Blog: En route to Tokyo #4

Unsere Theater und Performance-Expertin Magdalena fuhr mit dem Zug bis nach Tokyo und erkundet nun die japanische Kulturszene.

Zugegebenermaßen ist die ursprüngliche Intention meines Japan-Aufenthalts bloß noch ein Feigenblatt. Denn der Plan hier jeden Tag ins Theater zu gehen, hat sich als unhaltbar erwiesen. Zwar bin ich Feuer und Flamme für das traditionelle Kabuki-, – und Bunraku-Theater, doch sind sie eben nur ein Teil des breiten kulturellen Spektrums. Sich nur auf die darstellenden Künste zu konzentrieren würde eine unfassbare Einschränkung bedeuten. Dass dieses Land eine der elaboriertesten und distinguiertesten Gesellschaften dieses Planeten hat, ist zwar wohlbekannt, aber das Ausmaß ist immer wieder eine Überraschung. Gelinde gesagt. Denn jeder noch so banal und selbstverständlich erscheinende Teil des Alltags ist hier Abbild von Geschichte, Wertekonstrukt und Religion. Und immer wieder Beweis dafür, über wie viele Dinge man sich hier seit Jahrhunderten tiefgreifende Gedanken gemacht hat und dass in allem Kleinen das ganz Große steckt. Noch nie kam es mir in den Sinn, dass hinter dem Verpacken eines Geschenks etwas Bedeutungsvolleres stehen könnte, als eben die Spannung beim Auspacken zu erhöhen. Papier, Masche, zack, fertig. Die Aufwendigkeit der Verpackung steht in Europa noch am ehesten in einem anderen Zusammenhang: Je einfallsloser die Gabe (Gutschein!), desto ausgefallener das Drumherum.

Schenken für Dummies

Ganz anders in Japan: Schon die Schleife ist dem Anlass entsprechend zu wählen und zeigt aufs Schönste die hiesige Detailbesessenheit: Ist es ein wiederkehrendes Ereignis wie Geburtstag, Weihnachten,das hier eher wie der Valentinstag begangen wird (Single zu sein gilt als Katastrophe), oder Jahrestag, wird das Präsent mit einer normalen Masche verziert. Der wichtigste wiederkehrende Anlass ist jedoch keines dieser meist von Marketingdepartments großer Firmen in den 80ern etablierten westlichen Feste, sondern ochuugo und oseibo– die halbjährliche "Geschenkesaison".

Im Juli und im Dezember hat man jeden zu beschenken der im sozialen Gefüge über einem steht oder dem man etwas Spezielles zu verdanken hat. Unternehmen beschenken ihre Kunden, Kinder ihre Eltern, Ehepaare ihre Matchmaker und möglich gemacht wird all dies durch die zur selben Zeit ausgezahlten Gehaltsboni. Es gibt – neben der Masche – vielerlei Regeln zu beachten. Für Westler möglicherweise am Befremdlichsten: Allzu persönlich sollte es dann doch nicht sein. Lieber nicht selber einpacken, sondern von einem der angesehen Department-Stores verpacken lassen. Nichts selber zusammenstellen, sondern lieber die Flasche Whiskey kaufen, von der jeder weiß wie viel sie kostet. Denn somit ist sicher gestellt, dass die Aufmerksamkeit dem sozialen Status des Beschenkten auch wirklich entspricht.

Bridemoney

Zu Hochzeiten schenkt man – wie praktisch! – überhaupt nur Geld. Dafür eben in ganz besonderen Kuverts, mit – wie könnte es anders sein – besonderer Schleife.

Denn eine Hochzeit ist – im besten Falle – ein nicht wiederkehrendes Ereignis und somit ist auch die Verpackung nicht wiederzuverwenden. Statt mit einer Masche wird das Geschenk also mit einem gordischen Knoten verschlossen. Einmal zu, kann er theoretisch nur durch zerreißen geöffnet werden. Das ist rein symbolisch – denn die Präsente werden zum einen sowieso nie coram publico ausgepackt, und meist kommt dann letztendlich doch ein schnöder Brieföffner zum Einsatz.

Ein weiteres der unzähligen Fettnäpfchen, in die man hier als Nicht-Japaner tappen kann. Was genau man falsch gemacht hat, ist jedoch oft eher schwer herauszufinden.

Lass das Flip-Phone in der Tasche

Bei schlechtem Benehmen in der Öffentlichkeit bekommt man zwar des Öfteren das leicht despektierliche Gaijin – wörtlich "Mensch von draußen" – zu hören. (Meistens wenn man die größte Untat begeht: Sich lautstark in der U-Bahn zu unterhalten, oder – Gott bewahre! – gar zu telefonieren.) Doch es gibt eben auch den Gaijin-Bonus. Denn niemand erwartet wirklich von einem, dass man sich im hochkomplexen Regelwerk zurechtfindet. Das führt jedoch auch dazu, dass keiner je versucht, einen über Sinn, Zweck oder Details aufzuklären. Ein Grund dafür mag sein, dass die junge Generation die Wurzeln des Verhaltenskodex mehr und mehr selbst vergisst. Hinzu kommt noch, dass eine Belehrung beschämend für beide Seiten sein könnte. Aber der wahre Beweggrund mag nicht zuletzt eben jener sein, dass Good Old Europe (ganz zu Schweigen von Amerika!) als etwas primitiv verschrien ist. Wir sind so simpel gestrickt, dass es keinen Sinn hat, überhaupt mit dem Erziehen anzufangen.

Mensch, Alien oder Affe?

Und das ist die wirklich interessante Erfahrung die es hier zu machen gilt: Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich keine Vorschusslorbeeren als weiße Mitteleuropäerin. Auch einfach in der Masse untertauchen ist nicht möglich. Unter mal abschätzigen, mal neugierigen Augen bleibt keine Handlung selbstverständlich. Man wird zurückhaltender und das ständige Verbeugen zur geliebten Gewohnheit um guten Willen zu demonstrieren. Aber Gaijin-Bonus hin oder her – das sei alles sinnlos, meinte letztens eine japanische Bekannte zu mir nach ein paar Sake, denn "Gaijins are like monkeys. Cute, rude and best kept in zoos." Es ist aber ein ziemlich geiler Zoo, zum Glück.

Magdalena ist noch bis Mitte Februar in Japan. Sie verbringt ihre Zeit derzeit am liebsten in verrauchten Izakayas und absolut rauchfreien Parkanlagen. Folgt ihr auf Instagram unter viertewand oder lest die ganze Geschichte in den Artikeln En route to Tokyo #1, #2, #3.

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