Eine darke Hostie

Drangsal ist ein Kind der 1980er. Auf seinem Debüt "Harieschaim" mimt der Newcomer den New-Wave-Messias – zwischen Kunst und Sakrament.

In Deutschland steigt ein neuer Stern am dunstigen New-Wave-Himmel auf: Drangsal nennt er sich, und er strotzt nur so vor britischen Post-Punk-Fantasien aus den 80ern. Hinter dem Pseudonym steckt ein gewisser Max Gruber, zarte 22 Jahre alt, dessen Name wohl nur ein Mustermann an Banalität übertreffen könnte.

Statt in London wurde er in Herxheim bei Landau geboren – klingt auch eher nach Landei als nach dunklem Waver. Vielleicht entstand aber genau aus dieser Trivialität Grubers artifizielle Art zu sprechen und zu singen – Letzteres übrigens in englischer und deutscher Sprache.

Renaissance längst vergessener Worte

Sein Debüt strotzt nur so vor Worten, die schon längst vergessen waren und auf "Harieschaim" nun eine düstere Renaissance feiern. Von Ingrimm und Wolpertinger ist da etwa die Rede. Oder von Hinterkaifeck, einem winzig kleinen Dorf in der Nähe von Grubers Geburtsort, das durch ein nach wie vor unaufgeklärtes Massaker im Jahr 1922 zu Bekanntheit gelangte. Dieses Düstere kommt auch live gut an: Als Vorband der postpubertären Kraftklub bespielte Drangsal heuer bereits ausverkaufte Hallen – dabei fühlt sich Grubers Projekt viel zu sehr nach Underground an, um eine Hosenträger und Collegejacken anhimmelnde Fangemeinde zu bespaßen. Der bleiche Max mit den hingekritzelten Tattoos auf dem schmächtigen Körper zieht, noch bevor der erste Ton von der Bühne zu vernehmen ist, die Blicke auf sich – eine gelungene Kunstfigur eben.

Synonym für Leiden

Dringlich, wie es der Name, ein Synonym für Leiden, Qual, geradezu verspricht, verhält sich auch der beharrlich straighte Eighties-Beat in jedem der Songs. Er katapultiert einen in die schön düstere Welt des New Wave. Drum-Machine-Sounds, wie sie bei "Do The Dominance" zu hören sind, lassen New-Order-Liebhaber in Melancholie versinken – eine Stimmung, in der es sich aber auch gut tanzen lässt. Wer nun diesen Max Gruber als Priester bei der Selbstgeißelung, beim Hostien-Austeilen und beim Schmusen mit C-Promi Jenny Elvers sehen will, sollte sich das Video zur Single-Auskopplung "Allan Align" ansehen. Und Drangsal dann auch gleich verinnerlichen, denn von ihm wird es 2016 so einiges zu hören geben.

Drangsals Debüt "Harieschaim" erscheint am 22. April 2016 via Caroline International. Zwei Konzerttermine sind auch bereits bestätigt: Mi., 23. November 2016, Salzburg, Rockhouse und Do., 24. November 2016, Wien, B72.

Bild(er) © Jim Rakete
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