»Ich bin derjenige, der zuhört« – Regisseur Tolga Karaaslan im Porträt

Die Filme von Tolga Karaaslan zeigen Perspektiven, die im Mainstream­kino nicht selbst­verständ­lich sind. Mit »Baba, What’s Your Plan?« liefert er eine Doku­mentation, die Migrations­narrative und die chronische Erkrankung seines Vaters mit­einander verwebt.

© Marie Luise Baumschlager

Es gibt Geschichten, die gehören erzählt, koste es, was es wolle. Durch die Folgen seiner Krebs­­erkrankung ist Celal Karaaslan nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Das Warten auf die Invalid*innen­pension scheint ewig und aussichtslos. Als er seinen Sohn fragt, was er aus seinem Leben mit einer chronischen Krankheit machen soll, ist für den Filme­macher so­fort klar, dass Celal mit dieser Erfahrung sicherlich nicht alleine ist. Das Schick­sal des Vaters ist eines, das ge­teilt werden muss.

Dabei lässt sich Tolga Karaaslan nie vom Weg abbringen: Auch ohne Fördergelder sorgt der 31-Jährige dafür, dass der Film fertig wird. Während des Drehs arbeitet er alleine, auch Schnitt und Ton übernimmt er selbst. Dass »Baba, What’s Your Plan?« 2026 schließlich den Doku­mentar­film­wett­bewerb der Diagonale gewinnt, beweist, dass Karaaslan ein Auge dafür hat, welche Geschichten das Publikum bewegen.

Seine eigene als Regisseur begann gewisser­maßen im Metro Kino in Wien. Denn dort erblickte zum ersten Mal ein Werk von ihm das Kinolicht der Welt. Deshalb treffen wir uns bei stabilen 35 Grad Außen­temperatur im abge­dunkelten historischen Saal zum Gespräch. Auf den roten Samt­sesseln, erste Reihe fußfrei, unterhalten wir uns über Tolga Karaaslans Arbeit als Filmemacher.

Stiller Beobachter

»Ohne klaren Plan im Leben weiß man nicht, welche Rolle man spielen soll«, stellt sein Vater in »Baba, What’s Your Plan?« fest. Die Sinn­findung, eine Suche, die den Menschen antreibt, bildet den Spannungs­bogen in Karaaslans Film und sie steckt auch in den atmo­sphärischen Bildern tief drin. Wie er selbst zu seinem Plan fürs Leben ge­kommen ist? Ein Weil­chen habe er Architektur studiert, dann eine Grafik­ausbildung gemacht. Dabei habe er seine Liebe zum Visuellen, letztendlich zum Bewegtbild, entdeckt. Heute studiert er an der Kunst­uni Linz. Klassischen Film­hintergrund hat Karaaslan also keinen. Vielleicht ist seine Doku­mentation gerade deshalb von einer so unfassbaren Authentizität geprägt.

In »Baba, What’s Your Plan?« führt Celal seinen Sohn in das kleine türkische Dorf, in dem er aufgewachsen war, auf die Tabakfelder, auf denen er gearbeitet hatte, und zur Schule, die er besucht hatte, bevor er nach Öster­reich kam. Zwischendrin reflektiert er über Liebe, Leben und seine Kranken­geschichte. Er kocht, sieht fern, spaziert, erlebt Fortschritte und Rückschläge. Das Porträt dieses Mannes entfaltet sich langsam. Der Fokus liegt auf einzelnen Momenten, die sich nach und nach zu einem komplexen Ganzen verweben. Man spürt die Intimität und Zuneigung zwischen diesen beiden Personen vor beziehungs­weise hinter der Kamera.

Als Kind sah sich Tolga Karaaslan kaum auf der Leinwand repräsentiert – diesbezüglich möchte er mit seinen Filmen Abhilfe schaffen. (Bild: Marie Luise Baumschlager)

Den Filmemacher selbst sieht man in der Doku kaum. Auch seine Stimme hört man nicht. Tolga Karaaslan versteht seine Rolle vielmehr als eine passive: »Ich bin derjenige, der zuhört«, sagt er. Auch wenn das im Fall dieser Doku nicht immer ein­fach war. Während er beim Dreh noch gut mit den schweren Momenten umgehen konnte, sah es in der intensiven Schnitt­phase anders aus: »Da musste ich zum Beispiel hundertmal anhören, wie mein Vater erfuhr, dass er Krebs hat. Das war hart.«

Auf einer gewissen Ebene erzählt »Baba, What’s Your Plan?« aber auch von Tolga Karaaslan selbst: Der Film ist ein Zeugnis dafür, wie eine spätere Generation ihre Eltern, die in ein fremdes Land migriert sind, unter­stützen kann. Deshalb blieb er so hartnäckig bei der Ent­scheidung, den Film umzu­setzen und die vielen Aufgaben selbst zu schultern. Bei der Premiere und den Publikums­gesprächen, für die Celal mit auf der Bühne saß, sowie spätestens beim Preis­gewinn begann sich das zu lohnen: »Mein Traum war es, meinem Vater eine neue Erfahrung zu schenken«, erklärt Karaaslan.

Repräsentation im Kino

Zu Redaktions­schluss hat »Baba, What’s Your Plan?« allerdings noch keinen regulären Kinostart. Perspektiven wie die von Karaaslans Vaters gibt es zuhauf auf der Welt, aber zu selten auf der Leinwand. »Ich mochte Filme schon als Kind«, erinnert sich der Regisseur. »Aber ich habe nie wirklich erlebt, dass ich mich in einem davon repräsentiert ge­fühlt hätte.« Dabei würden sich gerade mit Film so viele Blickwinkel abdecken lassen. Es war »Memory of the Foreign«, ein Vierminüter über die Migrations­geschichte seiner Großmutter, mit dem es damals für Karaaslan im Metro Kino seinen Anfang nahm. Lauschige Super-8-Aufnahmen zeigen das Industrie­viertel der oberösterreichischen Stadt Wels, in dem Fatma Selek ge­arbeitet hat. In einem Voiceover erinnert sich die gebürtige Türkin an Zuhause. Eine Weh­mut, die dem Wunsch, ihren Kindern eine Zukunft in Österreich zu ermöglichen, entgegensteht. Seine ent­wurzelten Prota­gonist*innen und die Frage nach Zuge­hörig­keit prägen Karaaslans Arbeiten. Er selbst kann von dem Gefühl ein Lied singen: »Schon beim Aufwachsen habe ich mich gefragt, wer ich bin.« Er kennt die Kulturen beider Länder, sowohl Österreich als auch die Türkei hätten ihn beeinflusst. »Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass ich mich dazwischen bewege«, meint er.

Tolga Karaaslan: »Ich würde mich freuen, wenn mein Film andere Communitys erreicht als die typischen Festival- und Kino­besucher*innen.« (Bild: Marie Luise Baumschlager)

Eine Ambivalenz, die viele Menschen mit Migrations­hintergrund prägt und im Main­stream­kino kaum ver­treten ist. »Ich hatte das Gefühl, dass ich mit meinen Geschichten auf mich allein ge­stellt bin«, erzählt Karaaslan. Erst das Aufeinander­treffen mit dem Netzwerk Gewächshaus – wieder im Metro Kino – konnte das ändern: In diesem Verein kann ein grund­legendes Ver­ständnis für Lebens­realitäten voraus­gesetzt werden, die man sonst immer extra er­klären muss. Von und für BIPoC-Film­schaffende im deutsch­sprachigen Raum setzt er sich für mehr Vielfalt und Repräsentation in der Branche ein. An der mangelt es nämlich noch deutlich. Gerade des­halb bemüht sich Karaaslan aktuell um einen Kinostart für seinen Film: um Stimmen hörbar zu machen, die sonst untergehen.

»Baba, What’s Your Plan?« zeigt nicht nur eine individuelle Erfahrung, die Doku umspannt größere, gesellschaft­liche Themen. Sie handle von »Leben und Menschen«, so der Filme­macher, biete Einblick in die Realität vieler Migrant*innen. »Ich würde mich freuen, wenn mein Film andere Communitys erreicht als die typischen Festival- und Kino­besucher*innen«. Türkische oder kurdische zum Beispiel. Menschen, die Ähn­liches erlebt haben wie sein Vater und die sich selbst oder ihre Eltern in der Geschichte sehen können.

Update: Der Film »Baba, What’s Your Plan?« von Tolga Karaaslan wird voraus­sichtlich im November 2026 in den heimischen Kinos anlaufen.

Dieser Text ist im Rahmen einer Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria entstanden.

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