»Theater als Raum der Teilhabe an brisanten Fragen« – Anna Luca Krassnigg vom Wortwiege Festival im Interview

Seit 2004 eröffnet die Wortwiege, gegründet und künstlerisch geleitet von Anna Luca Krassnigg, zugleich Theater- wie Denkräume. So bietet das Festival seinem Publikum ein Spektrum von ungewöhnlichen, inhaltsstarken Theaterformen.

© Christian Mair — Heuer beim Wortwiege Festival: »Troja Forever«

Du bist Regisseurin, Autorin, Theatermacherin und Universitätsprofessorin. Wie helfen dir all diese Berufungen bei deiner Arbeit als künstlerische Leitung des Wortwiege Festivals?

Anna Luca Krassnigg: Vor allem durch Motivation. Die Wortwiege ist ja ein Gefäß, das sehr stark künstlerische Individualität und Freiheit zulässt und fördert. Wie wir alle wissen, ist dieser Spielraum – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht gerade die Stärke von großen Institutionen. Wir sind ein sehr professionell aufgestelltes Festival mit tollen Kolleg*innen, aber eben auch ein wendiges Schiffchen. Das bedeutet: Spielplangestaltung, inhaltliche Schärfung und tägliche künstlerische Arbeit mit neugierigen Menschen, daher naturgemäß auch stark mit Nachwuchskünstler*innen.

Welche Schwerpunkte setzt du als künstlerische Leitung des Festivals?

Für mich ist Theater dann spannend, wenn es tatsächlich die Gegenwart künstlerisch spiegelt. Unsere turbulente Zeit verlangt nach einer Theaterkunst, die ebenso vielfältig in Form und Inhalt ist, dabei aber klar eröffnet, wohin die Reise jeweils gehen soll. Daher die sehr spezifischen Spielplanmottos. Lust, Gestaltungs- und Erzählfuror, leidenschaftliches Interesse für Sprache und alles, was sie auslöst, sowie der ernsthafte Versuch, diese Energien offen mit einem Publikum zu teilen, sind mir wichtig. Theater als Agora, als Raum der Teilhabe an brisanten Fragen und als sinnlicher Erzählraum.

Anna Luca Krassnigg (Bild: Julia Kampichler)

Inwiefern sind die Theaterformen der Wortwiege »eigenwillig«, wie ihr das auf eurer Webseite beschreibt?

Das liegt natürlich im Auge der Betrachtenden. Aber die Zuschreibung stimmt insofern, als die Theaterabende tatsächlich aus individuellen, anlassbezogenen Positionen der beteiligten Künstler*innen entstehen, die Regisseur*innen, Autor*innen, Musiker*innen, Schauspieler*innen und Gesprächsgäste der Wortwiege wissen, dass dieses Festival – auf gut Wienerisch – eine Art »Leo« bietet, einen Vertrauensraum, in dem sie ein Thema, so wie es ihnen unter den Nägeln brennt, mit der ganz eigenen Wahl der Mittel künstlerisch bearbeiten können. Das bringt die unterschiedlichsten Ergebnisse: etwa einen extrem physischen Umgang mit Komödie; Kombinationen aus Tanz, Sprachkunst, Video und Musik; ein Popkonzert basierend auf antiken Texten; eine sehr pure Destillation des gewaltigen »Penthesilea«-Stoffes für drei leidenschaftliche Spieler*innen; ein Lesetheater; oder das Reenactment brisanter Reden.

Ihr habt auch die Initiative Sea Change gegründet. Kannst du die Idee dahinter kurz skizzieren?

Die Kontraste und die Verbindungen verschiedener Kulturräume sind für mich die zentrale Quelle der Inspiration. Ich habe immer bedauert, dass – trotz »Globalisierung«, steigender Mobilität, großer Festivaltanker und EU-Förderungen – der gelebte künstlerische Austausch zwischen Kulturräumen äußerst überschaubar bleibt. Die Wege sind mitunter viel zu holprig, um für Künstler*innen und ein internationales Publikum zur Selbstverständlichkeit zu werden, obwohl gerade das für das Verständnis Europas von außen und innen ganz entscheidend wäre. 2021 war der Kairos, der ideale Moment, da: Eine kleine Gruppe aus Kunst und Wissenschaft hat sich eine konkrete Arbeitsweise überlegt, wie man Themen international und interkreativ gestalten und aufführen kann – ohne überbordende Budgets oder Administrationen, vielmehr hands on. Das Überthema, das uns beschäftigt, ist die Kunst der Verwandlung. Und wenn ich hier von Kunst spreche, meine ich das Gegenteil von Krieg.

Heuer beim Wortwiege Festival: »Penthesilea« (Bild: Christian Mair)

Warum eignen sich speziell die Kasematten in Wiener Neustadt als Bühne für euer Programm?

Sie bieten die idealen Bedingungen für unsere »Theater-Agora«. Weitläufig, in einzelne Säle unterteilt, aber dennoch ein gesamtarchitektonisch prachtvoller, historischer Komplex, sinnlich und gleichzeitig in der Infrastruktur hochmodern. Eine Anderswelt, dennoch in fünf Gehminuten vom Bahnhof erreichbar. Was will man mehr?

Gibt es eine witzige Anekdote aus der bisherigen Geschichte des Festivals, die dich noch immer zum Schmunzeln bringt?

Es erheitert mich grundsätzlich immer wieder, wenn Menschen aus unserem – wunderbar heterogenen – Publikum auf mich zukommen und sagen: »So was habe ich noch nie gesehen, ich bin gar nicht sicher, ob ich es verstanden habe.« Wenn ich sie daraufhin bitte, mir zu erzählen, was sie denn erlebt hätten, antworte ich auf ihre Zusammenfassung meistens, aus echter Überzeugung: »Wow, das ist es – Sie sollten Dramaturg*in bei uns werden!« Das Publikum ist erstaunlich schlau und offen, wenn man nicht meint, es belehren zu müssen.

Das Wortwiege Festival 2026 findet von 25. Februar bis 29. März in den Kasematten in Wiener Neustadt statt. Das diesjährige Motto: »Ungeheuer … ist viel!«

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