Dank Wien Modern übernimmt zeitgenössische Musik wieder für einen Monat die Bundeshauptstadt. Die 39. Ausgabe des Festivals fokussiert unter dem Titel »Im großen Ganzen« auf das Wechselspiel von Musik und Ökosystemen.

Grashüpfer, Blattflöhe und Mauerbienen gehören zwar nicht unbedingt zu einem üblichen Orchesterensemble, bekommen aber zum Auftakt von Wien Modern trotzdem eine ziemlich große Bühne. Mittels Lautsprechern wird das Foyer des Wiener Konzerthauses mit Klängen von Insekten aus Chuchchepati in Nepal bespielt, die für das menschliche Ohr im Alltag eigentlich nicht zu hören sind. Das Festival fängt also ziemlich klein an, dafür, dass es dieses Jahr das Motto »Im großen Ganzen« hat.
Die 39. Wien-Modern-Ausgabe beschäftigt sich mit Ökosystemen und damit, wie sich Natur nicht nur vertonen lässt, sondern selbst zu einem aktiven Bestandteil von Musik wird. »Mit der Donau«, das Eröffnungskonzert am 30. Oktober, nimmt diesen Gedanken voll auf und macht daraus ein ganzes Orchesterwerk. Über mehrere Monate hinweg hat Komponistin Pia Palme mit ihrem Team im Nationalpark Donau-Auen Klänge, Bewegungen und Eindrücke gesammelt und mit Stimmen, Videos und Rauminstallationen verbunden. »Die Donau ist hier eine lebendige Co-Komponistin. Das Stück würde nicht für oder über, sondern eben mit der Donau geschrieben«, erläutert Palme die Zusammenarbeit mit ihrer natürlichen Kollegin.
Raus ins Grüne
Musikalisch geht es heuer vom Wald über das Meer bis tief in den Urwald Borneos. In »Future Forest« treffen Aufnahmen aus dem Schwarzwald und dem Lainzer Tiergarten auf Musik von Kirsten Reese, während Annea Lockwood in »Sound Map of the Danube« rund fünfzig Orte entlang des Flusses hörbar macht. Das indonesisch-deutsche Kollektiv Points of Listening präsentiert in »Hutan (Forest)« Tonaufnahmen aus einem der letzten Primärwälder weltweit. Dieses Projekt wird die erste »Relaxed Performance« von Wien Modern sein – ein möglichst barrierefreies Format, mit dem auch Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen sensorischen Bedürfnissen entgegengekommen werden soll. Festivalleiter Bernhard Günther möchte damit »so vielen Menschen wie möglich Zugang zum Festival bieten«.

Dass es für Naturbeobachtungen nicht zwingend idyllisch sein muss, zeigen Katrin Hornek und Judith Unterpertinger bei »Modified Grounds #3« am Rautenweg. Dort wird eine Gipfelwanderung über die Mülldeponie von einem 120-stimmigen Chor musikalisch untermalt. Außerdem bekommen ausgewählte Werke der australischen Komponistin Liza Lim einen Schwerpunkt. Gemeinsam mit der Neuen Oper Wien zeigt Wien Modern ihre Oper »Tree of Codes« erstmals in Österreich.
Klang und Raum
Neben Konzerten gehören bei dieser Ausgabe auch acht Ausstellungen und immersive Klanginstallationen zum Programm. Die größte Werkschau ist dabei dem österreichischen Tonraumkünstler Bernhard Leitner gewidmet. Unter dem Titel »Soundspacesculpture« wird der Klang selbst zum räumlichen Erlebnis und bewegt sich um die Besucher*innen herum. Die Ausstellung ist bereits eröffnet und ist bis zum 22. November in der Secession zu besuchen.
Zum ersten Mal wird dieses Jahr auch im Filmcasino Station gemacht. Dort präsentiert Billy Roisz »Shifting Sediments #2« und verbindet Bild mit Sound. Elektronische Signale verarbeitet sie gleichzeitig zu visuellem und akustischem Material: »Ich will zeigen, wie man Bilder hört und Sounds sieht.« Der erste Teil des Projekts war bei der Diagonale in Graz zu erleben.
Darüber hinaus wird die österreichische Komponistin und Pianistin Katharina Klement ausgezeichnet. Sie erhält den Erste Bank Kompositionspreis 2026 und feiert am 22. November die Uraufführung ihres Ensemblewerkes »Schaum«.

»Besser wird’s nicht«
Zusammen mit dem Musikverein rückt die diesjährige Festivalausgabe außerdem die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in den Fokus und verbindet ihre Texte mit Livemusik. Drei Text-Musik-Performances unter dem Titel »Besser wird’s nicht« werden aktuelle Arbeiten von Jelinek erstmals auf die Bühne bringen. Gelesen werden die Texte unter anderem von Josef Hader und Birgit Minichmayr.
Zudem könnte man dieses Jahr relativ oft ein Geburtstagsständchen singen: Wien Modern feiert unter anderem die hundertsten Geburtstage der zeitgenössischen Komponist*innen György Kurtág, Betsy Jolas und Friedrich Cerha. Von Letztgenanntem stammt mit dem Orchesterzyklus »Spiegel I–VII« der Abschluss des Festivals am 30. November im Musikverein.
Die 39. Ausgabe von Wien Modern findet von 30. Oktober bis 30. November 2026 statt. Das vollständige Programm des Festivals ist auf www.wienmodern.at zu finden.