Sehnsucht nach der Wüste

"Mitten durch! Australien" ist das literarisch-fotografische Dokument einer außergewöhnlichen Radreise. Alleine, nur mit Kamera und Fahrrad unterwegs, durchquerte René Rusch, 35, den roten Kontinent von Port Augusta im Süden bis Darwin im Norden. Einen Crashkurs in Sachen Abenteurertum und der Suche nach Sinnlosigkeit gibt er in diesem Gespräch.

Die Reise war im Sommer nehme ich an.

René Rusch: In unserem Sommer und damit im australischen Winter. Das ist unabdingbar für das, was ich gemacht habe, denn das ginge im australischen Sommer nicht. Sonst kommst du nicht zurück (lacht). Das klingt vielleicht dramatisch, aber ich möchte die Empfehlung abgeben: wenn du durch Australien radeln willst, wähle den australischen Winter!

Du bist durch Moto-Cross-Seiten im Internet auf diesen Track gekommen. Gibt es noch andere Gründe, warum du dir Australien für deine Reise ausgesucht hast?

Rusch: Ich hab’s mir eigentlich nicht ausgesucht. Mich hat Australien eigentlich nie interessiert. Wirklich Nüsse! (lacht) Meine Schwester hat dort gelebt. Auf einer Insel im Norden, auf Milingimbi, einer ‚Aboriginal Community‘ und da es nicht klar war, ob sie wieder zurückkommt, hab ich sie besuchen wollen. Und dann habe ich mir gedacht, wenn ich schon nach Australien fliege, dann mach ich gleich was Gescheites. Und da ich vorher schon ein paar Radreisen gemacht habe, dachte ich mir: fahr ich mit dem Rad. Und da war es für mich schlüssig von Küste zu Küste zu radeln. Sozusagen eine Direttissima auf der Weltkarte. Mitten durch.

Am Anfang hab ich wirklich gar nichts über Australien gewusst. Ich hab nicht mal gewusst, ob da eine Straße durchführt. Ich hab dann recherchiert und von Küste zu Küste auf Asphalt zu radeln hat mich nicht interessiert. Weil ich dann gewusst hätte, dass ich ankomme. Auf Asphalt kann man es ziemlich genau kalkulieren. Wie viel schaff ich am Tag? 100 km gehen sicher, vielleicht gehen auch 130. Wenn ich jedoch auf Sand radle oder auf Schotter wird es spannend. Bei der Recherche zu dieser Gegend bin ich irgendwann auf den Old Andado-Track gestoßen. Eben auf einer Motocross-Seite: „Rainers Australien Abenteuer Guide“ hat die, glaub ich, geheißen.

Da hat’s dann zu kribbeln begonnen. Ich war dann schon in der Gasse drinnen: besser versuchen als es nicht probiert zu haben.

Du hast dich ein halbes Jahr auf die Reise vorbereitet.

Ich hab letztlich auch noch meinen Job gekündigt, bevor es losging. Insgesamt war ich vier Monate weg und hab eh keine Lust mehr gehabt. Ich hab mich intensiv sportlich vorbereitet. Viel Berglauf und natürlich viel Rad fahren. Aber auch nicht übermäßig. Circa drei Mal die Woche. Es war eher die Recherche im Vorhinein schwierig. Bei den Reisen davor hab ich mich immer auf Thorn Tree von Lonely Planet informiert und hab dort die Antworten bekommen, die ich gesucht habe.

Ich habe aber gemerkt, dass ich dem mittlerweile entwachsen war. Denn auf meine Fragen „Hallo, ist schon jemand von euch am Old Andado-Track geradelt?“ bekam ich fast nur wüste Beschimpfungen. So „Ja, René, unsere Leute müssen dann immer ihr Leben riskieren, um Deppen wie dich zu suchen und ich hoffe sie finden dich, damit sie dir die Rechnung für die Suche geben können“ und „Dein Skelett wird gefunden werden!“ – vollkommen abstrus und so pathetisch dick aufgetragen, dass ich mir gedacht hab: das gibt’s doch gar nicht! Das meint ihr ernst?

Ich habe dann Leute vor Ort zu kontaktieren versucht, um heraus zu finden wo es Wasser gibt. Es war natürlich schon ein Grenzgang was ich da abgezogen habe. Viel einsamer ist schwer möglich mit dem Fahrrad. Da wäre es schlicht dämlich gewesen es mit einem „Holladriho, wird schon passen“ anzugehen. Die Wasserstellen, die da waren, hab ich sicher gewusst.

Und die Verpflegung?

Ich hab wirklich viel mit geschleppt. Ich könnte nicht mehr sagen wie viel genau. Gut erinnere ich mich aber noch an das alte Brot-Thema. Überall außerhalb Mitteleuropas gibt’s ja kein gescheites Brot, also isst du Toast. Ich hab immer Toastbrot mit Erdnussbutter und drauf noch Marmelade gegessen. Und dazu noch eine Dattel oder Feige und schon fliegst du durchs Outback! Ich habe aber auch Müsli, Milchpulver und so weiter gegessen. Das ist aber nicht so das Thema. Das Wasser ist die schwierigere Frage. Weil du 5 Liter Wasser pro Tag rechnen musst. Das ist sogar wenig, weil du am Abend noch kochst. Und wenn du dich für vier Tage ausrüsten musst, sind es 20 Liter. Das ist schon viel Gewicht. Die Grenze wird also eher durch die Wasserversorgung gesetzt und nicht durch die Ernährung.

Hast du dich immer schon für Fotografie interessiert bzw. eine hypothetische Frage: hättest du die Reise auch gemacht, wenn du nicht fotografieren könntest?

So wie auch Australien hat mich eigentlich Fotografie nie interessiert (lacht). Mein Vater ist Fotograf. Der hat mir sehr viel mitgegeben. Früh schon, als ich noch ein Jugendlicher war und mein Vater und meine Schwester fotografiert haben, im Urlaub, war ich immer baff „Was? Ein Baum? Was soll das? Interessiert niemand. Fad!“. Übers Reisen bin ich dann zum Fotografieren gekommen. Auf meiner ersten Reise hatte ich noch eine Olympus mju mit. Legendär – noch vor dem Digitalzeitalter. Mit jeder Reise wurde das Equipment besser.

In Australien war es dann das erste Mal ein richtiges Vorhaben in der Art „Ich will nicht nur durchkommen, sondern ich will ordentliche Fotos mitbringen.“. Das waren meine zwei Ziele. Ob ich die Reise auch gemacht hätte ohne Fotos: ja, sicher. Weil es zwar auch darum ging die Fotos zu schießen, aber erst in zweiter Linie. Es war einfach der Reiz mich dieser Herausforderung zu stellen. Ich wollte in der Wüste radeln. Mich haben Wüsten immer so angezogen, ich weiß nicht wieso. Fast alle meine Reisen waren in Wüstengegenden. Ich habe eine unheimliche Sehnsucht nach Wüsten.

Welche Reisen hast du vor Australien gemacht?

Ich war mit einem Freund von mir in Costa Rica und Panama. Baja California (Mexiko, Anm.) war die erste Radreise, zusammen mit meiner damaligen Freundin, die mittlerweile meine Frau geworden ist. Das war die beste Zeit meines Lebens. Fünf wilde, abenteuerliche Wochen. Von dort habe ich diese Sehnsucht mitgenommen. Das ist einfach Freiheit. Du bist unterwegs und tust nichts, außer deinem dir selbst gesteckten Ziel entgegen zu radeln.

Vor Australien war ich mit dem Rad dann noch in Marokko und Kuba.

Wie manifestiert sich so ein „Schreibtischtraum nach dem Ungewissen“?

Schrittweise. Vielleicht hatte es ein bisschen auch damit zu tun, dass meine Freundin und ich zu der Zeit, als ich auf die Idee kam, für ein paar Monate getrennt waren. Mir ging’s zu der Zeit nicht so gut.

Hast du von unterwegs Kontakt nach Hause gehalten?

Ich konnte keinen Kontakt halten, weil da nichts war. Ich hab einmal unterwegs, in Oodnadatta, einer Aboriginal Community, mit meiner Freundin telefoniert. Prompt ist dann das Telefonat abgerissen und das ist dann natürlich ganz schlimm. Wenn man einander vielleicht erst wieder in zwei Wochen hören wird und sich nicht einmal gescheit verabschieden kann. In Alice Springs, als ich den schwierigen Teil geschafft hatte, habe ich dann auch meinen Vater, meine Schwester und meine Mutter angerufen, aber auch nicht alle erreicht.

Besonders der Streckenabschnitt Old Andado durch die Simpson Wüste hatte es in sich. Du schreibst: „Werde als lachhafte 2-Satz-Meldung in einem australischen Lokalblatt enden. Tourist tried to cycle in the Simpson Desert. Died of thirst.“. Da du ja auch hättest verrecken können nun die Frage: hattest du auch Todesangst auf deiner Reise oder Angst, dass du wahnsinnig wirst?

Ich bestreite, dass ich hätte verrecken können! Ich habe aber begonnen mit mir selbst zu sprechen. Die Strecke im Süden war zunächst in ganz ordentlichem Zustand. Die Sandpiste wurde aber immer schwieriger. Das Schlüsselstück hat kurz vor Alice Springs gewartet. Alle Pisten, die ich vorher geradelt bin, waren dann so etwas wie ein imaginärer Gradmesser für das, was folgte: Wenn es gut gelaufen ist, habe ich Mut getankt, wenn es schlecht gelaufen ist begannen diese Fragen „Oje, oje, das ist aber wirklich eine schlimme Piste, was mach ich, wenn es so weiter geht?“. Das waren schon Momente, wo ich gemerkt habe, dass mich der Trip an meine Grenzen führt. Weil ich, je länger die Reise gedauert hat, nur noch dran gedacht habe: „Wie wird diese Schlüsselstelle? Wie wird das werden? Wie wird das werden?“

Und wie war die?

Nicht schön (lacht). Schöne Aussicht. Hübscher, rostroter Sand. Viele Blümchen. Es war mein Glück, dass es geregnet hat, kurz bevor ich dort war, was ganz selten ist. Und die Wüste, durch die ich geradelt bin, hat geblüht. Aber der Old Andado-Track: ja, es ist wirklich keine gute Idee dort Rad zu fahren, muss ich sagen. Aber es lief ganz gut. Weil ich, als ich dort war, schon so fokussiert war, dass ich nur noch geradelt bin. So Angstattacken passierten eher zwischendurch, wenn du stecken bleibst und für Stunden nur schiebst, weil es so sandig ist, dass du nicht fahren kannst. Man fängt dann eben manchmal an, mit sich selbst zu sprechen.

Wie lang war die Schlüsselstrecke?

230 Kilometer. Der Old Andado-Track war die längste wasserlose Strecke und die, die am tiefsten in der Sandwüste lag.

Kannst du jetzt, mit einigem Abstand betrachtet, ein persönliches Resümee abgeben, ob sich deine Sinnsuche erfüllt hat bzw. hast du überhaupt nach Sinn gesucht?

An der Beantwortung dieser Fragen scheitere ich immer noch. Ich hab nicht nach Sinn gesucht. Es war nichts Spirituelles. Ich weiß nicht, ich war einfach nur geil drauf das zu machen.

Die Reise hat ja auch einige Naturwunder bereit gehalten, wie die Dalhousie Springs oder den Prototyp einer perfekten Schlucht in Katherine Gorge. Inwiefern zehrst du, zurück in der Großstadt, noch von diesen Eindrücken bzw. hast du weitere Reisen geplant?

Wir wollten durch Argentinien und Chile über die Anden radeln, sind aber gescheitert. Es war also eher nicht so, dass ich mir die Hörner abgestoßen habe mit der Reise. Nach und nach kann ich vielleicht sagen – ich bin mittlerweile Vater geworden – dass ich ein bisschen meinen Frieden mit dem Reisethema gefunden habe. Es nagt jedenfalls nicht an mir, dass ich es nicht probiert oder nicht geschafft habe. Es ist gut, es durchgezogen zu haben.

Plätze wie Katherine Gorge gesehen zu haben, machen mich im Alltag sicher nicht glücklicher. Aber es sind schöne Erinnerungen.

Du hast die Reise allein gemacht und hast Tagebuch geführt. Am Stuart Highway auf der Nordstrecke schreibst du: „Jetzt allerdings fühlt sich mein Hintern an wie ein weich geklopftes Stück Schnitzel, in dessen zermerscherte Fasern soeben ein Stück englischer Spezialsenf von Ramsa geschmiert worden ist.“ Inwiefern wird in diesem Zusammenhang das Alleinsein zum Problem?

Der Stuart Highway war wirklich eine Prüfung in Sachen Eintönigkeit. Da ist links und rechts nur Gestrüpp. Das ist das Gegenteil von spektakulär. Ich hab dann angefangen, mir Wettrennen mit mir selbst zu liefern, wie viel ich am Tag schaffen kann. Im Tagebuch gibt’s dazu Eintragungen wie: „Ich zähes, geiles Ultraviech!“ und die Kilometerleistungen, die ich vollbracht habe.

Im Süden war ich, so blöd das klingt, ein Mann auf einer Mission, mit dem Gefühl etwas für mich wirklich Großes, Schweres, Abenteuerliches zu machen und nachdem ich gelernt habe mit der anfänglichen Einsamkeit umzugehen war ich da, wo ich habe sein sollen. Ich hab mein Bestes gegeben, war gut vorbereitet und hab auch Glück gehabt. Im Norden war dann vor allem Transit.

Du bist also sozusagen ein Sinnlosigkeitssucher.

Ja, sehr gut! Das stimmt nämlich wirklich. Oft danach haben mich Leute angesprochen „Bist du jetzt erleuchtet? Was hast du an Weisheiten mitgenommen?“, aber die Ausbeute ist sehr bescheiden ausgefallen. Just do it! Das ist die Weisheit. Es fühlt sich gut an es versucht zu haben. Die Sinnlosigkeit erfährt man natürlich noch viel besser in so kargen Wüstenlandschaften, als wenn’s rundherum bunt und lebensfroh ist.

War es für dich auch ein politisches Statement anders zu sein als der Ottonormalverbraucher?

Nein. Das fände ich unangenehm und arrogant.

Dann ist es sicher mehr so eine Tom Hanks-Wilson-Geschichte, oder? Ich kenn aber den Film (Cast Away, Anm.) nicht muss ich dazu sagen.

Tom Hanks hat Wilson, den Volleyball, mit dem er redet. Er baut sich ein Floß, um von der Insel weg zu kommen, dann kommt ein Sturm und der Wilson fällt ins Wasser. Er versucht verzweifelt noch den Wilson zu retten und dreht halb durch weil er weg ist. So was kann man dann natürlich zweifach dreifach gut nachvollziehen, weil deine Gefährten dir natürlich sehr ans Herz wachsen, also dein Fahrrad und deine Kamera. Ich hab zum Beispiel auch im Tagebuch geschrieben: „Wir sind schon ein gutes Team!“ (lacht). Ganz allgemein: Wenn du schöne Fotos schießen willst und du bist an so einem Ort wie zum Beispiel Dalhousie Springs und hast dein Rad dabei ist das natürlich großartig. Die anderen haben ihre Jeeps, aber mit denen kannst du nicht überall herumfahren. Das ist verboten und wäre auch dämlich. Aber mit dem Fahrrad fräst du durch die Landschaft, bleibst stehen, machst da ein Foto und hier ein Foto – also wir waren schon ein gutes Team, wir drei! (lacht).

Hat dein Rad einen Namen?

Nein, das ist mir kaputt gegangen. Eine weitere zerbrochene Liebe. Nichts währt für die Ewigkeit.

Und jetzt hast du ein neues Rad?

Ich hab mehrere Räder, die ich alle sehr gerne hab.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mitten durch! Australien – Roadmovie in Standbildern von René Rusch ist soeben im Heyn-Verlag erschienen.

Fotos © René Rusch

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