"Dilettantisches auf hohem Niveau“

20 Jahre Seewiesenfest wird am 28. Mai in Kleinreifling mit Kreisky, Esben And The Witch und FM Belfast gefeiert. Wir haben die Veranstalter Michael Hagauer und Gerald Thalhammer für eine Stück Oral History getroffen.

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Kleinreifling. Ein Ort irgendwo im Nirgendwo. Dass gerade hier, im oberösterreichischen Ennstal, jedes Jahr kurz vor Sommerbeginn grandiose Bands beim bereits legendären Seewiesenfest auftreten, kann man einerseits als ein kleines Wunder deuten. Andererseits aber, also nüchtern betrachtet, als eine Selbstverwirklichung von einigen dem Idealismus zusagenden Veranstaltern, die allesamt eine typische Landjugend erleben, sprich: überleben, mussten: Feuerwehr, Bierzeltgaudi und Eisenbahnerschmäh.

Um diesem Provinz-Horror zumindest geistig zu entkommen, entstand im Jahr 1991 die Idee rund um den in Weyer ansässigen, 1986 gegründeten Verein Frikulum etwas zu bewegen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, also ein kleines Fest zu veranstalten, das den Namen Seewiesenfest trägt. Und das, darauf darf man stolz sein, mit dem bewussten ironischen Untertitel "Kein Ival seit 1991". Heuer findet also am 28. Mai in Kleinreifling Seewiesenfest Auflage Nummer 18 statt, schließlich pausierte man in den Jahren 2000 und 2001.

Den 20. Geburtstag feiert man aber schon, das muss schließlich sein! Auch heuer besticht das Line-up wieder mit großartigen Atcs von Kreisky, Esben And The Witch, FM Belfast, Love & Fist und einigen anderen. Das in Kombination mit der geradezu pittoresken Landschaft rund um den Ort Kleinreifling, sympathischen Getränkepreisen, hauseigenen Schmankerln (Seebab!) und einem Slam Poetry-Wettbewerb. Ein Ambiente also, das sogar Stadtpflanzen zum Camping-Ausflug in diese Idylle treiben sollte. Die Startbedingungen sind also bestens, wenn auch noch der Wettergott Erbarmen hat, steht einem gelungenen Partyspaß mit Tiefgang nichts im Wege.

Im Folgenden ein paar neuralgische Sätze von den Seewiesenfest-Veranstaltern Michael Hagauer und Gerald Thalhammer aus dem Gespräch über die Bedeutung dieser Veranstaltung, Wirtschaftsmodell Pop-Industrie und eine Lieblingsanekdote mit Deichkind.

Michael Hagauer:

Über die Rolle als Veranstalter:

"Dieses Dilettantische auf hohem Niveau gefällt uns sehr."

"Man muss an unserer Stelle teilweise natürlich die Hosen runterlassen, weil die Infrastruktur in den letzten Jahren teurer geworden ist."

"Wir haben den Luxus, dass wir als Seewiesenfest-Veranstalter nicht davon leben müssen, im Gegensatz zu Veranstaltern von großen Festivals."

"Wir haben gute Beziehungen zu dieser Festival-Industrie, aber wir distanzieren uns einfach von dieser Ideologie, die dort herrscht."

"Da wir das Seewiesenfest nicht aus wirtschaftlichen Gründen machen, ist es bei uns halt noch sehr persönlich, alle die hier mitarbeiten kennen sich."

Über die Besonderheit des Seewiesenfestes:

"Das Seewiesenfest nimmt eine ganz eigene Dynamik an, die total schwierig zu beschreiben ist, das Umfeld, ein Mikrokosmos, in dem man sich bewegt. Wir reden hier von Kleinreifling, einem 500-Einwohner-Eisenbahner-Kaff, das massiv von Landflucht betroffen ist, wo es wirtschaftlich gesehen außer einem Fleischhacker nichts gibt. Und dann kommen wir her und machen das Seewiesenfest mit einem Programm, das sich normalerweise im urbanen Raum abspielt. Mittlerweile ist das in der Bevölkerung eh schon mehr angesehen, aber damals war das noch total anders."

"Was mir taugt ist, dass man nicht nur konsumiert, sondern ein bisschen auf DIY macht, in dem Sinne, dass man sich sein Angebot auch selbst schaffen kann, egal ob man bei einem Installateurbetrieb in Steyr arbeitet oder in Linz oder Wien studiert. Wir kommen halt von dort. Ich will den Heimatbegriff nicht überstrapazieren, aber das hat uns eben sozialisiert."

"Wir haben die Regel: Bei uns spielt keine Band zwei mal. Und zweitens: Wir wollen neue Sachen haben. Da erinnere ich mich an das Jahr 2004, als wir Broken Social Scene bei uns hatten, Headliner auf der Seebühne. Für mich wird das DAS Konzert schlechthin sein – und für viele!"

Über Hype und Wirtschaftsmodelle im Pop-Bereich:

"Die Dichte und diese Hype-Kultur, die in den letzten Jahren entstanden ist, die treibt einen fast in den Wahnsinn. Da ist einfach eine wahnsinnig große Industrie dahinter. Ich war im Oktober beim CMJ-Marathon (große Musikveranstaltung in New York mit unzähligen Konzerten, Panels etc; Anm. d. Red.), dort siehst du 1.500 prekärste Schicksale, die haben null. Sie leben in einer Bubble in Brooklyn und glauben ja tatsächlich an diesen Schwachsinn. Und in Wahrheit macht MySpace Riesenkohle damit oder wer da jetzt halt dabei ist. Bei diesem Hype ist ein riesiges Wirtschaftsmodell dahinter, da wird eine Kuh vor sich her getrieben. Diese Indie-Kids sind dabei die ärmsten Schweine. Lebe einmal in Brooklyn von keiner Kohle, das ist nicht lustig! Beim Touren musst du dann mit einem beschissenen Bus durch die halbe USA fahren. Dort gibt es keine geförderte Clubstruktur wie bei uns.“

Über ein ganz spezielles Erlebnis:

„Eine meiner Lieblingsanekdoten ist folgende mit Deichkind, die 2006 bei uns gespielt haben: Es gibt im Ort einen Fleischhacker F., ein total lieber Typ. Beim Seewiesenfest 2006 geht er mit seiner Lederhose heim vom Seewiesenfest, um 3 oder 4 Uhr in der Früh. Deichkind waren mit einem Nightliner da, auf dem „Gotteskrieger“ vorne oben stand. Es hat damals so geregnet, deshalb konnten wir mit diesem Bus nicht zur Seewiese runter fahren. Beim erwähnten Fleischhacker gibt es eine Zufahrt, bei der normalerweise die Jäger die erschossenen Rehe hinschmeissen. Dahinter ist übrigens auch noch die Kirche. Dort sind dann Deichkind mit ihrem „Gotteskrieger“-Bus gestanden. Der blöde Zufall: Deichkind und der Fleischhacker F. gehen gemeinsam heim. Du musst dir vorstellen, der Fleischhacker mit dem tiefsten Dialekt und die Norddeutschen aus Hamburg von Deichkind! Jedenfalls hat F. dann den Griller angestartet, die haben 2 Kisten Bier und 2 Flaschen Schnaps vernichtet bis in die frühen Morgenstunden. In Kleinreifling, neben der Kirche, neben den toten Rehen! Das ist Seewiesenfest!“

Gerald Thalhammer:

Über Sinn und Ziel des Seewiesenfestes:

"Der Sinn ist dabei schon: Mit wenig Kapital das Bestmögliche zu machen. Kreativität ist dann auf hohem Niveau, wenn die Mittel begrenzt sind."

"Es gibt genügend Leute, man trifft sie hin und wieder, die von sich geben, dass sie nicht gerne auf große Festivals gehen und ihnen kleine Festivals mittlerweile schon sympathischer sind und genau denen wollen wir mit unserem Seewiesenfest einfach etwas bieten."

„Es ist nicht so einfach, jene Bands, die das gewisse Etwas haben, die gut auf unser kleines Fest passen, zu bekommen.“

Seewiesenfest

28. Mai, Kleinreifling

Mit Kreisky, Esben And The Witch, FM Belfast, Bilderbuch, Love & Fist u.a.

Nähere Informationen bezüglich Ticket-Preisen, Anfahrt, Camping und Line-up sind auf der Seewiesenfest-Homepage zu finden.

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