Dekoration versus Interpretation

Illustration ist längst im Mainstream unserer Kultur angekommen,immer mehr Kreative liefern sich ein Wettrennen um die Aufträge. Doch was zeichnet gute Illustratoren aus? Eine Recherche zwischen freier Kunst und vollem Kommerz.

Die Beauty-Strecke in der Frauenzeitschrift, das neue vegane Kochbuch, die Bilanz eines börsennotierten Unternehmens: Überall ist heute Illustration zu finden, und ihr Boom schreitet munter voran. Schon vor zehn Jahren suchte man in Werbung und Printmedien nach Alternativen zur Fotografie und entdeckte sie in einer Disziplin, die im vergangenen Jahrhundert immer wieder ihre Höhen und Tiefen erlebt hatte. Dass zeitgleich auch eine gigantische Retrowelle startete, beschleunigte den Siegeszug jener Illustratoren, die sich stilistisch an der Vergangenheit bedienten. Plötzlich sah man Bilder, die man aus deutschen Kinderbüchern der Nachkriegszeit oder amerikanischen Modezeitschriften der 20er Jahre kannte: eine ziemlich verklärte Welt, offen für Projektionen. Doch Illustration ist weit mehr als Behübschung oder gar Verkitschung.

Szenen-Selbstbewusstsein

Allein ein Blick in eine aktuelle Publikation wie »A Life in Illustration« (jüngst erschienen im Gestalten Verlag) macht die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten klar. Warum man da nicht schon früher draufgekommen ist? »Ich arbeite fast 20 Jahre in dem Bereich, seinerzeit war das definitiv ein Nischenprodukt«, sagt Olaf Hajek, einer der führenden Illustratoren in Deutschland. »Es gab bei vielen damals die Angst, dass ein Illustrator bei einem Auftrag zu eigenständig agiert, denn die Illustration interpretiert ja mehr als die Fotografie.« Die Autonomie der Illustration, ihre Nähe zur Kunst schien suspekt. Das ist die eine Seite.

Doch es gibt auch eine andere, von der Hajek zu berichten weiß. »In den ersten Jahren in Deutschland wurden die Illustratoren als bloße Dienstleister betrachtet, die sich der Bildsprache des Kunden einfach unterzuordnen haben.« Stichwort: Illustration ist Dekoration, nicht mehr. »Doch das Selbstbewusstsein der Szene ist gewachsen«, ist sich Hajek sicher. Und er meint damit auch sich selber, schließlich zählten Time Magazine, Rolling Stone, The New Yorker ebenso zu seinen Auftraggebern wie Macy’s oder Daimler Chrysler. (Ganz abgesehen davon, dass der Deutsche mit seinen freien Arbeiten von einer Kunstgalerie vertreten wird.)

Agent Azur

Je mehr die Illustration von Werbung oder Medien genutzt wurde, desto attraktiver wurde sie für Grafikerinnen und Grafiker, die Lust auf weniger Zwang verspürten.Die Szene ist freilich noch immer überschaubar, besonders in Österreich. Seit Langem schon gibt es zwei Agenturen, die – neben Fotografen und anderen Kreativen – auch Illustratoren vertreten. Mit Anfang des Jahres gründete die Luxemburgerin Fabienne Feltus mit Agent Azur die erste Agentur in Österreich, die sich ausschließlich auf dieses Feld konzentriert. Feltus, selbst Illustratorin und früher Art-Direktorin bei der niederländischen Avantgarde-Agentur KesselsKramer, koordiniert ein Team von derzeit 17 freien Illustratorinnen und Illustratoren, kümmert sich um die Akquise, macht PR und berät Kunden bei der Auswahl. »Es ist wie bei einer Modelagentur, nur eben für Illustration«, so die Jungunternehmerin, die in Wien organisatorisch schon durch den »Lieblingsflohmarkt« auf sich aufmerksam gemacht hat.

(Nach fachlich sicher richtiger Intervention möchten wir festhalten, dass es in Österreich zudem die Agentur Caroline Seidler gibt, sowie Tu Venea Tu, Illunet und Weinper & Co, die alle auf breiter Basis mit Illustratoren zusammen arbeiten.)

Nicht alle, die bei ihr unter Vertrag sind, sind hauptberuflich Illustratoren, »manche probieren es einfach aus«, einige studieren auch noch. Talentiert müssen sie definitiv sein, denn Feltus erhält durchschnittlich eine Bewerbung pro Tag – aus ganz Europa. Neue nimmt sie nur dann auf, wenn sie das stilistische und thematische Spektrum erweitern. Wer sich markttauglich positionieren will, sollte außerdem viele Bereiche abdecken können: Porträts, Food, Tiere, Natur, Still Life oder Interior.

Illustration bedeutet Position beziehen

Keine leichte Aufgabe, gibt es doch hierzulande kein Studium, das sich ausdrücklich auf diesen Bereich konzentriert. Ein Manko, wie die Illustratorin Katharina Ralser meint, die neben ihrem Grafikstudium an der Angewandten einen Studienaufenthalt an der Pariser ESAG vorzuweisen hat. Dort habe sie im Rahmen von drei Kursen gelernt, dass es bei Illustration nicht darum gehe, »einfach schöne Bilder zu generieren, sondern dass es vielmehr bedeutet, eine starke Position zum Inhalt zu beziehen«. Ihre Beurteilung der aktuellen Situation fällt kritisch aus: »Es gibt in Österreich wenig Bewusstsein und keine Tradition im Bereich Illustration. Viele Arbeiten sind von guten Zeichnern, die sich für einen Stil entschieden haben. Meist werden dann ein paar Stichworte aus dem Text gewählt, gezeichnet und optisch ansprechend auf der Fläche verteilt. Es gibt wenige, die versuchen, eine Position zu beziehen – ein Bild zu entwickeln, das den Text inhaltlich trifft, es ironisch verstärkt oder einen Standpunkt verdeutlicht.»Eine seriöse Ausbildung für Illustration könnte ein klares Bild vom Beruf vermitteln und wichtige Kompetenzen fördern«, ist Ralser überzeugt. Wer sich tatsächlich schon so früh für diese Richtung entscheidet, kann sich derzeit um einen Studienplatz an der Hochschule in Luzern oder an anderen Ausbildungsstätten in Berlin, Hamburg oder Münster bewerben.

Technisch offen

Ralsers ehemalige Studienkollegin Fabienne Feltus (beide studierten bei Fons Hickmann, der keineswegs eine Schlagseite Richtung Illustration hat) hält allerdings eine allgemeinere Grafikausbildung – ohne Spezialisierung auf ein Gebiet – prinzipiell für keinen Nachteil. »Man ist dann breiter aufgestellt, denn kaum jemand kann von Anfang an von Illustration leben.« Die eingangs erwähnte Spannung aus künstlerischer Freiheit und den Wünschen kommentiert sie so: »Wir sind Dienstleister. Illustration funktioniert selten alleine. Sonst wäre sie Kunst.« Eine Einschätzung, die wiederum Olaf Hajek nicht ganz teilt. »Eine gute Illustration sollte immer ein Bild sein, das selbst bestehen kann. Sie sollte im Kopf hängenbleiben, unabhängig vom Text. Wenn Illustration hingegen bloß als Deko-Element eingesetzt wird, hat sie keine Chance.« Wer übrigens glaubt, ein Illustrator müsse auch technisch eine bestimmte Richtung abdecken, der täuscht sich gewaltig: Es gibt ebenso herausragende Vertreter, die nur mit der Hand zeichnen, wie solche, die ohne Computer kein passables Bild zustande bringen würden.

Bilder-Boom

Der Markt wird zweifelsohne wachsen, nicht nur, weil’s gerad so hip ist. Feltus nennt einen guten Grund, warum immer häufiger zu Illustrationen gegriffen wird: Sie ist nicht so zeitaufwendig wie ein Fotoshooting, die stilistische Bandbreite ist dem Laien gut vermittelbar. Die Auftraggeber kommen längst nicht mehr nur aus der klassischen Werbung oder aus dem Printbereich. So macht etwa der Bio-Produzent Sonnentor vor, wie stark Illustration auf Verpackungen wirken kann, bei anderen Qualitätsmarken, etwa Zotter Schokolade, setzt man ebenfalls auf die Macht der Bilder und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis der 08/15-Bereich nachzieht.Auch in der Mode oder im Interiorbereich sind die Illustratoren auf dem Vormarsch, Olaf Hajek hat kürzlich etwa Tapeten für den Wiener Ableger der 25hours Hotels entworfen. »Natürlich ist auch digital im Vormarsch, Animation wird eine große Rolle spielen. Auch wenn ich das nicht mehr mitmachen werde, dazu habe ich keine Lust«, so der Deutsche. Er wird sich wohl damit trösten können, dass vielleicht eines der alten Printmedien wie "The New Yorker" anruft. Man muss ja nicht alles können, nicht mal als Illustrator.

Bild(er) ©

Agentur Azur


Olaf Hajek

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