Breakfast at Radian’s

Das flirrende Timbre des Americana und Alterna-Großmeister Howe Gelb geht mit den knisternden Kabeln von Radian spielen, oder: „Radian verses Howe Gelb“.

„Wir waren vor Jahren während einer Thrill Jockey Anniversary Tour gemeinsam unterwegs und haben da beschlossen zusammen was zu machen. Dann kam Howe ein paar Mal nach Wien um Material aufzunehmen“, sagt Radian-Chef-Tüftler Martin Brandlmayr. „Das ist ein Radian Album. Ich lebe nur darin”, sagt Howe Gelb. Understatement und Bescheidenheit an allen Ecken und Enden. Dabei ist die Kollaboration schon eine kleine Sensation.

Kleinster gemeinsamer Nenner zwischen beiden ist wohl die Lust am Spiel, an einer Verspieltheit, die aber nie ziellos ist. Die Wahl der Mittel ist natürlich unterschiedlich: Gelb setzt auf teils eigenwillige Interpretationen von eigenem und gecovertem Material, liebt es zu improvisieren. Bei Radian ist Improvisation oft der Ausgangspunkt, das daraus entstandene Material wird dann aber nochmal akribisch prozessiert und arrangiert, so auch diesmal. Howe Gelbs Beitrag wurde durch die Blackbox Radian gejagt, seine Essenz ist aber in deren Kosmos nicht verloren gegangen. Bei zwei Stücken ist sogar die gesamte Songstruktur erhalten geblieben: „Return to Picacho Peak“, bereits von dessen Album aus dem Vorjahr bekannt und bei „Moonriver“. Ja, das Moonriver – und fürs Protokoll: Howe Gelb ist die bessere Audrey Hepburn.

Emergency

Im Vorfeld konnte man darüber spekulieren, ob sich Radians formale Präzision, die dichten, treibenden Grooves, die manchmal an eine Zuspitzung von Prince Schrottfunk-Phasen erinnern oder Howe Gelbs Spiel mit dem Instabilen in seinen Songs durchsetzen wird. Tatsächlich ist es überraschend, wie gut das Ergebnis dieser musikalischen long-time-long-distance-relationship beiden zu Gesicht steht und wie falsch diese Idee von Dominanz war. Selbst Synthese ist nicht ganz richtig, Emergenz ist der bessere Terminus um diese Ineinandergreifen der Beiträge auf diesem erstem Radian-Release seit „Chimeric“ 2009 – auch der erste mit Martin Siewert, der Stefan Nemeth ersetzt – zu beschreiben.

Alles, was Radian bisher auszeichnete, hat seinen Platz gefunden: Groove, die Lust an Geräuschen, das Knistern der Kabeln aber zusätzlich noch die Stimme von Howe Gelb und, in Ermangelung eines besseren Begriffs, seine trockene Southernness, die jedem Klavierakkord mit einem Flirren und einer Schicht Sand darüber zu begleiten scheint. Auf neun Tracks geht das Flirren mit dem Knistern spielen, was genau, ist nicht so wichtig, man hört ihnen aber gern dabei zu.

"Radian versus Howe Gelb" erscheint im November auf Radian Releases.

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