Gefühlte Wahrheiten

Philipp Poisel und Matthias Schweighöfer veröffentlichen fast zeitgleich Alben. Das macht Sinn, so muss die Zielgruppe nur einmal zum Elektronikdiscounter.

Matthias Schweighöfer und Philipp Poisel – partners in crime. Ihr Anklagepunkt: Überbordende, vorhersehbare Romantik für das kleine Emotionsbudget. Der eine macht seit Jahren immer den selben Film, der andere war lange weg, erst weit nach Release von »Wo fängt dein Himmel an« und »Bis nach Toulouse« wurde er zu dem Star, der er heute ist – TV-Formaten und deren Kandidaten sei Dank. Dass nun das erste Album des einen und das dritte Album des anderen fast gleichzeitig veröffentlicht werden, macht durchaus Sinn. Die vornehmliche Zielgruppe, wohlstandsverwahrloste MieterInnen von Doppelhaushälften, muss sich nur einmal zum Elektronikdiscounter bequemen. Und Amazon & Co tun sich mit »Related Articles« leichter.

Philipp Poisel © Christoph Köstlin

Soundtrack für jeden seiner Filme

Nach sieben langen Jahren Hiatus hat sich bei Philipp Poisel musikalisch wenig getan. Auf »Mein Amerika« ersetzen die USA das zuvor geliebte Frankreich, Poisel tanzt in »San Francisco Nights«. Auch wenn er in seiner Instrumentierung leicht elektronischer ist, dominieren die Klavierballaden mit den ganz großen Gefühlen, folgerichtig sind auch »Roman« und »Das Ende der Hölle« die größten Highlights eines passablen Albums. Mörderhits wie »Wie soll ein Mensch das ertragen?« sucht man aber vergeblich. Während der bereits etablierte Songwriter seiner Profession nachgeht, hat der Schauspieler/Regisseur und das lebende romantische Klischee Schweighöfer professionell nachhelfen lassen. Filmmusikkomponisten und Texteschreiber werden beigestellt, nur Singen muss er selbst. Ja, auch ein bisschen getextet hat er. Aber mit seinen Songs ist es wie bei seinen Filmen: Kennst du einen, kennst du alle. Musikalisch ist das Mainstream-Pop, nicht umsonst sind auch Coldplay die deklarierte Lieblingsband. Die Lieder erklären sich am besten mit einer Filmszene: Zehn Minuten vor Ende erkennt er seinen romantischen Fehler, sucht die Frau seines Herzens, bis er sie schließlich findet und sich alles in Wohlgefallen für die Lonely Hearts in den Kinostühlen auflöst. Genau auf diese Szene kann man wahllos Schweighöfers Songs setzen, sie passen immer. Wenn man auf Schweighöfer-Filme und die dazugehörigen Soundtracks steht.

»Lachen Weinen Tanzen«, das Debütalbum von Matthias Schweighöfer erscheintam 10. Februar 2017 bei seinem eigenen Label Pantasounds. Livetermine sind keine bekannt. »Mein Amerika« von Philipp Poisel erscheint am 17. Februar 2017 bei Grönland Records. Am 5. April tritt Poisel in der Wiener Stadthalle auf, am 13. Juli in der Freiluftarena der Messe Graz und am 14. Juli am Linzer Domplatz.

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