Als die Stadt noch keine Immobilie war

Experiment gestoppt, Areal demoliert: Das Wien Museum dokumentiert die Geschichte Wiener Hausbesetzungen und den Kampf um kulturelle Autonomie.

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An die erste Hausbesetzung in Wien erinnert sich wahrscheinlich heute kaum mehr jemand. Damals, im Sommer 1975, nahm ein Dutzend Jugendlicher ein leer stehendes Gebäude in Simmering für sich in Besitz. Ihr Ziel: Ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, nach eigenen Spielregeln, und jedenfalls attraktiver als das herkömmliche Angebot. Eine gute Woche sah die Stadt zu. Dann wurde geräumt. Bilder gibt es davon kaum welche. Archivarische Erinnerungen ebensowenig. Anders ein Jahr später, bei der Besetzung des ehemaligen Wiener Auslandschlachthofes in St. Marx alias »Arena«, die bis heute als Promi-Topos der jüngeren Stadtgeschichte überlebt hat. Drei Monate gelang es der bunt gemischten Szene aus Studenten, Künstlern, Journalisten und engagierten Zeitgenossen, Politik und Verwaltung mit der Forderung für ein autonomes Kulturzentrum (»Hier, jetzt und für alle!«) zu beschäftigen. Auch hier kam am Ende die Abrissbirne zum Einsatz, die Idee aber überlebte: Auf einem anderen Areal der Stadt. Was alternativ und autonom begann – auch die Wiener Festwochen spielten für die Etablierung der Underground-Kultur damals eine wichtige Rolle – ist heute längst etablierte Kulturadresse.

Hier, jetzt und für alle!

Ähnlich, aber nicht ident, verlief die Geschichte rund um das Amerlinghaus im damals heruntergekommenen Spittelberg-Viertel: Hier fanden sich bürgerliche Denkmalschützer und Grätzel-Enthusiasten vereint mit dem jungen alternativen Wiener Milieu. Mit Erfolg, denn 1978 wurde das Amerlinghaus zum ersten selbstverwalteten Kulturzentrum der Stadt. Die etwas seltsame Koalition aus eigentumsorientierten Bürgerlichen und ideologiegeschulten Hausbesetzern zeitigt nachhaltige Spuren: Spittelberg und Freihausviertel wären wohl heute nicht das, was sie sind, wenn es dieses ungewöhnliche Bündnis nicht gegeben hätte.

Nicht nur diese zeitlich begrenzte Phase – für die Bürgerlichen wurden die Hausbesetzer sehr rasch wieder zur »anarchistischen Chaostruppe« – warnt davor, die Aktionen der Wiener Hausbesetzungen historisch als geschlossenen Block zu sehen. Dafür war die Szene viel zu heterogen: sie reichte von Rockern bis zu Friedensbewegten, von Denkmalschützern bis zu Großstadt-Feinden, von Lesben und Schwulen über Anarchisten bis zu Punks. Auch auf Seiten von Politik und Verwaltung gab es – beflügelt von den Kreisky-Jahren und der damit verbundenen Aufbruchsstimmung – nicht selten zumindest verhaltene Sympathie für die »jungen Leute«. Stadträte fanden sich vor Ort zu Gesprächen und Diskussionen ein, Lösungen wurden gesucht und mitunter gefunden, kurz: Neben den kommunalen »Falken« gab es auch jede Menge »Tauben«. Typisch Wien eben.

Der Experimentiergeist der Besetzer hatte Charme und Esprit, insbesondere in einer Stadt wie Wien, die in den späten 70er Jahren nicht zu Unrecht im politischen Wettstreit mit einem Beton-Saurier gleichgesetzt wurde. Viele neue kulturelle Impulse dieser Aufbruchszeit sind erhalten geblieben. Ob selbst verwaltete Kindergruppen, freie WUK-Schule, Fahrrad-Kult oder autonome Werkstätten – vieles von dem, was damals erprobt wurde, findet sich heute im Mainstream wieder, wenn auch manches in stark veränderter Form. So gab es 1979 für kurze Zeit im Prater ein Öko-Dorf mit Frühformen von Windenergie-Anlagen, die allerdings mit den heutigen Varianten nur rudimentär etwas zu tun hatten.

Rasenfreiheit und Hausbesetzungen

»Anfang der 80er Jahre verschärfte sich der Kampf um freie Räume, die Argumente wurden politischer und grundsätzlicher«, so der Historiker und Kurator Werner M. Schwarz vom Wien Museum, das von April bis August 2012 den Wiener Hausbesetzungen eine eigene Ausstellung widmet. Nicht nur in Zürich mit seinen damaligen »Jugendkrawallen« oder in West-Berlin mit seiner weitläufigen Hausbesetzer-Szene, auch in Wien ging es jetzt um mehr. Wobei sich dieses »Mehr« manchmal allzu ideologisch auftürmte und für Außenstehende nur schwer verständlich blieb.


Auch für die Verwaltung, die diese Forderung pragmatisch beiseiteräumte und eher nach sozialen Lösungen suchte. Wie etwa bei der Rosa Villa, die heuer ihr 30-jähriges Bestehen feiert: Im Jahr 1982 als Hausbesetzung begonnen, reagierte die Stadt damals im Eiltempo von wenigen Wochen mit deren Legalisierung. Freilich kommen Beispiele für Besetzungen, die mit Räumungen und Gewalt endeten, in der Ausstellung weit häufiger vor. So etwa bei der Gassergasse (»Gaga«) in Margareten, die bereits nach wenigen Jahren, im Sommer 1983, unter heftigen Krawallen aufgelöst wurde. Ebenso fünf Jahre später, als die »Aegidigasse« in Mariahilf – Lebensort autonomer Jugendlicher – von der Polizei gestürmt wurde. Andere wurden unter Aufsicht gestellt, wie etwa das Ernst Kirchweger-Haus in Favoriten, welches 1990 besetzt wurde, oder, jüngstes Beispiel, die Pankahyttn in Rudolfsheim-Fünfhaus. »Die Antworten der Wiener Institutionen sind rückblickend unterschiedlich gewesen: von Raum zur Verfügung stellen über Zermürbung mittels steuerlicher oder baubehördlicher Insistierungen bis zur Räumung mit Polizeigewalt«, meint Schwarz. Dass Letzteres bis heute vorkommt, zeigen jüngste Räumungen durch Polizeieinsatz, wie im Sommer 2011 in Ottakring oder etwas später in der Lindengasse im siebten Bezirk. Die Frage nach dem öffentlichen Raum, oder, noch direkter: nach den Besitzverhältnissen in der Stadt bringt den Motor der Moderne in Wien immer noch zum Stottern.

Zu Beginn ging es bei den Besetzungen oft um kulturelle Fragen. Basiskultur versus Hochkultur lautete das Match, dessen Brisanz heute nicht mehr nachvollziehbar erscheint. Wohl auch deswegen, weil das Wien von 2012 deutlich städtischer geworden ist als jenes Wien der 70er Jahre, als man nicht einmal den Rasen öffentlicher Anlagen betreten durfte. »Eine der rätselhaftesten Besetzungen ist sicherlich jene des Burggartens im Jahr 1979, als die Rasenfreiheit eingefordert wurde«, erzählt Martina Nußbaumer, ebenfalls vom Wien Museum und Co-Kuratorin der Schau. Rätselhaft weniger wegen der Forderung an sich – die »Rasenfreiheit« gehört in europäischen Städten zu den Konflikt-Klassikern zwischen Bevölkerung und Obrigkeit –, als vielmehr im Ablauf, der, so der Befund der beiden Historiker, eher unbeabsichtigt eine solch große Bedeutung bekam.

Und heute? Blättert man den Immobilienteil der Zeitungen durch, wird klar, dass auch in Wien Investments, Immobilien-Entwickler und Green Technologies den Ton angeben, wobei Letztere mit ihrer insistierenden Nachhaltigkeits-Passivhaus-Prosa wie ein ironisches Echo auf die alternativen Wohnexperimente vor 30 Jahren wirken. Der öffentliche Raum ist wohl nicht viel größer geworden. Aufhorchen ließ da kürzlich Bettina Leidl, die als frisch gebackene Departure-Chefin mehr konkreten Raum für die kreative Wiener Szene forderte. Also Räumlichkeiten, die leistbar und unterschiedlich zu nutzen sind. Ein leises Echo auf das Thema Hausbesetzungen? Die beiden Ausstellungskuratoren bleiben skeptisch: »In der Hausbesetzer-Szene verwehrt man sich eher gegen diese kreativ-ökonomische Ideologie.« Es geht eben auch heute noch um »Mehr«.

»Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern« (Katalog zur Ausstellung)

Ausstellungsdauer: 12. April bis 12. August 2012

Wien Museum Wien, Karlsplatz

www.wienmuseum.at

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