»Es braucht die Selbst­ironie« – Leni Gruber und Alex Reinberg über Hollywood, Schafe und Paralleluniversen

Die Filmemacher*innen Leni Gruber und Alex Reinberg arbeiten als Duo. Ihre gemein­samen Projekte wie die neue Miniserie »Sheep« bauen sie souverän auf den schmalen Grat zwischen existentiellem Drama und makabrer Komödie.

© Brisilda Bufi

Zu zweit ist man weniger allein. Als Duo lassen sich nicht nur lästige Aufgaben halbieren, gleichzeitig verdoppeln sich auch die guten Dinge: doppelt so viele Ideen und doppelt so viel Spaß. Auch wenn sie nicht wie die Wachowski-Schwestern oder die Coen-Brüder gemeinsam auf­ge­wachsen sind, sind Leni Gruber und Alex Reinberg kein weniger gut ein­ge­spieltes Team. Kennen­gelernt haben sich die beiden 2017 an der Film­akademie, seit mittler­weile sieben Jahren arbeiten sie zusammen.

Beim Gespräch in einem Pausenraum der Uni schwelgen die jetzigen Kolleg*innen in Erinnerungen: Mit neun­zehn war Reinberg damals der Jüngste im Jahrgang Buch und Dramaturgie. Nicht nur deshalb sei er Gruber aufgefallen, erzählt sie: Schon damals habe ihr kreatives Gegenstück bevorzugt im Dialekt geschrieben. »Du schreibst aber auch viel so«, wirft er ein. »Ja, das habe ich mir von dir abgeschaut«, erwidert Gruber und lacht. Auch wie man eine gute Geschichte erzählt, habe sie von der Zusammen­arbeit mit­genommen: »Dafür hat er ein enormes Gespür.« Auf diesen Schwall an Komplimenten antwortet der Gelobte ähnlich wert­schätzend und erklärt, wie stark das visuelle Vokabular Grubers sei. Sie wisse, welche Bilder Kraft haben, welche authentisch sind.

Wenn man den beiden so zuhört, bekommt man den Eindruck, sie würden sich quasi blind verstehen. Doch das sei nicht immer der Fall, so das Duo. »Selbst wenn man jeden Tag miteinander arbeitet, kann man die andere Person nicht zu hundert Prozent kennen«, meint Gruber. Im Lauf von sieben Jahren könne man dem aber schon ziemlich nahekommen.

R. I. P., Peter Rapp

Eines ihrer ersten gemeinsamen Projekte hätte ein eher schräger Kurzfilm werden sollen. Geplant war, dass Fern­seh­moderator Peter Rapp darin eine Matratze aus dem Ikea stiehlt. Wie so viele Vorhaben in der Film­branche wurde auch dieses leider nicht in die Realität umgesetzt. Hauptgrund dafür? Rapps Zweifel an den eigenen körperlichen Fähigkeiten: »Er meinte, er könne mittler­weile einfach keine Matratze mehr fladern«, erzählt Gruber. Ob sie nicht das Budget nehmen und mit ihm lieber eine Art Blumenrevue oder so drehen wollen, lautete damals sein Gegenvorschlag. Die zwei lachen bei der Erinnerung: »Da hätten wir vielleicht zu­sagen sollen.«

Am Ende ist es nichts geworden, ein messer­scharfer Humor und das Gespür für skurrile Konzepte ziehen sich aber bis heute durch das Schaffen der beiden – und sind mittler­weile zu ihrem Markenzeichen geworden. »Wir sind die Leute, die im Kino dann lachen, wenn sonst niemand lacht«, erzählen sie. Besonders das Absurde gefalle ihnen. Darin lasse sich vieles verarbeiten, ohne Ge­fahr zu laufen, selbst­mitleidig zu werden. Die Balance zwischen Tragik und Humor macht’s aus: »Es braucht die Selbstironie«.

Das zeigt sich auch in ihrer neuen Satire »Sheep«. Darin erfährt eine naive Schafherde (gedreht mit echten Tieren, synchronisiert von öster­reichischen und deutschen Kabarettist*innen) auf Umwegen von Fleisch­konsum und Massen­tier­haltung. Aber wie schreibt man eigentlich Texte für ein Schaf? »Es sind Charaktere, die in einer prekären Situation sind«, meint Reinberg. »Man muss sie ernst nehmen.« Das Er­gebnis ist eine tief­gründige Auseinander­setzung mit dem eigenen Tod, von der wohl auch die Menschen im Publikum einiges mitnehmen können. Reinberg jedenfalls wurde Im Laufe des Projekts sogar zum Vegetarier.

Das Regieduo Leni Gruber und Alex Reinberg arbeitet schon seit sieben Jahren gemeinsam an Filmen. (Bild: Brisilda Bufi)

Makabre Inspirationen

Gerade in Kombination mit den Themen Selbst­verwirklichung und Des­illusionierung hat dieser groteske Existenzialismus etwas zutiefst Öster­reichisches. Tatsächlich habe Josef Hader mit seinen Kabarett­programmen das Duo in der Jugend stark geprägt. Für fil­mische Inspiration richteten Gruber und Reinberg den Blick aber auch immer wieder nach Deutschland. Maren Ades »Wald vor lauter Bäumen« sei beispiels­weise ein Film gewesen, der sie schon früh inspirierte, erinnert sich Gruber. »Und du bist ein großer Fan von ›Toni Erdmann‹, oder?«, fragt sie in Richtung ihres Kollegen. Dieser nickt zustimmend. Er habe aber auch viel von den amerikanischen Filmen mitgenommen, die ständig im Fernsehen liefen, als er ein Kind war.

Entsprechend scheint es nur folgerichtig, dass die beiden Hollywood in ihrem gleich­namigen Kurzfilm ein wenig auf die Schippe nehmen. Dort ver­liert sich eine gescheiterte Schau­spielerin in ihrem Nebenjob als Opfer für Feuerwehr­übungen. Auch »Sheep« ironisiert viele der gängigen Klischees der US-amerikanischen Film­hauptstadt. »Hoffen wir zumindest«, geben sich die zwei bescheiden.

Ungeachtet der gesehenen Filme kämen die meisten ihrer Ideen jedoch aus dem Alltag. Als Filme­macher müsse man eben ein Mensch sein, der sen­sibel durch die Welt geht, meint Reinberg. »Man schaut viel hin und überlegt, was eine Geschichte sein könnte.« Wobei das laut Gruber nicht heißt, dass diese unbedingt auto­biografisch sein muss. Da werde das Arbeiten nämlich schnell anstrengend und eine bestimmte Distanz gehe verloren. Ganz im Gegenteil, in der Fiktion ließen sich viele höchst­persönliche Themen finden – manchmal auch Jahre nach Drehschluss, wie die Regisseurin beschreibt: »Ich lerne oft noch rück­blickend Dinge über mich, die ich damals gar nicht ge­checkt habe.«

Im Paralleluniversum

In einem anderen Kurzfilm des Duos namens »Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben« stolpert die Haupt­figur in den Alltag ihrer eigenen Doppel­gängerin. Sie ver­abschiedet sich vom lang­weiligen Bürojob und arbeitet plötzlich in den herrlich simplen Strukturen eines Möbelhauses. Was würden Gruber und Reinberg tun, wenn sie nicht im Film tätig wären? Die beiden schmunzeln. »Man fragt sich eh: Ist noch Zeit umzusteigen? Oder ist es schon zu spät?«

Grubers Vater ist selbst Filmregisseur – und manche Kinder über­nehmen ja die Firma ihrer Eltern. »Unterbewusst wollte ich vielleicht Nähe zu ihm herstellen«, erzählt sie. Reinberg hingegen ist der erste in seiner Familie, der diesen Weg ein­ge­schlagen hat. Obwohl er sich als Kind mehr fürs Theater interessiert habe, sei dieses schnell durch den Film abgelöst worden. »Es hat einfach nichts anderes gegeben, das mir so ge­taugt hat«, sagt er.

Einen richtigen Plan B haben die beiden also nicht. Das sei schon stressig, so Gruber – und Un­sicherheiten habe sie als Kunst­schaffende natürlich auch genügend. Oft frage sie sich zudem, ob sie nicht mehr für die Gesellschaft tun sollte. »Ich glaube, ich würde mich einfach die ganze Zeit auf irgend­welche Sets schmuggeln«, wirft Reinberg ein und lenkt sie damit gekonnt vom Grübeln ab. Selbst in einem hypo­thetischen Parallel­universum würde es ihn also wieder zum Film verschlagen. Letztlich überwiegt eben einfach die Freude an der Sache, die Leiden­schaft, dem eigenen Traum nachgehen zu können. Und dessen Ende ist für Leni Gruber und Alex Reinberg – zumindest in absehbarer Zukunft – nicht in Sicht.

Die Miniserie »Sheep« von Leni Gruber und Alex Reinberg ist ab 12. Oktober auf ORF On im Stream zu sehen. Näheres über die beiden Filmemacher*innen auf Instagram unter @gruberleni beziehungs­weise @alexreinberg.

Dieser Text ist im Rahmen einer Koopera­tion mit Cinema Next – Film Talents Austria entstanden.

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