Bitte für uns Zünder

Messwein-Rausch, verdorbene Eier und ein eingegangener Herr Jesus. In sieben Jahren als Ministrant kommt einiges zusammen.

Sieben Jahre lang war ich Ministrant. Gleich nach der Erstkommunion startete ich meine Kirchenkarriere, fast ein Jahr nach der Firmung beendete ich sie. Und zwar als Oberministrant. Dazu muss man gewählt werden. Es braucht sozusagen ein Grundmaß an Beliebtheit und einen Vertrauensvorschuss. Diesen Vertrauensvorschuss zu erhalten war kein Problem, da der einzige Gegenkandidat der "Zegga" war und der war noch unbeliebter als ich. Ein Zegga ist eigentlich ein Korb oder eine stabile Tragetasche. Aber auch ein Koffer ist in erster Linie ja ein Reiseutensil. Obwohl der Zegga schon mit 13 den Stimmbruch absolviert hatte und damals schon sehr starker Raucher war (eine Packung rote Memphis täglich), hatte er eine hohe Fistelstimme. Die Machtlosigkeit seiner Stimme führte mich zum ersten und einzigen Wahltriumph meines Lebens.

Gut 600 Gottesdienste dürfte ich in jener Zeit absolviert haben. Es kommt da einiges zusammen. Jede Woche Sonntag oder Samstag. Hochzeiten, Begräbnisse, Roraten, Maiandachten, Weihnachten, Pfingsten und natürlich Ostern.

Zu Ostern war von Palmsonntag bis Ostermontag volles Programm. Und ich finde es heute noch interessant und verstehe es eigentlich auch nicht, wie innerhalb weniger Tage die Stimmung für den Messias so kippen konnte. Zuerst der triumphale Einzug in Jerusalem, als er auf einem Esel dahergeritten kam, begleitet von kräftigem Olivenzweiggewedle einer johlenden Menge. Dann das letzte Abendmahl, noch einmal Party, bevor das unausweichliche finstere Ende am Freitag kam. Und schließlich das unglaubliche Comeback am Sonntag. Dramaturgisch jedenfalls 1A.

Gründonnerstag

Ich muss zugeben, dass mir der Gründonnerstag immer relativ egal war. Gut, dass die Kirchenglocken verstummen, nach Rom fliegen, wie es heißt, fand ich spitze. Wir wohnten nämlich gleich neben der Kirche und so war wenigstens mal zwei Tage Ruhe vom Gebimmel. Noch heute gibt es Tage, an denen ich um Punkt sechs Uhr morgens aufwache, weil ich mir einbilde, die Glocken der Heimatkirche zu hören. Das nenne ich mal eine Konditionierung.

Viele meiner Ministrantenkollegen fanden den Gründonnerstag schön, da man ab einem gewissen Alter im Rahmen der Abendmahl-Feier Wein aus dem Kelch trinken darf. Ich nicht, ich machte das auch nie, weil es mir sehr grauste. Man war ja nie der erste, der mit seinen Lippen am Kelch nippte und ich hatte immer schon unheimliche Angst vor Fieberblasen. Wenn schon Herpes, dann bitte von einer geil Heranknospenden aus der Jungschar und nicht von zähen, dörren Betweibern, die mit gieriger Beseeltheit hungrigen Mücken gleich, einmal im Jahr das Blut Christi aufsaugen.

Außerdem wusste ich ohnehin, wie der Messwein, den unser Pfarrer immer kistenweise in der Sakristei lagerte, schmeckte. Er schüttete nämlich nie den ganzen Wein bei der Gabenbereitung in den Kelch. Was dann in den kleinen Gläsern blieb und folglich bei der Wandlung nicht in Blut transsubstituierte, gehörte den zwei Ministranten, die neben ihm den Hauptteil der Messe bestritten – den Vorministrierern. Auf diese Weise habe ich in sieben Jahren sicher zehn Flaschen Messwein getrunken. Denn besagte Weinregel galt ab Dienstantritt gleich nach der Erstkommunion. Und bei den Frühmessen unter der Woche, zu der immer nur die Jüngsten eingeteilt wurden, da die Älteren 20 Kilometer mit dem Zug in die Hauptschule oder ins Gymi fahren mussten (Abfahrt 6:58 Uhr), war man nur zu zweit.

Dem Zegga und mir, das verband uns sehr, schmeckte der Messwein bereits als Achtjährige sehr gut. Kein Wunder, denn die süße Beerenauslese, die unser Pfarrer immer kaufte, traf den Geschmack jungfräulicher Kindergaumen perfekt. Zwar schimpfte die Pfarrersköchin immer, wenn sie sah, wie wir uns nach der Messe auf die Reste stürzten, verhindern konnte und wollte sie das aber nie. Und im Vergleich zu dem, was am Fußballplatz und bei der Feuerwehr in Sachen kindlichem Alkoholmissbrauch abging, war das nichts. Ich will das jetzt nicht schönreden oder verklären, aber letztendlich teilten der Zegga und ich den Restmesswein brüderlich auf und ums Teilen geht’s ja auch ein bisschen in den Frohbotschaften, die wir hörten und die uns gepredigt wurden. Nicht mit Vaterunsern und Glaubensbekenntnissen, sondern Schluck für Schluck näherten wir uns dem Erlöser.

Der Karfreitag

Der Karfreitag war mir immer um einiges lieber als der Gründonnerstag. Morgens um halb sechs zogen wir mit den Ratschen los, weil ja am Vorabend die Glocken nach Rom geflogen waren. Das ist halt die Kehrseite, wenn der Kirchturm schweigt. Das Spektakel wiederholte sich zu Mittag, um drei Uhr nachmittags und um sechs am Abend. Und am nächsten Tag wieder.

Am Karfreitag Vormittag klapperten wir zudem die Bauernhöfe ab. Anders als beim Sternsingen kriegten wir aber keine deftige Brettljause und auch keinen Schnaps in den Tee. Es war ja schließlich Fasttag. Außer Eiern war bei den Bauern an diesem Tag nichts zu holen. Die gab es dafür aber im Überfluss.

Wir veranstalteten Eier-Wettessen auf Zeit. Und später dann aus Langeweile und weil wir die Eier schon gar nicht mehr tragen wollten, entwickelten wir ein lustiges Spiel. Es hieß Ratschen-Baseball und war im Grunde recht simpel. Einer warf ein Osterei, der andere ratschte an und versuchte das Ei zu treffen. Wenn das gut gelang, segelten die Dinger oft siebzig Meter weit und zwanzig Meter hoch. Nicht selten zergatschten sie in den Wipfeln der schönsten Fichten. Der Zegga knackte einmal sogar den Jackpot.

Ei-Wettessen

Es war Karfreitag der 1. April und noch dazu sein Geburtstag. Zuvor gewann er schon das Ei-Wettessen, schälte und schlang 13 Stück in drei Minuten runter. Danach, es gab ja was zu feiern, stopfte er unter sehr schlechtem Gewissen auch noch eine 300 g Tafel Milka-Vollnuss in sich hinein. Er bot uns großzügig Rippen an, wir verneinten aber eisern. Weniger wegen dem strengen Fasttag. Eher, weil die Schokolade mit einem grauen Kakaobutterschleier überzogen war und schon zwei Monate über dem Verfallsdatum war. Seine Oma gab ihm die. Das hielt uns aber nicht auf, den Zegga beim Verzehr zu ermunterten. "Scheiß auf den lieben Herrn Jesus! Es ist dein Geburtstag. Weg mit der Schoko, ist eh kein Fleisch!"

Vom Zucker und Ei aufgeputscht, kriegte er einen Energieschub und hieß uns, ein paar Eier in seine Richtung zu werfen – zum Wegratschen. Was wir nicht wissen konnten: Die alte, verkalkte "Zachenbauerin", über die schon die Erben oder Sachwalter kreisten, so genau wusste man das bei unseren Bauern nie, färbte voll Freude dieses Jahr rohe Eier. Die waren – ähnlich der Schokolade – leider aber auch nicht mehr ganz taufrisch. Zudem traf der Zegga beim Ratschen-Baseball nicht sauber und so zerschellte ein faules, rohes Ei an seiner Ratsche. Zähflüssig tropften Dotter und Eiweiß das Holz hinab, es stank gewaltig und uns alle reckte es. Selten habe ich in meinem Leben einen Menschen sich derart übergeben sehen wie den Zegga damals. Alles musste raus. Frühstück, 13 stolze Eier vom Wettessensieg und die ganze Milka-Vollnuss.

Den halben Heimweg über jammerte er sehr und hielt die Speiberei für Gottes gerechte Strafe, weil er das Fasten brach. Wir behielten ihn in diesem Glauben, schließlich war es der Zegga und dem wollte man Trost und Zuspruch nur in homöopathischen Dosen gewähren. Stattdessen schickten wir ihn mit einem Stakkato aus müden Witzchen immer wieder in den April. "Du hast da noch Speibe am Schuh?" "Was? Wo?" "Eh nicht, April April!" Das war nicht besonders nett.

Heute, über zwanzig Jahre später bin ich sicher, dass Katholizismus mitunter auch den Boden für zwischenmenschliche Boshaftigkeiten aufbereitet, auf dem diese fruchtbar gedeihen und sich vermehren. Wie man nach unten tritt, nach oben buckelt und kleine Intrigen schmiedet, lernt man nirgendwo so gut wie unter dem Deckmantel der Gottesnähe.

"Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!"

Abends gab es dann die Karfreitag-Liturgie. Das war immer meine Lieblingsmesse. Ist es heute noch. Vielleicht auch, weil es keine richtige Messe ist. Predigt fällt aus, Wandlung gibt es auch keine, und alles ist sehr karg. Keine Kerzen, keine Blumen, kein Weihrauch. Fad ist es trotzdem nie. Das Kreuz wird verhüllt und die Johannes-Passion gelesen. Zwanzig Minuten mit verteilten Rollen. Der Pfarrer gab immer den Jesus, den Pontius Pilatus und die Hohepriester in einer Tripelrolle. Sehr fordernd, weil hier ja gleich mehrere Interessen aufeinanderprallen. Sein Patenkind machte immer den Erzähler und der Bürgermeister hatte auch was zu tun. Sogar die Ministranten hatten einige Stellen. Wir durften das aufgebrachte Volk spielen und schrien im Chor Sachen wie "Nicht diesen, sondern Barabbas!" oder "Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!"

Beim Barabbas-Einsatz wurde stets gekichert, weil immer einer dabei war, der “Nicht niesen, sondern lass an Schas!" mitbrüllte. Überhaupt verballhornten wir zahlreiche Gebete oder verstanden vieles falsch. Beim Ave Maria beteten wir treuherzig um Feuer in allen Lebenslagen: "Bitte für uns Zünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes." Gerne stellten wir uns den Heiland auch als geborenen Glückspilz vor und hatten Spaß an "Deinen Toto Herr verkünden wir, und deinen Lotto-Sechser preisen wir, bist du kommst in Herrlichkeit". Ein bisschen morbid wurden meine Gedanken immer, als es an die Brotbrechung ging und der Herr Pfarrer der Gemeinde das Lamm Gottes präsentierte. "Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund."

Wenn ein Mensch eingeht, dann stirbt er

Das "eingehen" verwirrte mich als Kind sehr. Wenn etwas eingeht, dann ist es nämlich landläufig kaputt. Ein Fahrrad geht ein, ein Pullover geht ein. Auch Fernseher und Radios gehen ein. Und wenn ein Mensch eingeht, dann stirbt er. Und zwar nicht schnell und sauber, sondern eher mehr langsam und qualvoll. Wie wenn man über drei Stunden am Kreuz hängt zum Beispiel. Das muss man einmal auf die Reihe kriegen, mit acht. Warum soll ich bitte nicht würdig sein, dass der Herr Jesus bei mir zu Hause, unter meinem Dach, in meinem Kinderzimmer vielleicht sogar, eingeht? Ich will das eh nicht. Ich brauch keinen Toten in meinem Zimmer. Auch wenn er vielleicht am dritten Tage eh wieder auferstanden ist. "Die Decke ist weg, das Bett ist leer!"

Der Karsamstag hatte auch ein sehr dichtes Programm. Dreimal am Tag wurde mit den Ratschen ausgerückt. Und: Es war Zahltag – Tag der Abrechnung oder Judgement Day, wie wir es nannten. Am Vormittag klapperten wir nämlich alle Häuser im Ort ab und bettelten um Spenden. Das so gesammelte Geld gehörte den Ministranten und wurde gerecht aufgeteilt. Die Ältesten bekamen mehr, die Jüngeren weniger.

Geld gab es sonst nur bei Begräbnissen. Zwar nicht so viel, dass man sich freute, wenn jemand einging, aber doch genug, dass der Tod damals keinen besonders großen Schrecken auf mich ausübte.

Sterben gehört dazu und natürlich ist es schlecht, wenn die Todesglocken läuten, aber Geld gibt es eben auch und natürlich ist es gut, wenn die Kasse klingelt.

Da ich die meisten, die aus unserer Mitte abberufen wurden, ohnehin nicht kannte, war ich bei einer Leich immer sehr entspannt und lernte ziemlich schnell, wie man mit ernsten, stillen Blicken Anteilnahme heuchelt. Das kann ich heute noch gut gebrauchen. Außerdem waren die Requien immer sehr schön. Der Kirchenchor sang und nicht selten spielte die Musikkapelle auf den Weg zum Friedhof. Ich war so oft bei Begräbnissen, dass ich relativ bald bemerkte, dass unser Pfarrer immer die selben fünf Lesungen variierte. Es hat aber ein bisschen länger gedauert, bis ich draufkam, was dies zu bedeuten hatte. Er hatte eine Lesung für nette, gutherzige Frauen, eine für nette, gutherzige Männer, eine für böse Frauen, eine für böse Männer und eine für alte Nazis. Ich sprach ihn einmal drauf an. Er lächelte nur milde.

In meinem letzten Jahr kriegte ich 1.300 Schilling fürs Ministrieren. Das Geld holte man sich traditionell nach der Fleischweihe um drei oder vier Uhr nachmittags ab.

Die Fleischweihe

Die Fleischweihe ist ein komischer Brauch, der nicht überall in Österreich bekannt ist und zelebriert wird. Zu Recht. Denn viel mehr, als dass man Schinken, Würste, Rinderzungen, Eier und Kren schön in Körbe drapiert, in die Kirche schleppt und segnen lässt, ist nicht. Warum man das macht, weiß eigentlich kein Mensch. Es ist im Grunde nur Show.

Weil man sich in der Kirche vorm ganzen Ort keine Blöße geben will, kaufen nämlich viele besonders viel Fleisch ein, putzen dann ihre Zegga schön heraus und protzen vor dem Herrn, vor allem aber den anderen Kirchgehern mit ihren derben Spezereien. Da dies fast alle so halten, führt das in so manchem Ort zu einem kurzfristigen Ernährungsproblem. Denn in der Osterzeit wird traditionell viel besucht und auch viel Besuch empfangen. Was man im eigenen Haushalt an seine Gäste mühevoll verfüttert, wird einem, ist man selbst auf Besuch, in einem anderen Haushalt wieder reingeschoben. Dadurch hält sich der Fleischverbrauch unglücklicherweise in der Waage. Es ist ein Schinken-Boomerang, ein Yin-Yang aus Kren und Ei, die einen eiskalt erwischen und – je nachdem wie das Osterfest fällt – lukullisch bis tief in den Mai hinein verfolgen.

Nicht selten passiert es übrigens, dass es dem geweihten Fleisch wie dem Heiland ergeht. In seinem Grab, der Tupperware, beginnt es hinten im Kühlschrank wieder zu leben. Zwar nicht nach drei Tagen, aber nach drei Wochen meistens schon. Ein Wunder.

Eigentlich fehlen jetzt noch die Auferstehungsmesse mit der Osterprozession am Samstag und die Hochämter am Ostersonntag und Ostermontag, um diesen Text hier abzurunden, zu einem schönen Ende zu bringen sozusagen. Es war auch so gedacht.

Aber nach so vielen katholischen Erinnerungen will ich glatt ehrlich sein und eine kleine Beichte ablegen: Ich mag nicht mehr. Der Text ist eh schon so lang. Vergebt mir.

Bild(er) © Michael Vitz CC BY-SA 3.0
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