Kunst im Kulturkampf – Ekaterina Degot, Intendantin des Steirischen Herbst, im Interview

Bereits zum 59. Mal findet der Steirische Herbst heuer statt. Intendantin Ekaterina Degot über das diesjährige Festival­thema »Red Flags«, den Kultur­kampf in der Steiermark und den Mut, Haltung zu zeigen.

© Daniel Kindler

Der Steirische Herbst gilt als eines der ältesten inter­disziplinären Festivals für zeit­genössische Kunst in Europa. Seit 1968 verwandelt er die Steiermark in eine Bühne für Performances, Ausstellungen und Debatten, die oft schwer zu über­sehen sind. Die Ar­beiten begegnen dem Publikum dabei nicht nur in Museen, sondern auch im öffent­lichen Raum. Mit der dies­jährigen Ausgabe kuratiert die in Moskau geborene Intendantin Ekaterina Degot den Steirischen Herbst bereits zum neunten Mal.

Du warst Journalistin, Kunsthistorikerin und Kuratorin. Welche dieser Rollen prägt deine Arbeit als Intendantin des Steirischen Herbst am stärksten?

Ekaterina Degot: Kunstgeschichte gilt oft als etwas sehr Trockenes, während Journalismus eher als spannend wahr­genommen wird. In meiner Arbeit verbinde ich diese beiden Bereiche aber. Ich ver­stehe Kuratieren als eine Form des Schreibens – als das Erzählen von Geschichten durch die Zusammen­stellung von Kunstwerken. Oder aber auch durch das Kombinieren bestehender Werke und das Einordnen in einen Kontext von Gegenwart und Vergangenheit. Ich würde also sagen: Als Kuratorin bin ich gleichzeitig Journalistin, Kunst­historikerin und noch vieles mehr.

Warum eignet sich die Steiermark für ein inter­nationales Festival wie den Steirischen Herbst?

Die Steiermark hat mit dem Festival den Anspruch auf ihren Platz auf der inter­nationalen Landkarte erhoben – und zwar zu einem Zeitpunkt, als sie dort noch gar nicht vertreten war. Darin liegt etwas Schönes, fast Heroisches. Natürlich ist es allein schon organisatorisch nicht einfach, Künstler*innen und Publikum nach Graz zu bringen. Aber gerade diese Heraus­forderung macht den Reiz aus und gibt dem Festival Energie. Heute ist der Konflikt zwischen Moderne und Anti­moderne wieder zu einem zentralen Kulturkampf geworden. In diesem Sinn ist der Steirische Herbst ein sehr wichtiger Außen­posten zeit­genössischer Kultur. In Wien fällt ein Festival, das sich »modern« nennt, nicht so auf. Aber in der Steiermark wird ja die Volks­kultur – oft ver­standen als Gegen­entwurf zur Moderne – besonders stark gefördert.

Spielst du damit auf das von der FPÖ geplante Haus der Volks­kultur an?

Ja. Die FPÖ versucht, ausgerechnet im multi­kulturellsten Teil von Graz ein Haus der Volkskultur zu schaffen. Volkskultur wird dabei sehr mono­ethnisch verstanden und ist im Singular gehalten. Das sind keine guten Signale – und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass so etwas auch um­ge­setzt wird.

Seit 2024 ist die freiheitliche Partei führende Kraft in der steirischen Landes­regierung. Inwiefern hat sich deine Arbeit dadurch verändert?

Die Höhe der Budgets ist eines von mehreren Symptomen. Es ist eindeutig, dass zeit­genössische Kultur für die derzeitige Regierung keine Prio­rität hat. Mittel für Volks­kultur und Blas­musik wurden erhöht, in anderen Bereichen ist das nicht passiert. Ich halte diese Trennung für völlig falsch. Dieses Jahr ist es für uns noch nicht dramatisch. Wie es nächstes Jahr aussieht, weiß ich aller­dings nicht.

Red Flags sind Warnsignale, die bedeuten, dass etwas noch nicht schlimm ist, dass wir aber vermuten, dass es schlimm werden könnte. Es bleibt also noch Zeit. In Russ­land habe ich lange beobachtet, wie dort Europa gewisser­maßen nachgespielt worden ist – zumindest so, wie man es sich eben vor­ge­stellt hat. Europa würde demnach bedeuten, das Privileg zu genießen, weiß zu sein. Auch in Russland ist das ein schleichender Prozess gewesen, der zur heutigen Situation ge­führt hat. Aber gerade das zeigt uns, dass solche Ent­wicklungen mög­lich sind. In Russ­land gibt es keine Red Flags mehr, dort hat es keinen Sinn mehr, über Warn­signale zu sprechen. Hier in Österreich besteht hingegen noch die Möglichkeit, Probleme zu thematisieren und sie zu diskutieren.

Würdest du dich selbst als Optimistin, Pessimistin oder Realistin bezeichnen?

Als Realistin wohl kaum. Ich habe bei großen Krisen immer gesagt: »Nein, das wird nicht passieren. Das ist unmöglich.« Deshalb bin ich wahrscheinlich eher Optimistin. Vielleicht sogar eine etwas naive Optimistin.

Was erwartet die Besucher*innen beim diesjährigen Steirischen Herbst?

Es wird am 24. September eine spektakuläre Eröffnung geben. Sie wird den aktuellen Kulturkampf in Graz aufgreifen und mittels Volksmusik, zeit­genössischer Musik, Wrestling und Cheer­leading darstellen. Das ist eine Arbeit von Julian Warner. Weiters findet eine Ausstellung in einem ehemaligen Gast­haus statt, das erst vor Kurzem von der extremen Rechten als Kulisse für migrations­feindliche Propaganda genutzt worden ist. Ich freue mich deshalb besonders, dass wir genau dort ausstellen. Natürlich wird es auch Diskussionen geben. Eine davon beschäftigt sich mit der Frage, warum sich Österreicher*innen selbst nicht als Anti­faschist*innen verstehen. Wenn man nach Frankreich kommt, behauptet dort fast jeder, die eigenen Eltern oder Großeltern seien im Widerstand gewesen. Das stimmt natür­lich nicht, aber fast alle erzählen diese Geschichte. Dieses Narrativ existiert in Öster­reich kaum.

Ein Highlight der Steirischer-Herbst-Eröffnung: »Paradise Lost: Dieser Kampf ist kein Zeichen« von Julian Warner (Bild: Bruno Tenschert)

Würdest du es mutig nennen, sich so klar gegen Faschismus und rechte Parteien zu positionieren, obwohl ihr finanziell auch von einer rechten Landes­regierung abhängig seid?

Ja, aber zum Glück leben wir im Westen. Das be­deutet, dass es immer noch demo­kratische Strukturen gibt und nicht eine einzige politische Kraft alles entscheidet. In diesem Punkt bin ich durchaus realistisch. Zudem macht es natür­lich Spaß, mutig zu sein, Haltung zu zeigen und dafür auch Risiken einzugehen. Alles andere wäre doch furchtbar langweilig.

Euer Festival ist ja schon immer politisch gewesen. Wie unter­scheidet sich die diesjährige Ausgabe von den vergangenen?

Der Steirische Herbst hat sich im Lauf seiner Geschichte immer wieder stark verändert und unter­schiedliche Schwer­punkte gesetzt. Kunst ist schließlich immer politisch, egal ob Künstler*innen das wollen oder nicht. Wenn zum Beispiel jemand während einer Besatzung Blumen malt, dann ist auch das politisch. Die Frage ist nur: Ist es Protest oder Zusammen­arbeit? Das hängt immer vom jeweiligen Kon­text ab. Die Auf­gabe von Kurator*innen besteht darin, diese Zusammen­hänge und politischen Bedeutungen sichtbar zu machen. Das macht jede Intendanz anders und deshalb erzählt auch jede Ausgabe eine neue Geschichte.

Wenn du heute noch als Kulturjournalistin arbeiten würdest: Welche Schlag­zeile würdest du über den Steirischen Herbst 2026 schreiben?

»Der Steirische Herbst muss dieselben Kämpfe führen wie schon 1968.« Damit würde ich beschreiben, dass das Festival seiner Haltung treu geblieben ist. Gleichzeitig würde es aber auch heißen, dass sich der gesell­schaft­liche Kontext seit Ende der 1960er-Jahre vielleicht gar nicht so sehr ver­ändert hat.

Der Steirische Herbst 2026 findet vom 24. September bis zum 18. Oktober in Graz und Um­gebung statt. Sämtliche Programm­details sind unter www.steirischerherbst.at zu finden.

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