Da rennt der Schmäh

In "Frau Grete und der Hang zum Schönen" schreibt Christian Futscher das bewegte Leben einer ganz normalen Wienerin auf. Oral History trifft Beisl-Schmäh.

Auf der Wegstrecke zwischen Tisch und Bar, dort wo der Boden mit Bierschaum und Spritzer-Spritzer gepflastert ist, findet sich viel Wahrhaftiges. Man muss nur hinschauen und zuhören. Ein Autor wie Christian Futscher weiß das. Der 55-jährige gebürtige Vorarlberger hatte jahrelang in der Wiener Josefstadt einen Stadtheurigen gepachtet und dort einiges an Weisheiten von heiligen, seligen und unglücklichen Trinkern aufgeschnappt. Vieles davon drehte er durch die eigene Mangel und bannt es in Lyrik, kurze Anekdoten oder Aphorismen. Erbaulich, erheiternd und nicht selten sehr skurril sind die Geschichten und Dramen, die er zu Papier bringt. Aber noch wichtiger: Futscher hat im Heurigen auch die Frau Grete kennengelernt. Und zwar schon Ende der 1990er Jahre.

"Sie schimpfte mich eine faule Sau, weil nichts weiterging"

Frau Grete ist eine rüstige Rentnerin, die fesselnd erzählen kann und der ständig die "Pappalatur" geht und als sie erfährt, dass ihr Kellner ein Schriftsteller ist, gibt es für die direkte Dame kein Halten mehr. Er solle doch ihre Geschichten notieren und ein Buch daraus machen. "Das hatte ich ohnehin vor", erzählt Futscher, "denn Sprüche und Aussagen von Frau Grete habe ich mir oft notiert." Futscher trifft sich also mit der alten Dame bei ihr zu Hause und sie erzählt dem Schreiber aus ihrem Leben. Ein Langzeitprojekt. "Es uferte aus, ich hatte Berge an Material und rang mit mir, es in eine Form zu bringen, die Frau Grete gerecht wird", erinnert sich Futscher. Es dauerte jedenfalls lang und auch die Porträtierte wurde ein wenig ungeduldig. "Sie schimpfte mich eine ‚faule Sau‘, weil nichts weiterging", merkt Futscher an, der sich schließlich ein Herz fasste und sich eine Deadline setzte. "Zum 80. Geburtstag sollte alles fertig sein." Wurde es auch. Im Eigenverlag erschien für die betagte Jubilarin Frau Grete endlich das Buch über ihr Leben. Erzählt von ihr, aufgezeichnet von "Herrn Christian". Das war 2008.

Oral History von unten

Ein Konvolut, zu schade, um lediglich einem eingefleischten, engen Kreis bekannt zu sein. Das fand auch der Czernin Verlag, der Futscher die Lebensgeschichte von Frau Grete überarbeiten ließ. Man hat es mit "Frau Grete und der Hang zum Schönen" nämlich mit einem äußerst ungewöhnlichem Oral History-Dokument zu tun. Denn die Wienerin Grete Seifert, Jahrgang 1928, die hier ihr Leben und ihre Sicht darauf ausbreitet, hat Zeitgeschichte miterlebt, wurde von ihr geprägt, ohne, dass die äußeren Umstände wie Bürgerkrieg, Austrofaschismus, Nazi-Zeit, Besatzungszeit und schließlich der Wirtschaftsaufschwung allzu in den Vordergrund ihrer Erzählungen rücken. Sie sind da, wenn es nötig wird, brechen sie durch. Aber in erster Linie erzählt die Rentnerin ihr Leben. Schnell und unverblümt. Nicht selten auch mit Derbheit – aber immer mit dem Charme harter Herzlichkeit. "In Wien persönlich stört mich überhaupt nichts, zeitweise die Leute, aber die musst du nehmen, wie sie sind."

Eine Wiener Lebensgeschichte

Ohne Selbstmitleid und Jammern erzählt also Frau Grete. Von ihrer alleinerziehenden Mutter, die sechs Kinder mit einem Blumenladen über Wasser hält und einer harten Kindheit, die kurzzeitig auch zu Pflegefamilien führte. Von ihrer Jugend im Krieg, vom Lieblingsbruder, der das KZ überlebte, ihrem ersten Mann, ihrem Sohn, ihrem zweiten Mann, ihrer Arbeit als Hotelfachfrau und als Schuhverkäuferin. Frau Grete geht mit ihren Mitmenschen – wenn es sein muss – hart ins Gericht, schleudert beim Erzählen Erkenntnisse und Einsichten in die Welt und springt dabei durch Zeit und Raum. Das macht es authentisch. Was und wie viele der Erinnerungen stimmen, vielleicht schön gefärbt wurde bleibt dahingestellt. Ein liebevolles, literarisches Denkmal, das in seinen besten Momenten Ur-Wienertum vergangener Epochen einfängt, ist es trotzdem. Dabei liegt irgendwo zwischen dem Lieben Augustin, dem durchwurschtelnden, opportunistischen Herrn Karl von Qualtinger/Merz und Torbergs Tante Jolesch eine höhere Wahrheit.

"Frau Grete und der Hang zum Schönen" von Christian Futscher ist 2015 im Czernin Verlag erschienen.

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