Das postfaktische Zeitalter: Früher war mehr Wahrheit

Wird dank Trump, Brexit oder FPÖ in der öffentlichen Debatte heute mehr gelogen als früher? Jein. Die Änderungen sind tiefgreifender: Technische Entwicklungen nagen am Fundament dessen, was wir unter einem »Fakt« verstehen.

Es gibt Sätze, die werden immer unheimlicher, je öfter man sie liest. Anfang Juni, am Höhepunkt der Brexit-Debatte, saß Michael Gove, prominenter Kopf der leave-Kampagne, als Gast in einer TV-Diskussion. Dort wurde er gefragt, ob er einen Ökonomen nennen könne, der für den Brexit sei. Seine Antwort war kurz und prägnant: »Ich glaube, die Leute in diesem Land haben genug von den Experten.«

Willkommen im postfaktischen Zeitalter. Der Begriff geistert seit ein paar Monaten durch die internationale Presse. Und wie so oft bei großen Zeitdiagnosen weiß fast niemand so richtig, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Beobachtung, dass in der politischen Diskussion »die Fakten« eine immer geringere Rolle spielen würden. Sowas ist natürlich immer auch gefühlte Wahrheit. Ein Conformation Bias, bei dem man sich auf wundersame Weise immer nur an die Fälle erinnert, welche die These stützen. Aber in der Tat gab es im letzen Jahr einige auffällige Phänomene. Der Vormarsch von AfD und FPÖ, inklusive des Begriffs der »Lügenpresse«. Die Brexit-Kampagne, auf deren Bussen die falsche Zahl von den 350 Millionen Pfund plakatiert war, die London angeblich wöchentlich über den Kanal nach Brüssel schicken würde. Oder Donald Trump, dessen Kampagne die innere Kohärenz von Schrödingers Katze hat.

Das würde eigentlich nur Politikjournalisten und andere professionelle Wichtigtuer interessieren, wenn das nicht Teil einer größeren Entwicklung wäre. Und wie so oft steht dahinter zumindest (auch) eine technische Revolution. Der Siegeszug des Internets und vor allem der Sozialen Medien hat die Kommunikation grundlegend verändert. »Disruptive Technologie« heißt das in der Fachsprache.

Das grundlegende Paradoxon ist ja, dass eine dramatische Zunahme an stetig verfügbarer Information zu weniger Fakten führt. Heute steht ein Heer von Informationen und Quellen vermeintlich gleichberechtigt nebeneinander. Man muss sich das vorstellen wie einen Sternenhimmel: Wenn man nachts in Wien in den Himmel schaut, leuchten ein paar helle Sterne neben einigen matten. Wer mehr sehen will, muss schon in ein Observatorium. So war das früher auch mit den Informationen. Heute steht man eher mitten in der nächtlichen mongolischen Steppe: Um einen herum ein Meer aus tausenden Lichtpunkten. Wunderschön. Aber auch überwältigend und kaum zu überblicken. Facebook, Twitter und Google schleudern dem User zu jeder Tages- und Nachtzeit unzählige Links und Informationen entgegen, die nach einem undurchschaubaren Algorithmus ausgewählt werden. »Heute haben mehr Menschen Zugang zu mehr Informationsquellen«, sagt Fritz Hausjell, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Wien. »Das ist etwas Positives. Das Problem ist, dass die Leute keine ordentliche Quellenkritik lernen.« Im Social-Media-Zeitalter stehen obskure Blogs neben Artikeln der New York Times. Natürlich hat Letztere nicht automatisch immer Recht. Aber genauso natürlich ist sie mit ihrem institutionalisierten System aus Factchecking und Zwei-Quellen-Politik eine bessere Quelle als fischundfleisch oder mir-reichts-langsam.blogspot.com. Das muss man halt wissen.

Politiker nutzen die neuen Kanäle, um direkt mit dem Publikum zu kommunizieren, ohne ihre Message durch den Medienfilter laufen lassen zu müssen. Das ist legitim. Und dass die FPÖ damit viel früher begonnen hat als andere und jetzt über einen schwer aufholbaren Vorsprung verfügt, ist eigentlich auch schon ein alter Hut. Trotzdem lässt sich an Straches Facebook-Seite sehr schön zeigen, wie er Kampagnen und Themen lanciert und so eine kritische Masse erreicht, die wiederum traditionelle Medien in die Berichtspflicht bringt. Der Parteichef kann da inzwischen weitgehend schalten und walten, wie er will. Mit Fakten hat das oft nur am Rande zu tun. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass das für manche FPÖ-kritische Seiten genauso gilt.

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Bild(er) © Erli Grünzweil
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