Der Tanz mit der Apokalypse – »Watch the World End«, das Debüt­album von Antonia XM

Wer die Five Stages of Grief angesichts der weltweit drohenden Katastrophe noch nicht durch­laufen hat, findet bei Antonia XM den passenden Soundtrack für die Trauerarbeit.

© Elif Gündüz

Als ich vor drei Jahren über die Hyperpop-Szene in Österreich berichtete, war die Welt noch eine andere. Irgendwie positiver, ein klein wenig hoffnungs­voller. Sicher, alles, was heute ein paar Kilometer den Bach runter­gegangen ist, war damals zumindest schon klitschnass. Aber in der breiten Gesellschaft schien zumindest noch die Möglichkeit diskutabel, dass alles vielleicht nicht absolut zwangs­läufig in der Apokalypse enden wird. Hyperpop mit seinem maximalistisch-optimistischen Ansatz war einerseits der Ausdruck dieser Hoffnung, andererseits aber immer auch schon ein bisschen Realitäts­verweigerung, das denial in den Five Stages of Grief. Nur wenige Jahre später haben die meisten meiner damaligen Gesprächs­partner*innen die Stadien anger und bargaining übersprungen und sind irgendwo zwischen depression und acceptance gelandet.

Emo Dance Music

Genretechnisch drückt sich das wohl am besten im Präfix »Emo-« aus: Enns (Kenji Araki und Ybsole) machen Emo-Postpunk, Anthea macht Emo-Pop – und Antonia XM? Die macht EDM: Emo Dance Music. Poppige Melodien, Beats, die in die Beine gehen, und Hooks, die sich ins Hirn graben. Großartig! Doch während der Subwoofer wooft, die Drops droppen, der Glitch glitcht und sogar der Hoover hoovert, zeigt sich in Vocals wie Lyrics ein gewisser Ennui, eine Teil­nahms­losig­keit, eine End­zeit­stimmung. Der Opener sagt schon im Titel alles Notwendige: »Shiny Apocalypse«.

Hier wird weder gegen das Ende der Welt angetanzt noch – um zu vergessen – sich dem Rausch hingegeben. Die Katastrophe ist allgegen­wärtig, unaus­weichlich. Sie türmt sich vor uns auf und wir müssen lernen, mit ihr umzugehen. »Watch the World End« ist eine schonungs­lose Auseinander­setzung mit dem Zeitgeist des Dooms, mit einem weltweiten Gefühl von Verlust. Doch wie bei jeder Trauerarbeit müssen wir, um wieder handlungs­fähig zu werden, um nicht in Leugnen, Wut, Verhandeln oder Depression stecken­zubleiben, unseren Weg hin zu Akzeptanz finden. Der Tanz, zu dem uns Antonia XM einlädt, ist einer, der die Schock­starre löst, der ein neues Equilibrium herstellt. Die Trauer bleibt, aber sie lähmt nicht mehr. Und darin liegt dann doch wieder eine neue Hoffnung.

Antonia XM »Watch the World End« (Bild: Elif Gündüz)

Das Album »Watch the World End« von Antonia XM erscheint am 5. Juni 2026 bei Upstairs. Die zu­gehörige Release­party findet am 27. Juni im Kollektiv Kaorle in Wien statt.

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