Vienna Open: Die Krise des dogmatischen Handelns

Georg Russegger im Interview über seine Lecture "Open Organisation" und darüber, wie Offenheit hilft zu verstehen, aber nicht zwangsweise bedeutet, alles Erprobte wegzuwerfen.

Manfred Faßler schreibt im CIS Doc #4: "So viel Offenheit war noch nie!" Teilst du diese positive Einstellung und in welchen Bereichen gibt es den größten Aufholbedarf?

Ich denke, das ist in Bezug auf die menschliche Entwicklung (evolutionär) gemeint und weniger wertend. Klar ist, dass das Thema Offenheit in vielen Belangen (Commons, Data, Source, Design, Government udgl.) Hochkonjunktur hat. Das hängt damit zusammen, dass Produzenten dem jeweiligen User – von was auch immer – stärker in den Prozess des Entwickelns, Modifizierens, Mitgestaltens, Eingreifens integrieren wollen. Aufholbedarf denke ich gibt es keinen, denn das würde voraussetzen, dass es etwas gibt, das eingeholt werden müsste – aktuell wird viel ausprobiert und auch mit guten Erfolgen, aber das ist der kreativste Moment in Bewegungen – weil noch nichts klar ist. Uns sollte allerdings klar sein, das der gesamte Openness-Diskurs, so wie er heute geführt wird, großteils auf die Ideologie des Open Source bezogen wird. Der Grundgedanke ist einfach: Gemeinsam ist alles besser. Das ist eine positive und zu begrüßende Einstellung, es bleibt aber undefiniert, welches "gemeinsam" damit angesprochen wird. Menschen funktionieren nun einmal in Organisationszusammenhängen: Staat, Familie, Firma, Gesellschaft, Kultur oder Ökonomie.

Kann Offenheit organisiert werden oder muss diese wachsen?

Wachsen ist ja sehr organisch! Ich denke, ohne Gewachsenem kann auch nicht organisiert werden. Zuerst braucht es ein Vertrauen, dass Offenheit nicht zerstörerisch auf historisch gewachsene Systeme wirkt. Doch das tut es natürlich – es ist jedoch eine kreative Zerstörung (Creative Destruction), eine Erneuerung, die immer Veränderung mit sich bringt. Konkret heißt das, dass wir uns die Felder, in denen Offenheit forciert wird, genau anschauen müssen: Wie sind sie organisiert, wie wachsen sie, welche strukturellen Bedingungen haben sie und auch: Wie engagieren sich Menschen in diesen Feldern? Also welche Regeln werden hier erfunden, (weiter-)entwickelt, negiert und trainiert? Hier macht es Sinn, sich konkret mit organisatorischen Themen zu befassen. Wie können Standards und Normen formuliert werden, dass sie für ein Kollektiv anschlussfähig sind bzw. werden? Für jemanden, der sich mit Organisationen auseinandersetzt, wird hier ein wichtiger Ansatz in den Vordergrund gestellt: Partizipation (Teil-haben). Dies hat in Bezug auf offene Organisationen viel mit einer Neuverfassung von Verantwortung und Ethik zu tun und schrammt immer wieder an einem aufklärerischen Moment.

Zusammenarbeit bedeutet also auch ähnliche Grundlagen, Normen und Schnittstellen zu haben. Lassen sich die – auch wirtschaftlichen – Vorteile solcher Vorgehensweisen (Offene Schnittstellen, Industriestandards, …) messen und vermitteln?

Aktuell ist zu erkennen das sich technische "MetaSchnittstellen" wie zum Beispiel Arduino sehr gut dazu eignen, dies zu veranschaulichen. Es ist zwar eine sehr technische Form, zeigt aber, dass sehr viele Ingenieure im Feld Open Design auf diese Technologie zugreifen. Vermitteln geht zum aktuellen Zeitpunkt immer noch sehr theoretisch vonstatten und messen oder bewerten sollte man dies natürlich auch können, aber dazu fehlt die Grundlagenforschung. Dafür sollte es Calls geben!


Wie ist der Zusammenhang von Offenheit und einem Agieren auf Augenhöhe (siehe etwa departure-Call-Kooperation) und schließt Offenheit Hierarchien per se aus?

Solche Calls gibt es wie Sand am Meer – auch weil die EU diese Richtung sehr stark forciert. Das Grundproblem ist, dass gerade Kreativwirtschaft ein sehr unscharfer und in vielerlei Hinsicht auch verzerrter Begriff ist. Augenhöhe würde dann auch gleich ökonomische und organisatorische Momente und Gemeinsamkeiten betreffen – doch diese sind zum aktuellen Zeitpunkt ja nicht einmal den Akteuren selbst klar. Offenheit darf hier nicht als Synonym für hierarchielos bzw. ebenenfrei verwendet werden. Wäre alles offen, dann bräuchten wir darüber nicht zu sprechen. Es geht viel mehr darum, den Mehrwert des Teilens von bestimmten Inhalten, Wissensschätzen, Informationskanälen, Netzwerken und Ressourcen zu erkennen. Augenhöhe bedeutet dann auch zu wissen, was zu öffnen ist und was geschlossen bzw. intern verhandelt und verwertet werden kann. Damit ist die Logik der Ergebnisoffenheit im Agieren und Organisieren (Planen, Verstehen, Entwickeln, Sichern, Freigeben, Teilen, Tauschen, Nutzen, Umnutzen, Weiterentwickeln usw.) angesprochen.

Nicht nur aufgrund eines technologischen Fortschritts kommt es auch in Kunst und Design immer mehr zu Zusammenarbeiten unterschiedlicher Personen und Disziplinen. Ist es in kreativen Prozessen einfacher, offen zusammenzuarbeiten?

Die Erreichbarkeit/Vernetzung von Informationen und Inhalten, welche sich in der Informationsgesellschaft explosionsartig multipliziert hat, verändert alle Lebensbereiche. Auch Kunst und Design haben dadurch neue Formen der Kooperation und des Vertriebs gefunden. Trans- und Interdisziplinarität ist keine Zauberformel, es ist der Zustand von Informations- und Kommunikationskulturen. Kreativität kommt dadurch ins Gerede von Wirtschaftstreibenden, weil ein großer Glaube daran besteht, dass Innovation in kreativen Prozessen auf dem Verwenden von vorhandenen Ressourcen auf neuartige Weise basiert. Es ist deshalb nicht einfacher, offen zusammenzuarbeiten, doch in asynchron global-verteilten Prozessen des Gestaltens, Erfindens, Entwerfens, Designens und Schaffens von Neuem (das immer eine Kombination von Altem ist, aber auf neuartige Weise) trägt die Organisation von offenen Plattformen und Gemeinschaften zum besseren Verstehen dieser oft hochkomplexen Gegebenheiten bei. Wer sich das antun will, wird wohl nicht darum herumkommen, sich dieser Komplexität zu öffnen. Kunstschaffende und Designer sind Spezialisten in ihrem sehr individuellen Feld, doch handelt es sich um Nischenbereiche. Lange Zeit wurden hier das Alleinstellungsmerkmal von Künstlern und Designern in den Vordergrund gestellt. Legt man diesen Anspruch auf Einzigartigkeit ab und kollaboriert, dann öffnet man sich dahingehend, dass individuelles Schaffen so vermittelt wird, das es auch andere etwas damit auf der "Macherebene" anfangen können.

Nicht nur Unternehmen, sondern auch Vereine und Projekte sind klassischerweise Top-Down organisiert, weil dies auch Vorteile bietet. Lassen sich diese irgendwie in offene Strukturen übertragen?

Organisationsstrukturen für Verbünde sind gewachsen, es haben sich Praktiken herausgebildet, die seit Langem gut laufen. Regelsysteme wie Politik und Staat setzen Normen fest und diese werden auch anerkannt und oft bieten diese auch Vorteile. Es ist zu Top-Down dual Bottom-Up zu setzen. Zum Beispiel haben große Softwareunternehmen wie IBM und Microsoft schon lange die Vorteile von Open Source erkannt und diese Praktiken aktiv in ihr Unternehmen integriert, ohne dabei alles aufs Spiel zu setzen. Es geht eher darum, den Mut aufzubringen, gewisse Teile der Organisationsstruktur offen zu gestalten. Diesem Bereich auch eine Funktion zuzuschreiben und diesen auch richtig zu bewerten. Wir können hier viel von dem Experiment der Öffnung hin zu anderen Organisationsformen lernen. Es bedeutet nicht, dass alles geöffnet werden muss oder basisorganisatorisch durch eine Mehrheit abgesegnet sein muss. Vielmehr bedeutet es die Weisheit der Vielen, aber auch eine kritische Masse als Korrekturmöglichkeit Ernst zu nehmen. Dies haben wir leider durch starre bürokratische und organisatorische Dogmen versäumt. Die Krise, welche wir heute in vielen Organisationen wie Kirche, Partei, Staatenbünde und Finanzsysteme sehen, liegt weniger in der Organisation selbst, als im dogmatischen Handeln dieser. Offenheit kann hier nichts lösen, aber eben Neues eröffnen/ermöglichen.

Die Vorstellung, allgemeine Offenheit und Zusammenarbeit würde allen zum Vorteil werden, klingt ein bisschen gar romantisch – oder nicht?

Ist sie und das bleibt ein Wunschtraum bzw. kann dies nicht passieren. Was wäre, wenn alles offen ist – dann braucht es keine Offenheit mehr. Offenheit ist dort wichtig, wo Geschlossenheit und Stillstand herrscht.

Bild(er) © Elfie Semotan, 2011
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