Die Zukunft war schon mal spannender

Vor etwa zehn Jahren war alles schon da, was das Netz heute ausmacht. Nicht so bunt, nicht so breitbandig und allgegenwärtig wie heute, dafür war das Nachdenken über die Möglichkeiten einer vernetzten Gesellschaft und das Freiheitsversprechen einer grenzenlosen Kommunikation auf theoretischer und künstlerischer Ebene radikaler und konsequenter. Das lehrt uns dieses Buch.

Rund um das Jahr 2000 war die Globalisierungskritik auf ihrem Höhepunkt, die Dotcom-Euphorie platzte mit lautem Knall und in Österreich schickte sich eine rechtskonservative Regierung an, das Land umzubauen. Wir erinnern uns: Hier die von Kanzler Schüssel abfällig als »Internetgeneration« abgestempelte Jugend und auf der anderen Seite eine neue Regierung, deren Kulturpolitik primär auf repräsentative und touristisch vermarktbare Projekte ausgerichtet war. Zu der Zeit trafen globale, europäische und nationale Entwicklungen zusammen, die Netzpioniere förmlich dazu aufforderten, in der dezentralen Infrastruktur des Netzes neue kulturelle und kommunikative Praktiken zu erproben und sie auch für Aktionen und Widerstand in der physischen Welt zu nutzen. Die Initiative (Public)Netbase war für einige Jahre (von 1994-2006) der heimische Knotenpunkt in einem globalen Netzwerk von Künstlern, Theoretikern und Aktivisten, der viel internationale Aufmerksamkeit bekam. Neben der theoretischen Arbeit und der künstlerischen Reflexion war es der Netbase immer ein besonderes Anliegen, auch im realen Raum präsent zu sein. Dieser Raum war vor allem das Wiener Museumsquartier vor seiner Wiedereröffnung im Jahr 2001. Dort wurden Veranstaltungen abgehalten und dort gab es auch eine entsprechende technische Infrastruktur für eine Vielzahl an Netzprojekten und Initiativen. Hier fanden Theorie und Praxis zueinander. Im Zuge der Neugestaltung des MQ-Areals und der Änderung der Schwerpunktsetzungen in der Kulturförderung kam die Netbase unter die Räder. In einigen aufsehenden Aktionen wie etwa dem Militärzelt im Museumsquartier, dem sichtbaren Zeichen für Widerstand gegen die inhaltliche Ausrichtung der Kulturinstitution, lieferte die Initiative bis zu ihrem endgültigen Aus noch einige wichtige Diskussionsbeiträge.

Das Buch legt zwar einen klaren Schwerpunkt auf die Netbase, die Autoren besprechen aber auch etliche andere Projekte aus Europa. Neben den Gastbeiträgen der Autoren gibt es auch eine ganze Menge an Interviews und Originaldokumenten. Einige der Manifeste könnten durchaus auch aus der heutigen Zeit stammen. Da gibt es viele Forderungen wie etwa die nach Open Government Data oder nach einer gestärkten Internetkompetenz der Menschen, die nach wie vor nur ansatzweise erfüllt sind. Vor allem lädt das Buch aber zu einer Reflexion des Themenkomplexes Social Media ein. Die Basis für deren Funktionen war auch um die Jahrtausendwende schon vorhanden. Heute sind diese zentralisiert in der Hand weniger Plattformen bzw. US-amerikanischer Konzerne. Über mögliche Alternativen wird aber kaum mehr gesprochen.

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