Frühlingsgefühle sind überbewertet

Intensiv, schaurig, manisch. Scout Niblett gastierte gestern in der Brut. Mit ihrem gewohnt reduzierten Gitarrenspiel und prägnantem Stimmeinsatz sorgte sie für einen unvergesslichen Konzertabend.

Ich möchte mich auf diesem Wege bei dem Pärchen bedanken, dass sich gestern ungefragt vor mir breit gemacht hat. Danke dafür, dass ihr nicht nur euch, sondern auch euren belanglosen Freitagabend vor mir ausgebreitet und mir die Sicht genommen habt. Warum ihr ein Scout-Niblett-Konzert zum Ort des Austausches eurer blutleeren Zärtlichkeiten erwählt, ist mir indes ein Rätsel. Daran, dass ihr gerade alle Parks mit eurer öden Zweisamkeit zumüllt, kann ich mich ja noch gewöhnen, dass ihr das auf einem Scout-Niblett-Konzert macht, ist aber reine Boshaftigkeit und grenzt schon fast an Slumming.

Das, was Emma Louise Niblett da gestern verhandelte, war die Antithese zu euren Frühlingsgefühlen. Es war eher das, was vielleicht einmal daraus werden wird. Wie etwa in der großartigen Mörderballade „Gun“, dem Opener ihres letzten Albums „It’s Up To Emma“, auf dem sie kompromisslos alle Beziehungsende-Trauerstadien durchexerziert. Anders als auf dem Album, auf dem sich auch Streicher finden, kam sie gestern nur in Begleitung ihrer Gitarre und Effektgeräte – vor allem Distortion. Das wurde aber nicht dafür genutzt, um durch mehr Volumen aus ihrem großartig reduzierten Songwriting auszubrechen – nur ganz selten driftete sie in flächigere Crunch-inspirierte Passagen –, sondern um der Beklemmung neue Facetten hinzuzufügen.

Auch „Kiss“, das Duett mit Bonnie „Prince“ Billy, stemmte sie alleine. Allerdings nicht mühelos – die hervortretenden Adern auf ihrem Hals im dramatischen Refrain, der kurze Moment nach dem Song, den sie brauchte, um wieder aus diesem heraus auf die Bühne der Brut zu finden, ließ erahnen, dass das, was sie da erschafft, seinen Tribut fordert. Neben bekannten, gab es auch neue noch unveröffentlichte Nummern – gemeinsam ergab das ein extrem dichtes Set, dem das Publikum auch fast durchgehend mit der nötigen Konzentration begegnete.

Stimmungstechnische Vorarbeit dafür leistete Lukas Lauermann. Mit Cello, Looper und weiteren Effektgeräten, schafft er changierende Soundscapes. Es liegt vielleicht einfach am Cello und ich hoffe, man tut ihm damit nicht unrecht, aber als gemeinsamer Nenner seiner Stücke, kann die Suche nach der Schönheit gelten. Ihren unterschiedlichsten Ausformungen – von Heiterkeit bis Schwermut – und ihren Grenzen und Widersprüchlichkeiten, die Schönheit immer vom bloßen Kitsch trennen. Das ist ihm auch gestern wieder gelungen.

Scout Niblett und Lukas Lauermann waren am 2. April 2016 in der Brut in Wien live zu sehen.

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