Christiane Rösinger: Neuigkeiten aus Schwermut Forest

Christiane Rösinger, die Grande Dame des deutschen Indie, führt den Titel ihres zweiten Soloalbums »Lieder ohne Leiden« ad absurdum. Aber: Mit dem richtigen Pop-Appeal ist das auch gar nicht mehr so schlimm.

© Doro Tuch

»Ich wünsch’ dir Liebe ohne Leiden und dass dir nie die Hoffnung fehlt«. Udo Jürgens hatte es nicht so mit der Realität. Anders Christiane Rösinger, die Grande Dame von Gegenüber, die Mutter Oberin von allem, was in Berlin nach der Wende jemals cool sein durfte. Sie hat, dem natürlich galgenhumoristisch zu verstehenden Album-titel zum Trotz, vom Leid jedenfalls zur Genüge, mehr noch als auf dem existenzialistischen, wunderbaren Solodebüt aus 2010, »Songs of L. And Hate«. Sie erklärt es im ersten Stück selbst: »Und weil ich melancholisch bin, nehm ich das alles schwer / Und weil ich musikalisch bin, gibt das ein paar Lieder her.«

Wir wohnen doch nicht zur Miete!

Denn natürlich sind Leiden vielfältiger Art das Kerngeschäft, die Darbietung ebenjener desillusionierter Trübseligkeiten ist lyrisch auf derart hohem Niveau, auch wenn die Texte den klassisch-gentrifizierten Milieus genuin sind, allgemeingültig sind sie in jedem Fall. So heißt es etwa im durchgehend fabulös gereimten Kernstück »The Joy Of Ageing«: »Es ist alles Mist, wenn du aus Schwermut Forest bist.« Christiane Rösinger als Ikone der Entrechteten, ein Bild das gefällt und Sinn ergibt. Auch das subversiv-ironische »Eigentumswohnung«, dessen begleitendes Bewegtbild ihre eigene Wohnung und Szene zeigt, berichtet vom künstlerischem Überleben mit kreativem Zwang, quasi dem Ausgehzwang der 2010er-Jahre. Selbstredend ist das politisch, »andere nehmen eure Plätze ein, sie werden nicht so weiß und männlich sein.« Darf man hoffen.

Wie schon auf dem Vorgänger ist Andreas Spechtl, auch nicht gerade arm an Ruhm, der Partner an Madames Seite und zeichnet für Studio-arbeit und Klangstrukturen verantwortlich. 2017 klingt der Sound der Rösinger dezent opulenter instrumentiert als zuvor, natürlich bleibt aber fast alles beim Alten. Das Klangbild ihrer legendären Gruppen Britta und Lassie Singers lacht aus sämtlichen cheesy Chören, es ist großbuchstabierter Pop, singuläre Gitarren bestätigen die Regel. Pop-Glamour ist durchaus gewollt: Text und Musik gehen auseinander wie die Schere zwischen Arm und Reich.

»Lieder ohne Leiden« von Christiane Rösinger erscheint am 24. Februar 2017 bei Staatsakt. Persönlich beehrt sie das Brut Wien am 11. April.

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