Im Schatten der Hochschulen

Beginnen Asylberechtigte mit einem Studium, verlieren sie ihre Mindestsicherung. Stipendien, um diese Menschen finanziell aufzufangen, gibt es bis heute nicht. Als Umweg bleibt nur das außerordentliche Studium.

Für ein außerordentliches Studium hat sich auch Bagher Ahmadi entschieden. Seit diesem Semester ist er außerordentlicher Hörer am am Max Reinhardt Seminar, der bekanntesten Universität für Schauspiel in Österreich. Vom Theater hörte Bagher Ahmadi durch einen Vorfall in einer Teheraner Küche, in der er schwarz arbeitete. Eines Tages kam ein Koch zu Bagher und seinen Kollegen und meinte „Heute könnt ihr mich im Fernsehen sehen!“. Alle lachten. Bis sie ihn schließlich wirklich am Bildschirm sahen. Stille. Bagher wollte das auch. Der Koch erzählte Bagher von einer afghanischen Schauspielschule in der Stadt. Eineinhalb Stunden von Baghers Wohnplatz entfernt. Für ihn als Illegalen im Iran ein hohes Risiko. Sollte er erwischt werden, würde er wieder nach Afghanistan abgeschoben werden. Bagher ging trotzdem hin. Und hörte dort zum ersten Mal vom Theater.

Bagher ist seit Februar 2017 außerordentlicher Student am Max Reinhardt Seminar. Als Gasthörer kann er einzelnen Lehrveranstaltungen beiwohnen, ist jedoch nicht zum Studium zugelassen. Um ein ordentlicher Student zu sein, braucht es entweder ein Reifezeugnis oder eine bestandene Aufnahmeprüfung. Je nach Studium ist das unterschiedlich geregelt.

Flüchtlinge an den Hochschulen

Wie viele Flüchtlinge es an Hochschulen genau gibt, ist unbekannt. Das liegt vor allem daran, dass es keine einheitliche Aufnahmeverfahren gibt. So kommen Flüchtlinge unter anderem über einen vorbereitenden Deutschkurs oder als außerordentliche Studierende an die Hochschulen. Je nach Hochschultyp, Studienrichtung oder Qualifikation des jeweiligen Flüchtlings kann der Weg zum Studium anders ausschauen.

Einen Hinweis darauf, um wie viele Studenten es sich handelt, gibt das Projekt der Österreichischen Universitätenkonferenz (Uniko) MORE. An diesem Projekt beteiligen sich – neben zahlreichen anderen Partnern – alle 21 Universitäten des Landes und die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH). Ziel ist es Flüchtlingen in Zukunft möglichst einfach ein Studium zu ermöglichen.

Laut Auskunft der Uniko gab es im Sommersemester 2016 insgesamt 1.106 außerordentliche MORE-Studien an den öffentlichen Universitäten. Davon 351 an den neun Wiener Universitäten. Die drei Wiener Kunstuniversitäten stemmten dabei den größten Anteil, nämlich 213 MORE-Studien. Auf Bundesebene hat sich die Zahl der Studenten damit sogar fast verdoppelt, im Wintersemester verzeichnete die Uniko noch 663 MORE-Studien.

Bei ausländischen Studierenden werden zwei Gruppen unterschieden: Zum einen die Gruppe der Bildungsinländer. Das sind ausländische Staatsbürger, die in Österreich über eine aufrechte Aufenthalts- oder Niederlassungsberechtigung verfügen. Zum anderen, Bildungsausländer, die für ihr Studium nach Österreich kommen.

Eine wesentliche Hürde für Bildungsausländer ist, dass diese, um in Österreich zu studieren, einen Antrag auf Zulassung bei der österreichischen Botschaft im Ausland stellen müssen. Zudem brauche es Urkunden aus dem Herkunftsland. Bei Geflüchteten, die aus Krisenländern flüchten, in denen oftmals keine österreichischen Botschaften mehr vorhanden sind, sei dies schwierig oder unmöglich, weiß Marie, von der ÖH. Zudem würden ausländische Urkunden hierzulande nicht immer akzeptiert werden. Es herrsche oftmals der “Generalverdacht”, dass geflüchtete Personen gefälschte Dokumente benutzen würden.

Für Bildungsinländer, also anerkannte Flüchtlinge, die tatsächlich zu einem ordentlichen Studium in Österreich zugelassen werden, stellt sich eine weitere wesentliche Herausforderung: Asylberechtigte, haben durch ihren Asylstatus in der Regel einen Anspruch auf Mindestsicherung. Diese jedoch gehe mit Inskription eines Studium verloren, sagt Marie von der ÖH, da studierende Asylberechtigte, studierenden Österreichern gleichgestellt werden. Ein Problem – schließlich hätten anerkannte Flüchtlinge die in Österreich studieren nicht dieselben Möglichkeiten (Stipendium) um ihr Studium zu finanzieren.

Zum ersten Mal Theater

Ein Theater sah Bagher zum ersten Mal 2012. In Oberösterreich, wo er untergebracht war. Verstehen konnte er nichts. „Ich habe einfach nur geschaut, mein Deutsch war noch nicht so gut.“ Für ihn wurde das zum Ansporn. Er suchte im Internet nach Schauspielschulen und Rollen in Musicals und Theaterstücken – und fand diese auch. 2013 wohnte er in Linz, hatte Projekte als Schauspieler, lernte weiter Deutsch und besuchte eine Private Schauspielschule. Es wurde im zu viel. Er ging schließlich nach Wien. „In Wien habe ich meine Leidenschaft wieder gefunden“, sagt Bagher. Es folgten wieder Rollen. Unter anderem bei Elfriede Jelineks „Schutzbefohlene“ und bei der szenischen Lesung „Sammy und die Nacht“ im Volkstheater. Beim seinem Versuch letztes Jahr im Max Reinhardt Seminar aufgenommen zu werden, scheiterte er allerdings. „Ich möchte es aber wieder versuchen.“

Nicht immer nur Flüchtling spielen

„Hier muss ich immer meine langweilige, traurige Geschichte erzählen“, sagt Bagher. In Wien wird er als Schauspieler stets als Flüchtling engagiert. Aber Bagher möchte mehr, er möchte als professioneller Schauspieler wahrgenommen werden. Das Reinhardt Seminar ist ein weiterer Meilenstein, um diesen Ziel näher zu kommen.

MORE ist ein erster Schritt geflüchteten Studierenden den Weg an die Hochschule zu ermöglichen. Es gibt einen Überblick zu den jeweiligen Anforderungen der Studienrichtung, bietet Informationen, erlässt den ÖH-Beitrag und vieles mehr. Alle Infos  zu dem Programm findet ihr hier.

 

 

 

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