Erwachsen werden mit Oskar Haag – Interview zum neuen Album »Lost Cause«

Mit gerade einmal 21 Jahren hat Oskar Haag vor Kurzem bereits sein zweites Album ver­öffentlicht. Im Inter­view spricht er über Er­wartungsdruck, ungewöhn­liche musikalische Inspirations­quellen und die bevor­stehende Tour zu »Lost Cause«.

© Michelle Rassnitzer

Begriffe wie »Wunderkind« oder »Multitalent« dürfte Oskar Haag mittlerweile oft genug gehört haben. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aller­­dings nicht. Schon mit fünfzehn Jahren machte der gebürtige Klagenfurter beim Popfest Wien auf sich auf­merksam, Zwei Jahre später, 2023, folgte sein Debüt­album »Teenage Lullabies«, für das er gleich einmal mit dem FM4-Amadeus-Award aus­ge­zeich­net wurde. Dass er sich aber nicht nur auf die Musik beschränkt, zeigt Haag mit gelegent­lichen Aus­flügen in die Schau­spielerei, sei es für Theater- oder für Film­produktionen. Mit »Lost Cause« ist nun das zweite Album des Musikers erschienen, mit dem er demnächst auch auf Tour geht.

Du hast mit »Lost Cause« vor Kurzem dein zweites Album ver­öffentlicht und dieses im aus­verkauften Radio­kultur­haus in Wien präsentiert. Wie geht es dir damit, dass es jetzt draußen ist?

Oskar Haag: Gut. Es ist sehr viel Druck weg. Obwohl »Druck« vielleicht das falsche Wort ist. Es war eher eine Vorfreude, weil man dann doch die letzten drei bis vier Jahre daran ge­arbei­tet hat. Da fühlt sich die Wartezeit zwischen »das Album ist fertig« und »das Album kommt raus« wie eine halbe Ewig­keit an. Meine Release-Show im Radio­kultur­haus war auch super. Das ist für so eine Album­präsentation schon ein geiler Ort. Ich bin selten nervös, aber dieser Raum hat so eine Kraft. Er ist fast schon ein bisschen zu schön, wenn man selbst auf der Bühne steht. Aber ins­gesamt war es wirklich fantastisch.

Wenn du sagst, dass du drei bis vier Jahre daran gearbeitet hast: Dein Debüt­album »Teenage Lullabies« ist erst vor drei Jahren erschienen. Sind also auch Songs auf dem aktuellen Album gelandet, die es nicht auf das erste ge­schafft haben?

Unter anderem, ja. Beziehungsweise ist der Song »Lover and His Lass« ursprünglich für das Burgtheater-Stück »Wie es euch gefällt« entstanden. Er hat mir dann aber so gut gefallen, dass ich mir gedacht habe, dass ich ihn auf das Album packe.

Wie war bisher das Feedback?

Das Feedback ist sehr gut. Es war jetzt auch immer lustig: Wenn ich in Wien spaziere, kommen hie und da Leute zu mir, um mit mir über das Album zu plaudern. Und manche sagen auch nur ganz schnell im Vorbeigehen: »Ey, cool geworden, das neue Album.« Ich bin eigentlich auch der Meinung, dass ich halt einfach mache, was ich mache, und dass danach dann jede*r damit an­fangen kann, was er oder sie möchte. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass sehr viele Leute verstanden haben, was ich mit dem Album ungefähr sagen wollte. Und das ist dann auch cool, also seinen Punkt rüberzubringen.

Was wäre denn dieser Punkt?

Ich beschreibe es insgesamt immer als Coming-of-Age-Album. Es geht darum, herauszufinden, was für ein Mensch man sein möchte und kann. Die Liebe ist auch ein großes Thema, weil sie zum Erwachen­werden dazugehört. In »I Wish Change Was Real« komme ich ein bisschen ins politische Erwachen. Das war auch Teil meiner Jugend: Ich habe immer mehr gemerkt, wie wichtig es ist, sich für gewisse Dinge einzusetzen. Und »Lost Cause« sowie »Drop Out« sind zwei Songs, in denen ich Sätze, die meine Lehrer früher immer zu mir gesagt haben, verarbeitet habe.

Bereits dein erstes Album war ziemlich erfolgreich. Ich sage nur: jüngster FM4-Award-Gewinner. Inwiefern stresst einen das, entsprechend nachzulegen?

Man macht sich schon Gedanken darüber. Es sind vor allem die Nächte, in denen einen das stresst. Aber ich muss ehr­lich sagen, dass dieser Druck schon vor drei Jahren an­ge­fangen hat. Dazu kann ich nur festhalten: Therapie ist super. Einfach mit einem fremden Menschen über alles reden, was einem so im Kopf rumschwirrt, hilft sehr. Den Stress an­zu­erkennen und ehrlich zu sich zu sagen: »Ich habe das. Woher kommt das und ist das überhaupt reasonable?« – das macht alles viel einfacher.

Im Titeltrack baust du den fast schon antiquierten Sound einer Zieh­harmonika sehr promi­nent ein. Inwiefern war es denn eine bewusste Ent­scheidung, ein »typisch österreichisches« Instrumente in neues Gewand zu packen?

Eigentlich gar keine. Die Ziehharmonika ist einfach eines meiner Lieblings­instrumente und wird echt oft schrecklichst verwendet. Also in ganz traditioneller Volksmusik kann sie eh wunder­schön sein, aber ich war auch schon immer großer Fan von ihr in Popmusik. Da kann man sie toll verwenden. Jemand hat mir mal auf Instagram geschrieben, dass sich der Song anfühlt, als wäre er aus dem Film »Die fabel­hafte Welt der Amélie«. Das nehme ich als Kompliment, weil der Soundtrack des Films ein gutes Beispiel für eine fantastisch eingesetzte Zieh­harmonika ist.

Ein anderer Song auf deinem Album ist Gustav Klimts »Der Kuss« gewidmet. Wie ist dieser entstanden?

Die Geschichte klingt wahnsinnig dahergelogen, aber ich habe immer gedacht, dass das Gemälde völlig über­bewer­tet ist. Nicht schlecht, aber auch nicht so gut, dass es auf Tausende T-Shirts und Kaffee­tassen gedruckt werden muss. Und dann war ich irgend­wann mit Freunden im Belvedere und stand vor dem »Kuss«. Auf ein­mal habe ich verstanden, wieso das Bild so ber­ühmt ist. Diese In­timität hat mich total berührt in dem Moment und in der Sekunde ist mir der Refrain in den Kopf gepoppt. Dann habe ich mich mit meinem Handy in eine Ecke des Museums gehockt, die Melo­die ein­gesungen und meinen Freunden gesagt: »Das war’s mit meinem Museums­besuch, ich muss ein Lied schreiben gehen.« Der Song ist aus mir raus­geplätschert. Das passiert nicht immer, aber war echt ein guter Moment.

Auf deiner kommenden Tour stehen unter anderem Paris und Straßburg am Kalender. Wie kam es zu diesen Ausflügen nach Frankreich?

Straßburg kam über das Förderprogramm »NASOM (The New Austrian Sound of Music)« zustande. Da wurde ich dieses Jahr auf­genommen. Bei Paris ist einfach eine Anfrage rein­gekommen, aber auch da ist die Förderung wichtig, weil die natürlich bei solchen Sachen finan­ziell hilft. Es ist einfach sehr teuer, eine ganze Band einfliegen zu lassen. 

Abgesehen davon geht es in zahlreiche deutsch­sprachige Städte. Wie bereitest du dich auf die Tour vor?

Ich habe nach dem Releasekonzert kurz mit meiner Band geredet, ob wir noch eine Probe vor der Tour brauchen, und weil alles top funktioniert hat, war die Ant­wort »nein«. Meinerseits gibt es eigentlich keine große Vorbereitung, weil ich Gott sei Dank nicht auf der organisatorischen Seite stehe. Wenn ich da stehen würde, wäre die Tour ein Horror. Ich darf mich hauptsächlich einfach nur freuen und den Kalender checken, wann es endlich losgeht. Und gesund bleiben sollte ich auch – schauen, dass man nicht zu viel Blöd­sinn macht.

Oskar Haag »Lost Cause« (Bild: Michelle Rassnitzer)

Das Album »Lost Cause« von Oskar Haag ist am 25. September 2026 bei Lullaby Records erschienen. Die nächsten Konzert­termine des Musikers: 21. Oktober, Graz, Orpheum — 22. Oktober, St. Pölten, Cinema Paradiso — 23. Oktober, Steyr, Röda — 24. Oktober, Klagenfurt, Fritz Club — 28. Oktober, Salzburg, Arge Kultur — 29. Oktober, Innsbruck, Treibhaus — 30. Oktober, München (DE), Volkstheater — 31. Oktober, Dornbirn, Spielboden — 6. November, Straß­burg (FR), Karmen Camina — 17. November, Passau (DE), Café Museum — 25. November, Regens­burg (DE), Osten­tor Kino — 26. November, Kötzting (DE), Bahnhof — 27. November, Nürnberg (DE), Club Stereo — 28. November, Leipzig (DE), Moritzbastei — 29. November, Jena (DE), Trafo — 30. November, Dresden (DE), Ostpol — 2. Dezember, Berlin (DE), Berghain Kantine — 3. Dezember, Hamburg (DE), Hebebühne — 4. Dezember, Wupper­tal (DE), Loch — 7. Dezember, Köln (DE), Jaki — 8. Dezember, Mainz (DE), Schon Schön — 9. Dezember, Stuttgart (DE), Merlin — 10. Dezember, Augsburg (DE), Soho Stage — 11. Dezember, Ulm (DE), Roxy — 12. Dezember, Zürich (CH), X-tra Musikcafé — 10. März 2027, Paris (FR), Supersonic.

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