Fluchtgründe

Ein Treffen mit Susanna Bihari, Darstellerin der „Magda“ in der aktuellen Inszenierung von Wolfgang Bauers „Gespenster“ in der „Garage X“.

Theaterstücke zu lesen ist nur das halbe, wenn nicht gar kein Vergnügen. Gut also, dass es die Guckkastenbühne gibt. Und dazu das Universum des Wolfgang Bauer (1941-2005), seines Zeichens spitzfindiger Grazer Dichter und Dramatiker. Sein Künstlerdrama „Gespenster“, das vom Geist der 68er genau wie dem der Anti-68er lebt, ist derzeit am „GarageX“-Theater in Wien zu sehen. Zwei Typen, der Schriftsteller Fred (Johann Wolfgang Lampl) und sein Kollege, der Uni-Dozent Robert (Florian Kaufmann), liefern sich darin einen humorigen Schlagabtausch nach dem anderen, spielen Free Schach und saufen. Der Schmäh rennt, doch da wären auch noch die Geister, die sie riefen. The Gap bat die Schauspielerin Susanna Bihari, Darstellerin der Magda und Schlüsselfigur des Stücks, zum Austausch per E-Post.

Was kann uns das Theaterstück, in dem Fall jenes eines toten Autors, heute eigentlich noch sagen? Diese Frage taucht ständig überall auf, wird aber nie zufriedenstellend beantwortet.

Shakespeare ist auch tot und dennoch muss man sich die Frage immer wieder neu stellen. Auch wenn Klassiker oft überbewertet und als heilig angesehen werden, denke ich, dass sie nach wie vor Stoff hergeben. Bauer kann man als modernen Klassiker bezeichnen und er wird meiner Meinung nach auch immer wieder aus der Schublade gezogen, weil er es geschafft hat, gesellschaftliche Systeme und Zwischenmenschliches auf besondere Art und Weise darzustellen.

Inwiefern spielt bei der Inszenierung von Dieter Haspel die Bürgerlichkeit eine Rolle?

Ich denke Dieter Haspel hat den Text von Bauer sehr getreu, deswegen bürgerlich,

auf die Bühne gebracht. Er hat die berühmt-berüchtigte Bauer-Welt kurz wieder auferstehen lassen und das ist ihm glaube ich auch gelungen. Es war ihm wichtig zu zeigen, wie dieses Cliquensystem damals funktioniert hat, wenn sich eine abgeschottete Gruppe, die von dem Gefühl lebt, etwas Besseres zu sein, sich am Schluss als etwas Unechtes zeigt. Deswegen beschreibt Bauer die „Gespenster“ auch als negative Utopie.

Dieter Haspel hat uns Einiges darüber erzählt, wie diese Cliquen früher funktioniert haben. Ich denke, dieses Cliquentum gibt es heute vielleicht in dieser Art nicht mehr, aber genauso wie es früher in der kulturellen Highsociety en vogue war sich zusammen zu rotten und sich gegenseitig die Welt zu erklären, hat jede Gesellschaft zu jeder Zeit dieses typische Gruppensystem, in das man als Fremder nur schwer eindringen kann. Das kann man heute auch auf das Ausländer-Thema hin deuten oder was ich interessanter finde auf die permanente Überheblichkeit der Kunst sich vom „normalen" Leben abzuschotten, aus dem man ja eigentlich seinen Stoff schöpft und für das man ja eigentlich auch Kunst macht.

Gibt es bei Bauer einen emanzipatorischen Aspekt?

Da kann man vielleicht nur sagen – und in diesem Sinne hat Bauer seiner Zeit sicher vorgegriffen – dass die emanzipierten Frauen der „Gespenster“ in ihrer Emanzipation auch nicht ganz glücklich geworden sind. Wenn jeder mit jedem und alle miteinander und pseudofrei sind, das Männlein sowohl wie das Weiblein, ist am Ende keiner glücklich. Warum baut sich Christa vor den Augen Freds einen Scheidungshaufen auf, wenn sie nicht eigentlich zurück gehalten werden möchte? Oder warum kommt Fritzi trotzdem immer wieder vorbei, egal unter welchem Vorwand? Und warum lässt sich Robert trotzdem nicht von ihr scheiden, auch wenn er vor ihrer Nase mit einer anderen herumschmust? Emanzipatorisch kann man vielleicht noch am ehesten die Rolle der Magda interpretieren, die sich immerhin auf eigene Faust dazu entschließt, zu einem Typen zu ziehen, der am Boden zerstört ist und ihr eigentlich nichts bieten kann. Aber es bleibt ihre Entscheidung in diese Situation einzutreten und das Spiel mitzuspielen, was auch immer sie sich dabei erhofft.

Am Ende schmeißt der Schriftsteller Fred seine Schreibmaschine aus der Tür und Magda wird abgeführt.

Ja und zwar deshalb, weil die Leute, die einem in der Welt den Spiegel vorhalten, oft weggesperrt werden, damit man nicht an die eigene Schwäche erinnert wird.

Die Schreibmaschine schmeißt Fred aus eben diesem Grund oder teilweise deswegen weg. Das verhilft ihm für einen Augenblick vielleicht ein Stück weit zu einer Katharsis, die aber sofort wieder verfliegt, sobald ihn sein Alk-Alltag wieder eingeholt hat.

Gespenster läuft bis 4. 6., jeweils 20Uhr, in der Garage X am Petersplatz

http://www.garage-x.at

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