen Künst­ler*innen und Compagnien inspirieren. Besonders freue ich mich, wenn mich eine Gruppe wirklich mit ihrer Idee über­rascht und ich sehe, dass der spezifische Rahmen des Kultursommer Wien mit­ge­dacht wurde. Mein Haupt­anliegen ist es, ein di­verses Programm zusammen­zustellen, das zeit­genössischen Zirkus in all seinen Facetten er­fahr­bar macht.

Hast du ein persönliches Highlight aus deiner diesjährigen Arbeit als Kuratorin?

2026 gab es um die dreißig Prozent mehr Einreichungen in der Sparte Zirkus als im Vorjahr und damit auch so viele wie noch nie. Es freut mich zu sehen, dass der Kultursommer Wien fest im Bewusst­sein der öster­reichischen Zirkus­szene verankert ist und als fixer Bestand­teil des Veranstaltungs­jahres mitge­dacht wird. Aber auch einzelne inter­nationale Künst­ler*innen treten wieder­holt bei uns auf und präsentieren ihre neuen Arbeiten. Das ist eine schöne Entwicklung.

Der Kultursommer Wien 2026 findet noch bis 16. August statt. Details zum Programm und zu den über die ganze Stadt verteilten Spielstätten unter www.kultursommer.wien. Näheres zu den aktuellen Projekten von Miriam V. Lesch gibt es auf Instagram.

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