Entlang der Penisringstraße

Schluss mit herkömmlichen Souvenirs: Design-StudentInnen der „Angewandten“ haben alternative Mitbringsel entworfen, die nichts mit Sisi und Klimt zu tun haben.

Ein Beutestück vom Urlaub mit nach Hause zu bringen: Wer hat dieses Bedürfnis nicht? Bei manchen ist es besonders ausgeprägt. Angeblich sieht sich die Hälfte aller Kunsthaus Wien-Besucher nicht einmal das Hundertwasser-Museum selbst an, sondern geht schnurstracks in den Museumsshop (oder ins Kaffeehaus). Wer einen Streifzug durch die Wiener Innenstadt oder an sonstigen touristischen Hotspots macht, wird wenig überrascht sein, dass Hundertwasser-Trash, Sisi-Devotionalien oder Klimt-Kitsch omnipräsent sind.

Vor allem Museumsshops bemühen sich jedoch, ein wenig Niveau in das Sortiment hineinzubringen. So beauftragte etwa das Freud Museum vor einigen Jahren das Wiener Designstudio dottings mit dem Entwurf von Souvenirs. Auch dem Wien Tourismus war das Thema ein Anliegen, dessen Chef Norbert Kettner weiß nur allzu gut, dass sich das Image einer Stadt in den Mitbringseln gleichsam verfestigt. Als Sieger des 2012 vom Wien Tourismus initiierten Designwettbewerbes „European Home Run“ ging das Studio Formafantasma mit eleganten Spielkarten hervor, die vom Wiener Unternehmen Piatnik produziert werden und subtil kulturelle Traditionen – von Josef Hoffmann bis Sigmund Freud – in die Gestaltung einflechten. Den Massenmarkt hat man damit allerdings noch nicht erreicht.

Alternative Souvenirs

Das nunmehrige Projekt ist eine Kooperation zwischen Wirtschaftskammer Wien (Landesgremium für Mode und Freizeit) und der Universität für angewandte Kunst. Studentinnen und Studenten der Studienrichtung Industrial Design (Klasse Paolo Piva; Projektleitung: Marcus Bruckmann) wurde die Aufgabe gestellt, Souvenirs abseits des Mainstreams zu gestalten, die dennoch möglichst markttauglich sein sollen. Schließlich gilt es, Wiener Unternehmen dazu anzuregen, die Entwürfe zu produzieren.

Die meisten der nun in einem Buch vorliegenden Arbeiten nehmen bekannte Wiener Traditionen und Institutionen als Ausgangspunkt: Das Kaffeehaus liefert viele Ideen, gleich zwei Entwürfe (von Bianca Busetti bzw. Sebastian Scholz und Pia Plankensteiner) kombinieren Wasserglas und Kaffeetasse, in einem Fall kommt ein Aschenbecher, im anderen Fall noch ein kleines Silbertablett dazu. Zwei Designer (Emanuel Gollob, David Tavcar) produzierten gar einen zerlegbaren Hocker aus Kaffeesud. Kulinarisches darf nicht fehlen: So etwa eine Verpackung für Schwedenbomben, die an Wiener Fassaden erinnert (Magdalena Akantisz) oder Schlüsselanhänger mit Schnitzel-, Sachertorten- und Würstelmotiv von Karl Sokol.

Ringstrassenpenisring

Manche wiederum machten sich völlig frei von herkömmlichen Ausgangspunkten: Lis Eich entwarf eine aufblasbare Donauinsel, weil dieses Stadtgebiet bei Souvenirs völlig ausgeblendet sei. Natürlich gibt es auch andere topografische Reminiszenzen: So designte Flora Anna Manon Lechner einen Sneaker, dessen Sohle Stadtplan-Abdrücke (eines Ausschnittes der Wiener Innenstadt) hinterlässt. David Tavcar ließ sich zusätzlich von der erotischen Seite der Stadt inspirieren und entwarf nicht nur Keramik-Phallusse mit dem Prinz-Eugen-Muster von Augarten und eine Kondomschachtel mit Lipizzaner-Motiv, sondern auch einen Penisring in Form der Ringstraße.

Viennastore

Alle Entwürfe sind in einem Begleitband abgebildet und beschrieben, der im Wiener Metroverlag publiziert wurde. Und da schließt sich der Kreis des Themas. Denn das Metroverlag-Paar Sibylle und Kurt Hamtil, beide nicht nur ungeheuer umtriebig, sondern auch designaffin, haben erst vor wenigen Wochen ein kleines Geschäftslokal im Hochhaus in der Herrengasse eröffnet: „The Viennastore“ bietet intelligente wie charmante Gadgets und „Wiener“ Produkte. Vermutlich der erste Shop seiner Art in der Stadt, in dem es weder Schnee- noch Mozartkugeln gibt. Im Übrigen haben die Hamtils auch vor, in Zukunft nicht nur Bücher zu verlegen, sondern so manche Produktidee selbst für ihren Shop produzieren zu lassen. Vielleicht findet sich ja etwas in dem von ihnen verlegten Buch?

Tipp: Die Entwürfe werden am morgigen Dienstag, den 1. April, um 18.30 im Wien Museum Karlsplatz im Rahmen einer „Ausstellung für einen Abend“ präsentiert und diskutiert.

www.dieangewandte.at

www.theviennastore.at

www.wienmuseum.at

www.wien.info

Bild(er) © David Tavcar: Phallusskulptur mit Prinz-Eugen-Muster Emanuel Gollob, David Tavcar: Wiener Cafe Stool David Tavcar: Penisring  in Form der Wiener Ringstraße Sebastian Scholz, Pia Plankensteiner: Wiener Trio Magdalena Akantisz: Verpackung für Niemetz Schwedenbomben
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