Great! Terrific!

Blogs wie Dezeen.com gelten in Designerkreisen als die besten Tools zur weltweiten Publicity. Sie erhöhen das Tempo der Bilderproduktion gewaltig. Nicht alle können da mithalten.

Wo immer zurzeit eine größere Veranstaltung zum Thema Design stattfindet: Marcus Fairs war schon da. In Medienkreisen wird der Initiator von dezeen.com als eine Art Mark Zuckerberg der Design- und Architekturpublizistik abgefeiert. Da schadet es nicht, wenn die passende Gründungslegende zur Hand ist: Er habe den Blog vor fünf Jahren mit ein paar Pfund Grundkapital gelauncht, mittlerweile verzeichne er mehr als zwei Millionen Besuche pro Monat. Jährliche Traffic-Verdoppelung ist ebenfalls kein schlechtes Verkaufsargument. Denn dass der ausgebildete Designer und Publizist mittlerweile ordentlich Kohle macht, versteht sich von selbst. Nicht nur mit Bannerwerbung und Editorial Promotion, sondern auch mit der Plattform dezeenjobs.com, wo Büros nach Kreativen angeln können, mit einem Online-Designeruhren-Shop oder mit dem Londoner Pop-Up-Shop The Temporium, wo man von 1. bis 24. Dezember Design-Zeugs shoppen kann. Kürzlich wurde dezeen.com vom Time Magazine in die Liste der 100 einflussreichsten Kräfte in der globalen Designszene aufgenommen.

Nichts ohne Bilder

Wie so oft bei Internet-Erfolgsgeschichten, scheint die Ausgangsidee von dezeen.com simpel zu sein: „Unsere Mission ist es, eine sorgfältige Auswahl der besten Architektur-, Design- und Innenraum-Projekte aus der ganzen Welt vorzustellen – vor allen anderen.“ Jeder kann ein Projekt einreichen, die Chance auf ein paar Stunden „Ruhm“ ist allerdings nicht sehr groß, denn nur etwa fünf Projekte werden pro Tag präsentiert. „Ich alleine bekomme 200 Projekte pro Tag vorgeschlagen“, so Fairs, „und unser Redaktionsteam besteht aus vier Personen.“ Ordentlich anstrengen ist also angesagt, ohne exzellentes Bildmaterial braucht man gar keine E-Mail zu schicken. „Ich lese normalerweise die erste Zeile einer Anfrage und springe dann automatisch zu den Bildern weiter“, erklärt Fairs seine Vorgangsweise. Nicht gerade viel Zeit für eine genauere Auseinandersetzung mit einer Idee, einem Produkt oder einem Gebäude, das über Jahre hinweg entwickelt und geplant wurde.

Bleibt da nicht etwas auf der Strecke? Muss der Entwerfer stets die Medientauglichkeit eines Entwurfes mitdenken? Und können sich jüngere Designer exzellentes Bildmaterial überhaupt leisten? „Bei den heutigen technischen Möglichkeiten gibt es keine Ausrede für schwache Bilder“, ist sich Marcus Fairs sicher. „Es genügt nicht, eine gute Idee zu haben, sondern man muss sie bildlich so präsentieren, dass sie überwältigt und eine Geschichte erzählt.“ Mit Oberflächlichkeit habe das gar nichts zu tun, denn dezeen.com publiziere auch dann ein Projekt nicht, wenn die Bilder zwar gut, die Idee aber schlecht sei. Den Vorwurf einer gewissen Slickness lässt Fairs auch nicht auf sich sitzen: „Wir veröffentlichen nicht nur Hochglanzfotos, sondern auch solche, die bewusst Regeln brechen und rau sind. Aber letzten Endes müssen sie immer eine Story leicht verständlich kommunizieren. Denn Internetuser haben keine Geduld.“

Blogs wie dezeen.com oder designboom.com sind die Nachkommen von Lifestyle-Magazinen à la Wallpaper und Frame, nur eben schneller und flexibler. Eines haben sie gemeinsam: Der journalistische Part beschränkt sich auf die Bildauswahl und die kurze Beschreibung des Projekts. Eine tiefere Auseinandersetzung oder gar Kritik hat da keinen Platz. Für letztere sorgen bei Blogs die Poster, deren demokratischer Input freilich den üblichen Schönheitsfehler des Internet hat: Er bleibt stets anonym und ist bisweilen nicht zimperlich, geschweige denn objektiv nachvollziehbar oder argumentiert. „Great! Terrific!“, lästert da ein User über einen Beistelltisch des dänischen Produzenten Montis, „amazing & ugly“ findet ein anderer das Museum Liaunig der österreichischen Architekten Querkraft – in beiden Fällen mutmaßlich, ohne jemals dort gewesen zu sein oder das Möbel ausprobiert zu haben. Auch mit indirekten Plagiatsvorwürfen ist man in den Kommentaren oft schnell zur Stelle („pretty similar concept“), als dürfe niemand die Idee eines anderen weiterentwickeln.

Verheizte Ideen

Und was meinen die Designer selbst? Als prominentester Skeptiker meldete sich der Deutsche Stefan Diez vor einiger Zeit zu Wort als er meinte, dass jede Idee, die man auf dezeen.com publiziere, verheizt sei. Bei den heimischen Gestaltern äußert man sich hingegen tendenziell wohlwollend bis differenziert: „Mit Dezeen haben wir gute Erfahrungen gemacht, mit Designboom weniger“, meinen etwa Katharina Mischer und Thomas Traxler vom gleichnamigen Designbüro Mischer Traxler. „Blogs sind halt journalistische Tätigkeiten, und die einen nehmen sie ernst und machen gute Arbeit, und andere kopieren einfach die Einträge der anderen.“ Zurzeit hätten sie zwei Projekte, die sie gerne publizieren würden, doch es fehlt an der Zeit, um so gutes Material zusammenzustellen, dass es für einen wichtigen Blog reicht: „Pressearbeit ist Arbeit“, bringen es Mischer Traxler auf den Punkt. Besonders im Bereich der Videos würden sie hinterher hinken. Während auf Youtube und vergleichbaren Kanälen oft gerade die Amateurhaftigkeit ihren Reiz hat, liegt die Latte bei dezeenscreen.com schon deutlich höher und erfordert größere Investitionen. „Aber natürlich wäre es für unsere Projekte gut, mehr Videos zu haben, weil Prozesse, Maschinen und unsere Rumkugelbahnen nicht statisch sind, sondern bewegt – und dann macht ein Video eigentlich mehr Sinn.“

Das wissen auch die drei Jungdesigner vom Studio Breaded Escalope, das sich mit Performances einen Namen gemacht hat und daher zwangsläufig auf Videos setzt. „Wir nützen hauptsächlich neue Medien zur Verbreitung von Ideen und Projekten“, so Sascha Mikel, Martin Schnabl und Michael Tatschl. Es gebe zwar keinen Masterplan, jedoch kontinuierliches Learning by Doing. Und eine grobe Aufteilung: „Facebook für kurzfristige Ankündigungen, unsere Website für detaillierte Informationen und Blogs für einzelne Projektvorstellungen.“ Letztere schätzen sie auch als Inspirationsquelle und zur Identifizierung von Trends. „Doch dieser Vorteil von Blogs kehrt sich bei intensivem Konsum schnell ins Gegenteil um. Irgendwann werden die eigenen Ideen nicht mehr als eigenständig betrachtet.“

Blogs und Foren:

dezeen.com

designboom.com

slanted.de (spezialisiert auf Typografie)

stylepark.de

itsnicethat.com

designbote.com

designsponge.com

inhabitat.com

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