Das Wild & Schön Festivals hatte dieses Jahr Premiere. Junge Musiktheater- und Tanzensembles aus ganz Österreich sowie aus Berlin präsentierten dabei ihre vielfältigen Zugänge Ende Juni im Nest – der jungen Bühne der Staatsoper – und dem Dschungel Wien.

Rosa Lametta flattert in der Nachmittagshitze, als ich am Platz vor dem Dschungel Wien ankomme. Neben dem Eingang gibt es einen Stand mit Beuteln, Programmheften und Caps auf denen in rosa oder blauer Aufschrift »Wild & Schön« prangt. Junge Menschen sitzen rundherum im Schatten und Warten darauf, dass es losgeht. Die Themen der eingeladenen Produktionen beim neuen Tanz- und Theaterfestival sind vielzählig. Es geht um das Brennen für eine Sache, um Verbundenheit, Freundschaft, heimliche Veränderung und – etwa in der Produktion »An der Quelle« – auch um Einklang mit der Natur. Neben den Vorstellungen können die Teilnehmenden Nachgespräche und verschiedene Workshops besuchen. Es gibt Open Stages und Partys. Das Wild & Schön Festival soll ein Ort des Zusammenkommens, Austauschs und Voneinander Lernens sein.
Spürbare Abwesenheit
Das Festival wird mit »Catwalk for Future« eröffnet, einer Fast-Fashion-Show mit Livemusik. Die Spieler*innen der Theaterwerkstatt des Dschungel Wien tragen schwarze Outfits auf denen weiße Markennamen verstreut sind. Während der Performance verschwinden die Akteur*innen hinter Pappkartons, suchen in Jeanshaufen nach einer passenden Hose und tanzen mit leeren Kleiderbügeln. Dabei bleibt auch die Frage nach Abwesenheiten immer spürbar: Welche Hände, welche Körper haben die Einzelteile der Outfits vernäht, verpackt und verschickt? Welche Geschichten, Lebensrealitäten und globalen Ausbeutungsstrukturen stecken in einem einzigen Kleidungsstück, das wir uns für 9,99 Euro im Sale kaufen. An einer Stelle heißt es: »Stellt euch vor, der Catwalk kann Gefühle messen.« Das Ensemble thematisiert, welche Emotionen und Ängste hinter Überkonsum stecken. Mode als Ablenkung, als bittersüße Fantasie des »guten Lebens«, als Hoffnungsschimmer einer Zukunft, in der alles umwerfend aussieht. Mit selbst geschriebenen Songs hinterfragen sie den wahren Preis eines Schnäppchens. »Was es kostet, ist nicht was es kostet!«, rufen sie immer wieder in Megafone.
Anlehnen dürfen
Auf dem Platz der Menschenrechte vor dem Museumsquartier folgt im Anschluss »Brillo y Relieve«. Die Wiener Gruppe Youth Dance präsentiert ein Projekt von Tanz die Toleranz unter der Choreografie von Ariel Uziga. Die Performance fühlt sich wie eine Brise an, nach der wir uns im Wiener Hochsommer nur so sehnen. Die Tänzer*innen in bunter luftiger Kleidung lehnen sich an Schultern, atmen auf und tanzen mit- sowie durcheinander. In einem Moment halten sie inne und machen die Gebärde »Manchmal möchte ich eine Qualle sein«, dann sprechen alle durcheinander in einem Wirrwarr aus Stimmen, das zunehmend unverständlicher wird. »Brillo y Relieve« kombiniert laute und leise Momente und sucht nach Zwischentönen, die entstehen, wenn wir miteinander in Verbindung treten.
Begegnungsorte für junge Künstler*innen sind wichtig in einer Zeit, in der besonders die Kulturszene und der Bereich der Jugendförderungen von Kürzungen und Einsparungen betroffen ist. Allzu oft feiern wir 2026 die letzte Ausgabe eines Festivals oder den Abschied von (kulturellen) Orten, an denen Menschen zusammenkommen. Umso mehr freue ich mich darüber, dass mit dem Wild & Schön Festival auch etwas Neues geschaffen wird. Festivals sind viel mehr als die Produktionen, die gezeigt werden. Sie sind Orte, an denen neue Freund*innenschaften und Ideen entstehen können und gegenseitige Inspiration Selbstbestärkung und Vertrauen in das eigene Kunstschaffen gewonnen werden kann. Als ich die Eröffnungsfeier verlasse, höre ich noch immer das Rascheln von rosa Lametta und viele Stimmen von jungen Menschen in neuen Caps, die vor dem Dschungel Theater beieinandersitzen.
Das Wild & Schön Festival fand von 22. bis 26. Juni im Nest und im Dschungel Wien statt.
Dieser Text ist im Rahmen eines Schreibstipendiums in Kooperation mit dem Dschungel Wien entstanden.