Der Tag, an dem gestorben wurde

Zufälle müssen umso glücklicher sein je widriger die Umstände ausfallen. Das zeigt „Aller Tage Abend“ im Wiener Schauspielhaus anhand der mehrere Reiche und Regime verknüpfenden Geschichte einer zu Beginn des Jahrhunderts geborenen jüdisch stämmigen, kommunistischen Schriftstellerin.

Als am Beginn des 20. Jahrhunderts in Brody geborene, jüdische Frau hatte man vielleicht bessere Chancen das Opfer der boshaften, blinden Willkür des Zufalls, als erfolgreiche DDR-Staatsautorin zu werden. Man hätte 1902 in Galizien bereits im Alter von acht Monaten sterben können; sich später dann – 1919 – in Wien aus Liebeskummer in den Freitod flüchten können; hätte 1939 in Moskau der stalinistischen Inquisition zum Opfer fallen können; 1960 hätte man als hochdekorierte Schriftstellerin auf der Treppe des Hauses in Ostberlin ausrutschen und tödlich verunglücken können, anstatt 1990 im Altenheim im wiedervereinigten Berlin zu sterben. Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ (Albrecht Knaus Verlag, München 2012) spürt all diesen Toden und ihrem Widerhall im Leben der Hinterbliebenen nach, um im darauffolgenden Buch das Was-wäre-Wenn eines glücklicheren Zufalls und damit des Überlebens der Protagonistin auszuloten.

Anhand dieser namenlosen Akteurin H. – erst im Altenheim heißt sie Frau Hoffmann – erzählt Erpenbeck eine subjektive Geschichte des 20. Jahrhunderts. In dem in fünf Büchern unterteilten Text schält sie die Erkenntnis heraus, wie grausam der Zufall in unsere Existenzen eingreifen kann, vor allem, wenn deren Umstände selbst nicht anders zu beschreiben sind als grausam. Dass es der Protagonistin H., einer in Polen geborenen Jüdin, tatsächlich wie purer Zufall erscheinen muss, dass gerade sie dieses mörderische Jahrhundert überlebt haben soll, so viele andere aber nicht, ist nur verständlich.

Das Leben dem Zufall entreissen

Dem Text ein „kindische Alles-ist-Zufall-Weltsicht zu unterstellen ist so falsch, wie darin „das typische Ossi-Bewußtsein“ erkennen zu wollen, chauvinistisch. Denn wer alles durch den Zufall bestimmt sieht, hat keinen Grund sich politisch zu engagieren und das heißt ja nichts anderes als zu versuchen, die Verhältnisse, unter denen wir unser Glück machen, zu Gunsten eben dieses Glücks zu verändern. Genau dieses Engagement ist aber ein wiederkehrendes Motiv des Textes. Ein Unterfangen, das die Figur der H. mit ihrer vagen Vorlage Hedda Zinner, Schriftstellerin, Journalistin, Schauspielerin und Großmutter von Jenny Erpenbeck teilt.

Wenn also in Erpenbecks Text von Zufall die Rede ist, dann ist es kein Eingeständnis der Unverständlichkeit und Unveränderlichkeit des Daseins. Im Gegenteil: Es ist ein Apell das Leben und das Überleben dem Zufall zu entreißen und daran (politisch) zu arbeiten. Auch wenn der Text oft von Zufall spricht, meint er damit Kontingenz: es können zwar alle Ereignisse eintreten, aber mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Gerade an den Wahrscheinlichkeiten einzelner Szenarien und damit an den Bedingungen ihres Eintretens gilt es zu arbeiten.

Roman > Theater

Nun ist es aber so, dass der Gegenstand dieser Rezension ein Theaterstück und kein Roman ist, der Text weniger selbst spricht, als gesprochen wird. Das sogar sehr viel und über kürzere Strecken auch dialogisch. Der Dramatisierung von Andreas Jungwirth und Regisseurin Felicitas Brucker gelingt es dabei, durch präzisen und teils wortlosen Spielsequenzen der schmucklosen Sprache von Erpbeck eine sehr körperliche Komponente hinzufügen, ohne diese in ihrem Ausdruck zu schmälern. So bleiben auch die Figuren in Bruckers Regiearbeit konzis und schaffen interagierend Stimmungen, die der Textfassung spielerisch etwas entgegensetzen, ohne sie verfärben zu wollen. Der selbstbewusste, aber unaufdringliche, Einsatz von Sound und Video auf Michael Zerz von einem modularen Kubus geprägten Bühne, trägt diesem Unterfangen Rechnung, betont aber vor allem in den Übergängen zwischen den Büchern bzw. Spielsequenzen auch Zäsuren. Diese sind aufmerksamkeitsökonomisch in Anbetracht der teils langen Monologe und Erzählpassagen willkommen, rütteln einladend wach.

Lediglich das fünfte und letzte Buch fällt in Punkto Dichte ab. Dennoch sehenswert: Johanna Tomek als nun alte Frau Hoffmann im Altenheim im Sprachstrom des Erinnerns, in dessen Kehrwasser bereits das Vergessen einsetzt. In der durch die Bank sehenswerten Ensembleleistung stechen Steffen Höld, Franziska Hackl und Katja Jung besonders hervor. Höld wechselt gekonnt zwischen den Charakteren der verschiedenen Rollen: als exilierter Vater des verstorbenen Kindes tritt er dabei den amerikanischen Einwanderungsbehörden entgegen – mit einer Haltung aus fast freudiger Neugierde und dem Wissen den emotionalen Abgrund jenseits des Atlantiks noch immer in sich zu tragen. Franziska Hackl weiß in ihren Rollen mit einer unfassbaren Beweglichkeit im Angesicht der Brutalität des menschlichen Daseins zu begeistern. Katja Jung begleitete das Publikum in ihrem Monolog fokussiert in die wabernde Paranoia der stalinistischen Schauprozesse. Chapeau.

Das Stück vermittelt eine lebendige Geschichtsstunde des 20. Jahrhunderts, zeichnet die Lebens-, Gefühls- und Denkwege einer jüdischen Frau, die versucht als streitbare Kommunistin durch dieses Jahrhundert zu gehen. Vor allem aber stellt es das Anliegen der Protagonistin und dessen Bedeutung in das Zentrum: dass "Worte aus Tinte sich in etwas Wirkliches verwandeln, so wirklich wie ein Tüte Mehl."

Aller Tage Abend (UA)

Von Jenny Erpenbeck, Bühnenfassung: Andreas Jungwirth

Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Michael Zerz, Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Sounddesign: Arvild Baud, Video: Samuel Schaab, Dramaturgie: Constanze Kargl.

Mit: Franziska Hackl, Steffen Höld, Katja Jung, Katharina Klar, Florian von Manteuffel, Johanna Tomek.

Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.at

Bild(er) © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus / Steffen Höld, Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Katja Jung, Katharina Klar, Johanna Tomek
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