Auf der Suche nach dem authentischen Sound – Die Musik der afrikanischen Diaspora in Wien

Amapiano, Soca, Afrobeats, Dancehall – die Afrodiaspora hat weltweit ihre musikalischen Spuren hinterlassen. Auch in unserer Bundeshauptstadt. Musiker*innen aus der Szene schildern ihre Perspektive.

© Patrick Münnich

Afrobeats liegt im Trend. Um diese Feststellung zu belegen, braucht es nur einen Blick in die Meinungssparten der weltweiten Musikpresse. Aber auch bei den Streamingdiensten scheint das Genre zu boomen. Laut Spotify sind die Hörzeiten seit 2020 in zahlreichen Ländern rasant gestiegen: beispielsweise um 4.530 Prozent in Indonesien, um 2.213 Prozent in Ägypten oder um 1.650 Prozent in Indien. In Österreich habe Afrobeats vor allem die Gen Z erreicht. Über zwei Millionen Stunden Afrobeats seien von den 18- bis 29-Jährigen zwischen September 2024 und August 2025 konsumiert worden. Dennoch sind Afrobeats und andere afrodiasporische Genres hierzulande noch weit entfernt vom Mainstream. Wir haben uns angesehen, warum das so ist und wie es um die lokale Szene steht.

Zunächst muss allerdings geklärt werden, was genau wir hier eigentlich anschauen. Und das ist gar nicht mal so einfach. Denn während Genres wie Amapiano, Soca, Afrobeats oder Dancehall in ihren jeweiligen Ursprungsländern oft für sich allein schon weitverzweigte Sammelbegriffe sind, wird die Situation noch unübersichtlicher, wenn man den Blick auf die weltweite afrikanische Diaspora richtet. Die Übergänge sind fließend, einzelne Artists wechseln zwischen verschiedenen Stilen, DJs spielen Tracks von mehreren Kontinenten im selben Set.

Seine Augen – oft höchst kreativ – zu verbergen, ist ein Markenzeichen von TJ Tall. (Bild: Patrick Münnich)

Von Nigeria in die Welt

Nehmen wir wieder Afrobeats als Beispiel: Ursprünglich aus Nigeria, wird die Bezeichnung dort oft synonym für zeitgenössischen Pop aus dem westafrikanischen Land benutzt. Die Wurzeln sind divers, aber ein Vorläufer, auf den sich scheinbar alle einigen können ist Fela Kuti. Der nigerianische Musiker und panafrikanische Aktivist kombinierte in den 1960ern die Musik seines Heimatlandes mit amerikanischem Jazz, Funk und Psychedelic Rock. Aber auch das ghanaische Fusiongenre Highlife sowie die lateinamerikanischen Stile Calypso und Salsa prägten, was er schließlich Afrobeat nannte – ohne S.

Kuti gilt als erster international erfolgreicher Musiker aus Nigeria und hat die lokale Musikszene nachhaltig geprägt. Dementsprechend war er auch ein zentraler Referenzpunkt für aufkommende DIY-Produzent*innen in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren. Angestachelt von freier Studiosoftware wie Fruity Loops, sinkenden Preisen für Aufnahmeequipment sowie Know-how-Austausch übers frühe Internet, explodierte die Szene in den folgenden Jahrzehnten. Und bekam den Namen Afrobeats – diesmal mit S. In den 2020ern etablierte sie sich dann eben zunehmend international. Nicht zuletzt abermals dank des Internets, nun in Form von Social Media.

Im Umfeld von Afrobeats wurden jedoch auch andere Genres aus einer afrikanischen Diaspora hochgespült, die sich aufgrund von Sklav*innenhandel, Kolonialismus sowie Flucht- und Migrationsbewegungen über das gesamte Dreieck zwischen Afrika, Europa und den Amerikas erstreckt. Überall ist die Geschichte eine ähnliche: Lokale Musiktraditionen mischen sich mit anderen Musikstilen der Diaspora. Oft überqueren sie gleich mehrmals den Atlantik. Jazz basiert als afroamerikanische Musikform auf westafrikanischen Rhythmen, beeinflusst dann Musiker*innen des jamaikanischen Ska oder des ghanaischen Highlife, nur um umgekehrt wieder Inspiration für US-amerikanischen Pop und Hip-Hop zu liefern, die wiederum auf Afrobeats und Co einwirken.

Und auch diese zeitgenössischen Genres breiten sich über ihre Herkunft hinaus aus: Da ist etwa Amapiano, das mittlerweile auch in Nigeria sehr populär ist, eigentlich aber in südafrikanischen Städten wie Johannesburg seinen Ausgangspunkt hat. Soca, ursprünglich aus Trinidad und Tobago, ist inzwischen in der ganzen Karibik populär. Der Stil hat sich aus Calypso entwickelt, der eben auch Afrobeat geprägt hat. Dancehall, das andere große Genre der tropischen Inseln, hat sich zunächst auf Jamaika als tanzbareres Geschwister von Reggae etabliert. »Weltweite Pophits werden schon auch in der Karibik gespielt, aber die eigentlich populäre Musik ist Soca und Dancehall«, erklärt TJ Tall, der im Inselstaat St. Vincent und die Grenadinen in der östlichen Karibik aufgewachsen ist. »Selbst am Heimweg im Bus laufen höchstwahrscheinlich diese Genres im Radio – zumindest auf den englischsprachigen Inseln.«

(Bild: Adobe Stock)

Karneval in Wien

Der Sänger und DJ lebt seit 2020 in Wien. Die Soca-Szene in der Bundeshauptstadt schätzt er als eher inexistent ein, wenn man vom jährlichen Vienna Carnival absieht. Um Dancehall sei es etwas besser bestellt, aber vor allem auf Partys und im Sommer. Ganz generell scheint sich viel rund um Events und Clubnächte abzuspielen. Soundgasm, Lituation, Lollipop oder Vinity sind nur einige der Reihen, die in wechselnden Venues aktuelle Hits der Genres spielen: »Was in Wien aufgelegt wird, ist ziemlich up to date«, meint TJ Tall. Auch Gawdesque, ebenfalls als DJ aber eher im Bereich Amapiano und Afrobeats unterwegs, sieht das ähnlich: »Auf den großen Afrobeats-Partys wie Soundgasm spielen sie die globalen Hits. Da gehen dann auch viele Nigerianer*innen hin. Aber sie spielen dort halt nur Songs, die schon durchgebrochen sind. Es gibt keinen Fokus auf lokale Acts.«

Gawdesque ist selbst Nigerianerin* und wuchs mit der Musik bei Familienfeiern und Hochzeiten auf. Knapp nach der Pandemie lernte sie* dann in einem Workshop das DJing. Mittlerweile konnte sie* unter anderem bereits Sets bei Radio Rudina und FM4 für sich verbuchen. Für sie* ist es eine Priorität, mehr Raum für Afrobeats-adjacent Genres zu schaffen und den Leuten gerade junge Musiker*innen aus der Diaspora vorzustellen: »Als DJ ist man, finde ich, zuerst mal ein*e Tastemaker*in.« Sofern möglich lege sie* die Sets bewusst breit an, mache eine Weltreise durch die ganzen Diasporaländer daraus: »Einmal sind wir in Nigeria, einmal im Kongo, dann vielleicht in Südafrika und von dort springen wir in die Dominikanische Republik und schließlich nach Jamaika.« Auch Acts aus Österreich würden Gawdesque interessieren, aber: »Die Musik muss mir halt erst einmal selbst gefallen, bevor ich sie spiele.«

Authentische Musik der Afrodiaspora in Wien zu machen, sei jedoch kein leichtes Unterfangen, wie TJ Tall ausführt: »Was die Produktion angeht, habe ich bislang noch niemanden mit Erfahrung in meinen Genres gefunden.« Trotzdem arbeite er vorwiegend mit lokalen Producer*innen in Wien zusammen, denn die gemeinsame Arbeit im Studio sei für ihn essenziell. Doch: »Wenn ich in der Karibik leben würde, würde ich vermutlich andere Sounds verwenden. Zum Beispiel wollte ich schon immer Trompete und Posaune verwenden, wie sie in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren im Soca populär waren. Auf St. Vincent könnte ich einfach zu einer lokalen Band gehen und das einspielen lassen. Die wissen, wie das klingen muss.«

Gawdesque ist nicht nur als DJ, sondern auch als Poetin* Teil der Wiener Kulturszene. (Bild: Patrick Münnich)

Soca Queered

Inhaltlich kreisen seine Songs häufig um sexuell explizite Themen – so wie oft bei Soca und Dancehall –, allerdings mit einem Twist: »Ich möchte das für queere Menschen zugänglich machen, ohne die Heteronormativität oder gar Homophobie, die es da häufig gibt. Man soll die Musik genießen können, ohne angefeindet zu werden.« Sein Zielpublikum sei nicht zuletzt die queere Community in der Karibik selbst. Diese müsse dort sehr diskret agieren, Partys würden immer Gefahr laufen, von der Polizei gecrasht zu werden. Thematisch könnte er dort nicht dieselbe Musik machen wie hier. Laut seinen Onlinezugriffen lebt der Großteil seines Publikums aber in Österreich: »Kaum jemand in der Karibik hört meine Musik.« Von Österreich aus ein Publikum in St. Vincent zu finden, sei eine schwer zu knackende Nuss.

Der Sänger Ozaii ist vor einiger Zeit aus Nigeria nach Wien gezogen. Manchmal habe er schon darüber nachgedacht, wieder zurückzugehen: »Wenn ich noch dort leben würde, könnte mich mein Produzent ganz anders pushen. In Nigeria gibt es eine gut etablierte Industrie dafür. Aber die wollen halt auch daran verdienen und das ginge leichter, wenn ich dort wäre.«

TJ Tall sieht auch noch ein anderes Problem: »Der authentische Sound ist wichtig. Und Soca aus der Disapora verfehlt den meistens. Sogar meiner, um ehrlich zu sein. Deswegen sage ich manchmal, dass ich Musik inspiriert von Soca und Dancehall mache. Ich arbeite eben nicht mit den Produzent*innen in der Karibik, die den Sound definieren.« Für sein Debütalbum, an dem er gerade arbeitet, wolle er karibische Genres deshalb zwar als Referenzpunkt hernehmen, aber auf Basis davon experimentieren. Wer weiß, vielleicht findet er dabei ja einen neuen Diasporasound für Wien.

Rose May Alaba geht einen ähnlichen Weg. »Meine eigene Stimme habe ich gefunden, indem ich alle meine Herkünfte miteinander verbunden habe«, erzählt sie. »Wenn du meine neue Musik hörst, ist das nicht Afrobeats pur. Ja, es hat Elemente davon, aber es ist eine Fusion mit Dance, Pop, R’n’B und all dem, was mich in meinem Leben geprägt hat.« Ihre Mutter ist von den Philippinen, ihr Vater aus Nigeria, geboren und aufgewachsen ist sie in Österreich. Auch ihr Vater George war schon als Musiker tätig. Zunächst als DJ im African Club, dem Treffpunkt der nigerianischen Szene im Wien der Achtziger, und dann als Teil des Duos Two in One: »Ein paar Mal durfte ich mit auf Tour gehen«, erinnert sich Rose May Alaba. »Das hat mich auf jeden Fall inspiriert, Sängerin zu werden.«

Räumliche Distanz

Ihre ersten Solosingles klangen noch recht nach konventionellem Pop mit kräftigen R’n’B- Einflüssen. Das änderte sich 2017: »Ich wollte einfach wissen, woher ich komme, was meine Identity ist, wo meine Roots liegen. Und deswegen flog ich nach vielen Jahren wieder nach Nigeria und begann, dort Musik zu machen.« Sie arbeite mittlerweile fast ausschließlich mit nigerianischen Produzent*innen zusammen: »Es ist einfach authentischer, weil die Menschen die musikalische Sprache schon sprechen.« Die räumliche Distanz sei für sie bewältigbar: »Sicher geht mir die gemeinsame Arbeit im Studio ab. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich öfter in Nigeria aufnehmen. Das ergibt sich leider nicht immer, weil die Entfernung einfach zu groß ist. Aber heutzutage ist alles ohnehin schon so technisch, dass man nicht unbedingt im selben Raum sitzen muss.«

Das Publikum für ihre Musik sei global gestreut, so die Sängerin, es finde sich überall, wo es Nigerianer*innen gibt: »Und die gibt es heute an fast jedem Ort und sie bringen überall stolz ihre Herkunft mit.« Doch mit dem österreichischen Mainstream scheint es auch ihr nicht leicht zu fallen: »Österreich ist ein sehr traditionelles Land, das Neues nicht immer willkommen heißt. Afrobeats wirst du vermutlich selten im Radio hören.«

Doch so wahrscheinlich es auch sein mag, dass rassistische Vorurteile eine Rolle spielen, wenn auf Ö3 keine Musik gespielt wird, die zu sehr nach Afrika klingt, mit Sicherheit feststellen lässt sich dieser Zusammenhang kaum. »Es ist immer schwer zu sagen, was Rassismus ist und was einfach generell eine Schwierigkeit der Musikindustrie«, befindet auch TJ Tall. »Du kriegst ja auch kaum Rückmeldung auf Anfragen bei Radiosendern.« Im persönlichen Kontakt bei Gigs seien eingefahrene Denkmuster schon deutlicher zu spüren: »Es gibt die Tendenz, Schwarze Musiker*innen in erster Linie als Entertainer*innen zu sehen, die Stimmung machen und einen gewissen Vibe bringen. Dabei wird vergessen, dass wir auch Menschen mit Gefühlen sind, das kann schon mal zu übergriffigem Verhalten führen«, so der Sänger.

Rose May Alaba lässt sich von ihren Besuchen in Nigeria inspirieren. (Bild: Patrick Münnich)

Mehr als ein Trend

Deshalb sei es gerade bei Partys, auf denen Genres der Afrodiaspora gefeiert werden, wichtig, nicht den notwendigen Respekt zu vergessen, erklärt Gawdesque: »Wenn die Anerkennung fehlt und die Menschen, die die Szene eigentlich kreiert haben, keinen Platz mehr haben, dann wird das zum Problem.« Gawdesque ortet eine gewisse Ungeduld in der Partyszene, wenn nicht nur die erwarteten Hits gespielt werden oder ein Song mal etwas länger braucht, um sich aufzubauen. »Clubbesucher*innen sollten mehr Flexibilität mitbringen und die DJs sollten sich trauen, das Publikum mehr zu fordern«, meint sie*: »Mir bereitet es Sorgen, wenn Leute einfach auf eine coole Welle aufspringen, ohne den Kontext zu kennen, und dann wieder weg sind, sobald die Aufmerksamkeitsspanne der Social Media vorbei ist.« Oder, wie Rose May Alaba sagt: »Ich würde mir wünschen, dass der Trend auch bleibt – also eben nicht nur ein Trend ist, der wieder vorübergeht.«

Die neue – noch namenlose – EP von Rose May Alaba erscheint im April 2026, »Another Heartbreak Song«, die aktuelle Singleauskopplung daraus, ist am 13. Februar erschienen. Das Debütalbum von TJ Tall hat noch kein fixiertes Releasedatum. Hier gibt es weitere Infos zum Musiker. Das Radio-Rudina-Set von Gawdesque findet sich auf dem Youtube-Kanal des Senders. Ihr* Auftritt in »Dalia’s Late Night Lemonade« vom 17. Jänner lässt sich online im FM4-Player nachhören.

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