Bereits zum 59. Mal findet der Steirische Herbst heuer statt. Intendantin Ekaterina Degot über das diesjährige Festivalthema »Red Flags«, den Kulturkampf in der Steiermark und den Mut, Haltung zu zeigen.

Der Steirische Herbst gilt als eines der ältesten interdisziplinären Festivals für zeitgenössische Kunst in Europa. Seit 1968 verwandelt er die Steiermark in eine Bühne für Performances, Ausstellungen und Debatten, die oft schwer zu übersehen sind. Die Arbeiten begegnen dem Publikum dabei nicht nur in Museen, sondern auch im öffentlichen Raum. Mit der diesjährigen Ausgabe kuratiert die in Moskau geborene Intendantin Ekaterina Degot den Steirischen Herbst bereits zum neunten Mal.
Du warst Journalistin, Kunsthistorikerin und Kuratorin. Welche dieser Rollen prägt deine Arbeit als Intendantin des Steirischen Herbst am stärksten?
Ekaterina Degot: Kunstgeschichte gilt oft als etwas sehr Trockenes, während Journalismus eher als spannend wahrgenommen wird. In meiner Arbeit verbinde ich diese beiden Bereiche aber. Ich verstehe Kuratieren als eine Form des Schreibens – als das Erzählen von Geschichten durch die Zusammenstellung von Kunstwerken. Oder aber auch durch das Kombinieren bestehender Werke und das Einordnen in einen Kontext von Gegenwart und Vergangenheit. Ich würde also sagen: Als Kuratorin bin ich gleichzeitig Journalistin, Kunsthistorikerin und noch vieles mehr.
Warum eignet sich die Steiermark für ein internationales Festival wie den Steirischen Herbst?
Die Steiermark hat mit dem Festival den Anspruch auf ihren Platz auf der internationalen Landkarte erhoben – und zwar zu einem Zeitpunkt, als sie dort noch gar nicht vertreten war. Darin liegt etwas Schönes, fast Heroisches. Natürlich ist es allein schon organisatorisch nicht einfach, Künstler*innen und Publikum nach Graz zu bringen. Aber gerade diese Herausforderung macht den Reiz aus und gibt dem Festival Energie. Heute ist der Konflikt zwischen Moderne und Antimoderne wieder zu einem zentralen Kulturkampf geworden. In diesem Sinn ist der Steirische Herbst ein sehr wichtiger Außenposten zeitgenössischer Kultur. In Wien fällt ein Festival, das sich »modern« nennt, nicht so auf. Aber in der Steiermark wird ja die Volkskultur – oft verstanden als Gegenentwurf zur Moderne – besonders stark gefördert.
Spielst du damit auf das von der FPÖ geplante Haus der Volkskultur an?
Ja. Die FPÖ versucht, ausgerechnet im multikulturellsten Teil von Graz ein Haus der Volkskultur zu schaffen. Volkskultur wird dabei sehr monoethnisch verstanden und ist im Singular gehalten. Das sind keine guten Signale – und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass so etwas auch umgesetzt wird.
Seit 2024 ist die freiheitliche Partei führende Kraft in der steirischen Landesregierung. Inwiefern hat sich deine Arbeit dadurch verändert?
Die Höhe der Budgets ist eines von mehreren Symptomen. Es ist eindeutig, dass zeitgenössische Kultur für die derzeitige Regierung keine Priorität hat. Mittel für Volkskultur und Blasmusik wurden erhöht, in anderen Bereichen ist das nicht passiert. Ich halte diese Trennung für völlig falsch. Dieses Jahr ist es für uns noch nicht dramatisch. Wie es nächstes Jahr aussieht, weiß ich allerdings nicht.
Vorhin hast du von Signalen gesprochen, die nichts Gutes versprechen. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für das Thema »Red Flags«?
Red Flags sind Warnsignale, die bedeuten, dass etwas noch nicht schlimm ist, dass wir aber vermuten, dass es schlimm werden könnte. Es bleibt also noch Zeit. In Russland habe ich lange beobachtet, wie dort Europa gewissermaßen nachgespielt worden ist – zumindest so, wie man es sich eben vorgestellt hat. Europa würde demnach bedeuten, das Privileg zu genießen, weiß zu sein. Auch in Russland ist das ein schleichender Prozess gewesen, der zur heutigen Situation geführt hat. Aber gerade das zeigt uns, dass solche Entwicklungen möglich sind. In Russland gibt es keine Red Flags mehr, dort hat es keinen Sinn mehr, über Warnsignale zu sprechen. Hier in Österreich besteht hingegen noch die Möglichkeit, Probleme zu thematisieren und sie zu diskutieren.
Würdest du dich selbst als Optimistin, Pessimistin oder Realistin bezeichnen?
Als Realistin wohl kaum. Ich habe bei großen Krisen immer gesagt: »Nein, das wird nicht passieren. Das ist unmöglich.« Deshalb bin ich wahrscheinlich eher Optimistin. Vielleicht sogar eine etwas naive Optimistin.
Was erwartet die Besucher*innen beim diesjährigen Steirischen Herbst?
Es wird am 24. September eine spektakuläre Eröffnung geben. Sie wird den aktuellen Kulturkampf in Graz aufgreifen und mittels Volksmusik, zeitgenössischer Musik, Wrestling und Cheerleading darstellen. Das ist eine Arbeit von Julian Warner. Weiters findet eine Ausstellung in einem ehemaligen Gasthaus statt, das erst vor Kurzem von der extremen Rechten als Kulisse für migrationsfeindliche Propaganda genutzt worden ist. Ich freue mich deshalb besonders, dass wir genau dort ausstellen. Natürlich wird es auch Diskussionen geben. Eine davon beschäftigt sich mit der Frage, warum sich Österreicher*innen selbst nicht als Antifaschist*innen verstehen. Wenn man nach Frankreich kommt, behauptet dort fast jeder, die eigenen Eltern oder Großeltern seien im Widerstand gewesen. Das stimmt natürlich nicht, aber fast alle erzählen diese Geschichte. Dieses Narrativ existiert in Österreich kaum.

Würdest du es mutig nennen, sich so klar gegen Faschismus und rechte Parteien zu positionieren, obwohl ihr finanziell auch von einer rechten Landesregierung abhängig seid?
Ja, aber zum Glück leben wir im Westen. Das bedeutet, dass es immer noch demokratische Strukturen gibt und nicht eine einzige politische Kraft alles entscheidet. In diesem Punkt bin ich durchaus realistisch. Zudem macht es natürlich Spaß, mutig zu sein, Haltung zu zeigen und dafür auch Risiken einzugehen. Alles andere wäre doch furchtbar langweilig.
Euer Festival ist ja schon immer politisch gewesen. Wie unterscheidet sich die diesjährige Ausgabe von den vergangenen?
Der Steirische Herbst hat sich im Lauf seiner Geschichte immer wieder stark verändert und unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Kunst ist schließlich immer politisch, egal ob Künstler*innen das wollen oder nicht. Wenn zum Beispiel jemand während einer Besatzung Blumen malt, dann ist auch das politisch. Die Frage ist nur: Ist es Protest oder Zusammenarbeit? Das hängt immer vom jeweiligen Kontext ab. Die Aufgabe von Kurator*innen besteht darin, diese Zusammenhänge und politischen Bedeutungen sichtbar zu machen. Das macht jede Intendanz anders und deshalb erzählt auch jede Ausgabe eine neue Geschichte.
Wenn du heute noch als Kulturjournalistin arbeiten würdest: Welche Schlagzeile würdest du über den Steirischen Herbst 2026 schreiben?
»Der Steirische Herbst muss dieselben Kämpfe führen wie schon 1968.« Damit würde ich beschreiben, dass das Festival seiner Haltung treu geblieben ist. Gleichzeitig würde es aber auch heißen, dass sich der gesellschaftliche Kontext seit Ende der 1960er-Jahre vielleicht gar nicht so sehr verändert hat.
Der Steirische Herbst 2026 findet vom 24. September bis zum 18. Oktober in Graz und Umgebung statt. Sämtliche Programmdetails sind unter www.steirischerherbst.at zu finden.