Atonale Schwerkraft

Das Atonal Berlin gehört zu den aufregendsten Festivals für experimentelle, elektronische Musik in Europa. Auch Techno-Gänger zieht das Festival magisch an.

Auch im vierten Jahr des Festivals ist die Atmosphäre in dem ehemaligen Heizkraftwerk wieder überwältigend. The Quietus zählt es jetzt schon zu den ambitioniertesten Festivals elektronischer Musik weltweit. Mit Visuals und Installationen ausgeleuchtet und durchdrungen von drückenden, düsteren Klängen aus Ambient, Drone und Techno erschafft es hier eine ästhetische Erfahrung, die sich selbst schon beim unfokussierten Mäandern durch die Gänge und Ebenen des Gebäudes einstellt. Fast dreieinhalb tausend Quadratmeter allein auf der Ebene der Main Stage lassen Anhänger urbaner Industrial-Ästhetik hecheln. Der riesige Stahl- und Betonbau wirkt wie eine dystopische, schwarze Kirche. Licht- und Lasertechnik in voller Länge des Schiffs, reichlich Nebel und eine Leinwand von fast neun Metern Breite und 14 Metern Höhe lassen transzendente Gefühle aufkommen. Zwei Etagen tiefer wird bei drückendem Klima und Deckenniveau im Bunker des Gebäudes im Club Tresor getanzt.

Experimentelles

Auch in diesem Jahr überwiegen wieder experimentelle Side-Projects und interessante Kollaborationen, Produktionen auch eigens im Auftrag des Festivals. Hinter vielen noch unbekannten Namen verbergen sich oft Legenden aus Techno, Ambient, Punk und neueren Popformen. Das kann einem das Gefühl geben, ein Stück weiter in die Klangwelt der Musiker einzutauchen, als dies durch Releases ihrer Erfolgsprojekte oder gängige Club Performances möglich wäre.

Am Mittwoch präsentierte etwa Moritz von Oswald seine Liebe zum Detail. In der musikalischen Struktur des Free Jazz verwob er Sounds aller Art – analog, synthetisch, Drones, Gitarren, Bläser, Störgeräusche – zu einem atmosphärischen Lärm. Er ‚begleitete‘ dabei Rashad Becker am Flügel, der einen b-Ton in monotonem Rhythmus spielte. Zwischen beiden entstand Feedback und Echos und der Klang des Flügels wurde von Oswald verfremdet, sodass sein Ton etwas Virtuelles erhielt. Zusammen präsentierten sie eine Art nervöse Meditation, die zum Ende in einen beißenden Techno Beat mündete.

Ambient – die Arche Noah elektronischer Musik

Ambient Acts, wie Jonas Kopp oder Drew McDowall, der Mitglied der Punk Bands Psychic TV und Coil war, waren tonangebend und die größten Entdeckungen des Festivals. Jonas Kopp und der bekannte Visual Artist Rainer Kohlberger visualisierten die Atmosphäre um den Vulkan Mount Shasta in Californien. Es heißt, die Frequenzen seiner Bodenwellen würden die Chakren des Körpers öffnen. Durch wundersame Klang- und Bildsphären projezierten die beiden Künstler diese Spiritualität in den Raum. Das Schlusskonzert auf der Main Stage wurde von Alessandro Cortini und seiner Show „Avanti“ gespielt. Er musikalisierte Super8-Filmaufnahmen seiner Familie mit dicht und melodisch fließenden Ambient-Klängen und Drones – eine Performance, die so intim wie erhebend war und mit dem Thema Vergänglichkeit spielte. Die Musik hob die persönlichen Bilder auf berührende Weise in eine Zeitlosigkeit, die jedermann einzuschließen vermochte.

Ambient erhält auf dem Festival allgemein eine physische Massivität, die ihm den Schein von easy listening wegnimmt, der teilweise schlicht durch unpassende Hörgewohnheiten aufgekommen sein mag. Live wird das Genre hier in seiner Vielschichtigkeit und Körperlichkeit spürbar und erkennbar, dass es die Arche Noah elektronischer Musik überhaupt darstellt.

Techno-Fest

Acts aus Techno gab es spürbar mehr, weniger Neue Musik stand auf dem Programm, und so schließt man einmal mehr an die Tresor-Gemeinschaft und die Jahre vor dem Atonal in diesem Haus an. Second Woman oder Porter Ricks forderten mit ihrem hart-kühlen Industrial Techno ausgerechnet am Sonntag Abend doch etwas Durchhaltevermögen. Drones setzen sich auch etwa bei TM404 oder Donata Dozzy und Lory D als Beat-Geber durch. In die Tiefen, die im Körper beben, bewegte uns auch Eric Goldstein von Oake, einem aufscheinenden Drone-Techno-Duo aus Berlin. Er spielte mit dem Techno Produzenten Samuel Kerridge zusammen als UF und sie legten eine wilde, mitreißende, tief und hoch zugleich vibrierende Performance hin. Kerridge sprang einige Male auf das Pult und schrie brachial ins Mikro – vielleicht eine Erinnerung daran, dass Drone und Techno von experimentellem Hardcore nicht weit entfernt sind?

Spielereien

Als lediglich technische Spielerei wirkte – wie so oft solche Vorführungen – die Lasershow von Robin Fox. Natürlich ist die Technik an sich – und so waren es auch Fox‘ Bilder und Strukturen – beeindruckend, doch steckt ihre Gestaltung aus künstlerischer Sicht noch in den Kinderschuhen. Eine Gesamterfahrung über das Staunen hinaus ergab sie nämlich nicht.

Wenig nachhaltig beeindruckend waren dieses Jahr ausgerechnet Acts, an die große Erwartungen gebunden waren. Die Weltpremiere von Croation Amor und ihrem hypnagogischen Sample Pop setzte zwar einen interessanten Kontrast zum übrigen Programm, gab doch aber auch mehr Reibungsfläche her. Ihre Show ist eine Reflexion über die Wirklichkeit der Klänge, Bilder und Werte in der Laptop-Gesellschaft á la Holly Herndon. Auf der drei-geteilten Leinwand wurde eine performative Collage aus Gifs aus Science Fiction Filmen, Werbeglamour, Social Media, Emojis, Mangas und Revolutionsbildern aus TV gezeigt. Sie traf zwar den zuweilen absurden Flow der Bilder, denen wir uns aussetzen (müssen), wirkte aber doch schlicht assoziativ kombiniert und schaffte es nicht, eine bestimmte Empfindung des Wohl- oder Unwohlseins in dieser virtuell-realen Wirklichkeit zu erzeugen.

Etwas enttäuschend war auch ausgerechnet das groß angekündigte Konzert von Death in Vegas mit ihrem Album Transmission, das – außer Sasha Greys atemberaubend transzendenter Stimme – doch keine wirklich aufregenden Sounds oder Visuals enthielt.

Knackpunkt Akustik

Neben dieser überdimensional großen Leinwand beim Atonal und in diesem Jahr doch beträchtlichen Verspätungen im Line-up ist die Akustik des Gebäudes eine echte Herausforderung und für Laien schon gar nicht zu machen. Die Räume mit zahlreichen Durchbrüchen, auch in höher oder tiefer liegende Ebenen, mit Treppengängen wie Schächten wirken wie eine Reihe von Echokammern. Zum einen gibt es da den physischen Aspekt in der Musik, gerade wenn es um Techno oder Drone geht – die sollen die Körper direkt bespielen. Dies ist in solchen Mega-Locations natürlich nicht einfach und darf nicht dazu führen, dass die Besucher im Zentrum des Schallfeldes gefährlichen Lautstärken ausgesetzt sind. Es muss also zugleich für eine gewisse Balance gesorgt werden. Dies kann wiederum, wie auf der zweiten Bühne, dazu führen, dass ein pumpender Techno zum ambienten Hintergrundrauschen reduziert wird. An der Main Stage ist dies aber super gelöst, indem man mehrere Lautsprechersysteme gestaffelt im Raum angebracht hat. Für Akustiker ist das Atonal eine Messe. Feinste Systeme der Marken „Air“ oder „Schneider“ befinden sich hier im Einsatz. In der ehemaligen Schaltzentrale des Kraftwerks kann man Live Sets an analogen Synthesizern der frühen Baujahre hautnah zusehen und zuhören.

Allgemein zu beobachten ist, dass das Düstere, Dystopische und Absteigende im Klanglichen und Ästhetischen dominiert, im Konzeptuellen führen die psychologischen und technischen Phänomene – eine Reflexion auf die Stimmungen und Unstimmungen unserer Gesellschaft. Dem entsprechend ästhetisch speziell ist die Menge, die sich hier versammelt. Ein ausgesprochen internationales Publikum zelebriert fast ausschließlich in schwarz düstere, industrielle oder dystopische Musik; Darkroom-Ästhetik in der Location wie der Mode. Avantguard ist heute eine schwarze Szene. Als wäre die Nicht-Farbe die einzig noch verbleibende Ästhetik der Abgrenzung. Zugleich spricht das Atonal aber unter diesem Mantel auch verschiedene Altersgruppen und Feierniveaus an – vom auralen Feinschmecker bis zum Raver.

Das Atonal Festival fand vom 24. bis 28. August im Kraftwerk in Berlin statt. Line-up und weitere Infos unter: www.berlin-atonal.com/atonal-2016

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