Eine Multimedia-Oper, die knallt

William Kentridge wird heuer der Star beim Impulstanz sein. Seine Inszenierungen tarnen sich in kuscheliger Religionsbuchästhetik, entwickeln sich aber schnell zum eindrucksvollen Film noir.

Als »Multimedia-Oper« kündigt das Programmheft vollmundig die William Kentridge-Produktion beim diesjährigen Impulstanz an. Doppelter Schrecken! »Multimedia“? Das ist doch dieser leere Begriff für nahezu jede Form der Medialität aus den frühen 90ern. Wer kann nur außerhalb von Kunstakademien so realitätsfremd sein, den wieder aufzutauen? »Oper«, das ist doch der Ort, an dem ein unverhältnismäßig großer Teil der öffentlichen Kulturförderung zugunsten immer noch wohlhabender, aber zunehmend schlechter hörender und sehender Oberschichten-Mittbürger »investiert« wird.

»Multimedia-Oper«, das klingt verdächtig nach Musical

William Kentridge ist der bedeutendste Name, der dieses Jahr zum Impulstanz nach Wien kommen wird. Und gleich vorweg: »Multimedia« und „»Oper« beschreibt seine Performances wirklich sehr gut. Das ist aber kein Nachteil, obwohl es sich danach anhört. Es tut auch nicht wirklich weh. Man muss sich nur ein paar Zeilen nehmen, um es zu erklären. Mit Stop-Motion-Filmen in bester »Hand-zeichnet-in-Kohle-eine-Figur-die-lebendig wird«-Manier wurde Kentridge bekannt. Da er heute mit 58 zwar relativ alt, aber dann doch nicht so alt wie Käthe Kollwitz ist, läuft er damit natürlich stets Gefahr, mit einem Religionsbuch-Illustrator verwechselt zu werden. Oft thematisierte er als (weißer) Südafrikaner die Apartheid, seine Filme sind dementsprechend düster. Später projizierte er Filme in Räumen, schuf damit also (Multimedia-)Installationen. Kentridge war nie Tänzer oder Choreograf. Mit Arbeiten wie »The Refusal Of Time« für die Documenta13 hat er in den letzten Jahren seine vielleicht etwas angestaubte Dritte-Welt-Laden-Ästhetik auf Dimensionen aufgeblasen, die wirklich eindrucksvoll sind. Das Religionsbuch, das einem in einem Raum voll Ton, Tanz, Projektionen und überdimensionalen mechanischen Maschinen praktisch entgegenspringt, ist ein Konzept, dass potenziell ästhetisch Großes leisten kann.

»Zeit« steht für das Gegenteil von »Carpe diem«

Als Experte für die bedrückende Ästhetik bedrückender Themen wie der Apartheid hat sich Kentridge neuerdings auf das Thema »Zeit« konzentriert. Mit »Refuse the Hour« möchte er dementsprechend auf das genaue Gegenteil zum Motto »Carpe diem« fokussieren. Das Nachdenken und zerstückeln der Zeit beraubt uns seiner Meinung nach immer mehr an Handlungsspielraum und führt zu gruseligen Theoriegebilden wie schwarzen Löchern, die am Ende all die zerstückelte Zeit ohnehin aufsaugen. Mit »Zeit« als Thema ist plötzlich die aus der Zeit gefallene Ästhetik Kentridges wieder logisch. Die Arbeiten wirken eher klar utopisch und befreien sich vom Stigma des Gutmenschlichen. Das Aufblasen einer »Performance« zu einem Spektakel, das sich zahlloser Darstellungsformen bedient (neudeutsch »Multimedia«), scheint dadurch verständlich. Wann, wenn nicht zur Auseinandersetzung mit »Zeit« bietet es sich schließlich an, alle Register zu ziehen?

Bild(er) © 1,2,3,4: John Hodgkiss, 5: Bengt Gustafsson
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