Grätzel-Graffiti-Guide

Ein engagiertes Wiener Projekt sammelt Geld für einen Street-Art-Stadtführer, der noch im Sommer erscheint. Wir sprachen mit dem Herausgeber.

© Vienna Murals

Eine junge Rothaarige schaut über die Schulter auf den Brunnenmarkt. Sie trägt einen Käscher, und sie ist überlebensgroß. Die Menschen, die an ihr vorbeigehen, wirken wie kleine Tierchen, wie Beute. Obwohl, es geht gar nicht um Mutanten oder Riesen, die Zwerge fressen, sondern um Street Art.

Die betreffende Dame ist auf der Mauer eines Wohnhauses in der Ottakringer Brunnengasse zu sehen. BEZT von der Etam Cru hat sie in Form eines Murals, eines Wandbildes, dort verewigt. Und bevor Witterung oder andere Künstler ihr zusetzen, hat das Projekt „Vienna Murals“ sie im Jänner auf Facebook dokumentiert. Das Wort Mural leitet sich vom spanischen Wort muro (Mauer) beziehungsweise Muralismo, dem Muralismus, ab. Ursprünglich ist es eine in Lateinamerika entstandene Kunstform, die Wandgemälde in allen denkbaren Formaten zum Gegenstand hat.

BEZT (Etam Cru), Brunnengasse 36, 1160 Wien (Foto: Vienna Murals auf Facebook)

Was will Vienna Murals?

Der Hobby-Dokumentarfilmer Thomas Grötschnig rief das Online-Projekt Vienna Murals 2016 ins Leben. Sinn und Zweck ist es, Straßenkunst in Großformaten für die Ewigkeit festzuhalten. Es will Wien als Street-Art-Stadt erfahrbar, auf die Gemälde allgemein aufmerksam machen. Die Bilder werden mit Titel und/oder Pseudonym, kompletter Adresse, Entstehungsjahr und auch Kuratoren angegeben. Neben Facebook sind die Fundstellen in einer Onlinekarte direkt markiert. Fotos sind zudem auf Instagram zu sehen.

„Wow, echt so viele?“

Die Leute glauben, für Straßenkunst müsse man ins Ausland reisen, meint Grötschnig. Dabei gäbe es auch in der Donaumetropole mindestens seit 2013 eine lebendige Szene, die auch immer wieder Maler aus dem Ausland anlockt. Die eingangs erwähnte Etam Cru etwa ist aus Polen.

Letzten Sommer, beim Spaziergehen mit seiner Freundin, stachen Thomas die heimischen Wandgemälde besonders ins Auge. Er erzählt: „Wir haben wahnsinnig viele Werke in ganz Wien gefunden und gesagt: ‚Wow, echt so viele?‘ und vor allem wirklich so geballt teilweise, dass man wirklich um zwei Häuserecken geht und da findet man schon das nächste.“

Die „Künstlerinnen und Künstler“, wie der Initiator von Vienna Murals ständig betont, lerne man auf Kulturevents, bei Vernissagen, Festivals kennen. In Gesprächen käme man schnell drauf, wer, um in seinem Duktus zu bleiben, die Schöpferin, der Schöpfer eines bestimmten Murals ist. Nach seiner Erfahrung arbeiten an der Verbreitung von Street Art „einfach wahnsinnig viele Leute.“

„Ich finde es sehr wichtig, das normalen Leuten nahezubringen, dass es da größere Akzeptanz gibt“, erklärt der Aficionado weiter, „dass die sagen, okay, das verschönert die Stadt, das ist nicht Vandalismus, dass man das als Kunst anerkennt.“ Thomas ist davon überzeugt, dass bei steigender öffentlicher Akzeptanz künftig „auch mehr Förderungen von öffentlicher Hand für diverse Projekte“ fließen, damit die legalen Wände in Österreichs Hauptstadt zunähmen. „Das wäre einfach großartig“, schwärmt er, und fügt an: „Wien ist cool so, wie es ist. Aber umso bunter, umso cooler und schöner wird es.“

Jetzt also ein Buch

Vienna Murals hat sogar eigene Kunstwerke kuratiert und bei der Realisierung dritter mitgeholfen. Im Netz werden jedenfalls jeden zweiten Tag neue Wandbilder vorgestellt. Auf den eigenen Web-Kanälen lädt Vienna Murals manchmal auch Videos hoch, etwa jenes für ein aktuelles Crowdfunding: Grötschnig gibt nämlich mit dem „Street Art Guide Vienna“ noch diesen Sommer einen Stadtführer der anderen Art im Selbstverlag heraus. Und das ist, wie das gesamte Projekt, nicht auf die Szene beschränkt.

„Street Art ist schnelllebig“, urteilt unser Gesprächspartner, „Internet ist auch schnelllebig. Insofern ist es oft so, wenn man im Internet was postet, dass es dann nach zwei Tagen gar nicht mehr gesehen wird.“ Ein Buch macht deshalb Sinn. Es erzwingt einen anderen, aufmerksameren Blick auf die Umgebung und die Werke als ein Smartphone. Der Guide zeige auch deutlicher auf, wo ein Bild hängt oder hing, bevor es übermalt, verbaut, die Mauer dahinter abgerissen wird oder es einfach verwittert.

Der Street Art Guide Vienna kann natürlich nur als Momentaufnahme funktionieren. Doch Thomas verspricht: „Weitere Versionen sind geplant, falls das Buch auch nach dem Crowdfunding ein Erfolg bleibt.“

Der erste Street Art Guide Vienna erscheint im Selbstverlag in einer Erstauflage von 1000 Stück à 100 Seiten. Er liegt im A5-Querformat vor und 120 Exemplare sind bereits verkauft. Spätestens Anfang September soll der Guide dann in Wiener Buchläden, Cafés, Designshops und Graffitishops, aber auch online bei Vienna Murals erhältlich sein. Der Stückpreis wird sich so laut Thomas Grötschnig bei 10-12,50 Euro einpendeln, damit es nicht allein ein Liebhaber-Buch wird.

Es ist ein komplettes Do-it-Yourself-Prokjekts, von der Recherche über die Fotos bis zum Layout. Dabei lehnt es sich an die Social-Media-Seiten von Vienna Murals an.

Beispielseite aus dem „Street Art Guide Vienna“. © Vienna Murals

 

Detailplan des Street Art Guide Vienna © Vienna Murals

Das Crowdfunding läuft noch bis 13. August über Startnext. Es soll die letzten offenen Kosten decken. 

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